Als Rabbi Meir in Wasserburg festgehalten wurde

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Die Postkarte mit dem Stempel vom 30. Januar 1953 zeigt eine Ansicht von Schloss und Halbinsel Wasserburg.
Die Postkarte mit dem Stempel vom 30. Januar 1953 zeigt eine Ansicht von Schloss und Halbinsel Wasserburg. (Foto: Quelle: Sammlung Karl Dietlein; Repro: Schweizer)
Karl Schweizer

Im Gefängnis der Burg Wasserburg wurde um die Jahre 1286/87 der jüdische Rabbiner Meir auf dem Weg zu seiner Verurteilung in Haft gehalten. Er hatte den Willen des Habsburgerkönigs Rudolf I. nicht beachtet.

Das Sankt Gallische Lehen Wasserburg wurde um 1280 von den adeligen Brüdern Ulrich und Marquard von Schellenberg, beide aus dem Gebiet des heutigen Fürstentums Liechtenstein stammend, für 500 Mark Silber erworben. Die neuen Besitzer ließen die Burg erneuern und vergrößern sowie die kleine Siedlung bei der Burg mit dieser zusammen durch eine Mauer befestigen. Dass daraus eventuell eine kleine Stadt entstehen könnte, verärgerte die Herren der benachbarten Reichsstadt Lindau.

Doch die beiden auch an Bildung interessierten Schellenberger standen dem damaligen König Rudolf I. von Habsburg nahe und waren wiederholt dessen Landvögte in Oberschwaben und damit die Repräsentanten der königlichen Gewalt in Schwaben. Ihr Bruder Konrad war darüber hinaus nach seinem Studium in Bologna für die Jahre von 1293 bis 1305 als Pfarrer von Lindau bekannt. Trotzdem brannten dann 1358 Soldaten der Reichsstadt Lindau die aufstrebende Siedlung Wasserburg nieder.

1286 wurde der jüdische Rabbi Meir im Gefängnis der Burg Wasserburg festgehalten und die stichhaltigsten Argumente der wissenschaftlichen Diskussion hierzu sprechen dafür, dass dies Wasserburg am Bodensee war, wie Karl Heinz Burmeister überzeugend dargelegt hat.

Rabbi Meir ben Baruch, um 1220 in Worms geboren, war Rabbiner (Priester) und Richter der jüdischen Gemeinde in Rothenburg ob der Tauber, leitete die dortige Talmudhochschule (Jeschiwa) und war häufig Vorbeter an den hohen mosaischen Feiertagen. Sowohl jüdische wie auch christliche Quellen betrachten ihn als einen der hervorragendsten jüdischen Geistlichen des 13. Jahrhunderts in Deutschland, und dies, obwohl er keine offizielle Funktion für die gesamte „deutsche Judenheit“ bekleidete. Bereits als junger Mann hatte er gegen die judenfeindliche Verbrennung eines Talmuds in Paris, des zweiten grundlegenden Buches des jüdischen Glaubens neben den Fünf Büchern Moses der Hebräischen Bibel, ein berühmtes Klagelied verfasst. Rabbi Meir war damals für den Papst, die christliche Oberschicht in Mitteleuropa sowie den Kaiser ein Begriff.

Als sich während der Regentschaft des deutschen Königs Rudolf I. von Habsburg (1273 – 1291) die gesellschaftliche Lage der Menschen mit jüdischem Glauben erneut verschlechterte, stellte sich Rabbi Meir an die Spitze einer mitteleuropäischen jüdischen Flucht- und Auswanderungsbewegung nach Palästina. 1286 machten sich er, seine Familie sowie Freunde gegen den sich abzeichnenden Willen des Königs zusammen auf den Weg nach Palästina. Durch einen zum Christentum konvertierten ehemaligen Juden denunziert, wurde Rabbi Meir am 26. Juni 1286 auf Anordnung des Bischofs von Basel, welcher sich gerade auf der Rückreise von Rom befand, vom Grafen von Görz im Lombardischen Gebirge verhaftet. Ein Verbot, das den Menschen jüdischer Religion als „des Königs Kammerknechte“ generell die Ausreise nach Palästina verbot, erließ der König allerdings erst rund sechs Monate später, im Dezember 1286.

Burggefängnis diente als vorübergehende Haftstation

Rabbi Meir wurde nach seiner Verhaftung über verschiedene Haftstationen zum auserwählten Gerichtsort in Ensisheim im südlichen Elsaß transportiert. Ensisheim war damals der Verwaltungsmittelpunkt der habsburgischen Besitzungen im Elsaß, und König Rudolf weilte dort beispielsweise am 5. April 1288. Eine dieser vorübergehenden Haftstationen des Gefangenentransportes Rabbi Meirs war das Burggefängnis in Wasserburg. Die Gebrüder von Schellenberg, die damaligen Herren von Wasserburg, hatten die Anweisungen ihres Königs als dessen Landvögte zu befolgen. Verhandlungen, welche Vertreter der jüdischen Religionsgemeinschaft 1287/88 mit dem König führten, um Rabbi Meir aus der Haft frei zu bekommen, blieben erfolglos. Selbst der Wunsch des Papstes Nikolaus II. an den König, Rabbi Meir freizulassen, da dieser nichts gegen die christliche Religion verbrochen habe, blieb erfolglos.

Rabbi Meir kam nicht mehr frei. Als Staatsgefangener blieb er sieben Jahre lang bis zu seinem Tode am 27. April 1293 in Haft.

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