Landwirte in Sigmarszell der Krisensitzung

Lesedauer: 6 Min
Sie diskutieren über die Zukunft der Landwirtschaft: Von links Elmar Karg, Anna-Maria Fehr, Matthias Schütz, Daniel Obermayr, Ma
Sie diskutieren über die Zukunft der Landwirtschaft: Von links Elmar Karg, Anna-Maria Fehr, Matthias Schütz, Daniel Obermayr, Matthias Rogg, Jörg Agthe und Tanja Busse. (Foto: Trefzer)
Madlen Trefzer

Tanja Busse sehnt eine Änderung im System herbei. „Mit der Globalisierung schwindet die Diversität landwirtschaftlicher Erzeugnisse“, erklärt sie bei ihrer Buchvorlesung in Schlachters. Landwirte seien, um auf dem Markt konkurrenzfähig zu bleiben, darauf angewiesen, in Massen zu liefern. Dies gefährde die Artenvielfalt sowie das gesunde Verhältnis des Verbrauchers zu Nahrungsmitteln. Jedoch ist Busse der Meinung: „Konsumenten allein können nicht zur Verantwortung gezogen werden.“

Oberbürgermeisterkandidat Daniel Obermayr findet generell, man solle die Schuldfrage außer Acht lassen und sich damit befassen, was man besser machen könnte.

Gemeinsam mit dem zahlreich erschienenen Publikum und den geladenen Gästen auf der Tribüne wird in dynamischen Gesprächen nach Lösungen gesucht.

„Was kann der Einzelne tun, um die Bauern zu unterstützen?“, lautet eine Frage aus der Zuhörerschaft, woraufhin Busse rät: „Gehen Sie aktiv auf Marktleiter der Supermärkte zu. Fragen Sie, warum die Milch so günstig ist oder wie es mit artgerechter Tierhaltung und regionalen Erzeugnissen aussieht. Wenn immer mehr gefragt wird, werden die Märkte reagieren.“

Es sei an der Zeit für eine Reform, die es ermöglicht, hochwertige Produkte zu bekömmlichen Preisen erwerben zu können. Ohne die Unterstützung des Staates sei dieses Vorhaben allerdings nur schwer umzusetzen. „Die Landwirte müssen davon leben können“, argumentiert Elmar Karg. „Sie müssen andererseits auch das zu nutzen wissen, was ihnen zur Verfügung steht“, hängt er an. Gleichzeitig glaubt Matthias Schütz nicht daran, dass sich durch eine Reform „von heute auf morgen etwas verändern könnte“. Ihn hätte die Blauzungenkrankheit, die er als „Rinderkatastrophe“ betitelt, besonders schwer getroffen. Eines seiner Rinder soll der Landwirt zu Höchstzeiten der Erkrankung für 20 Euro „verschenkt“ haben. Man bedenke den Aufwand, welcher hinter Zucht und Fütterung mit Bioprodukten steckt. Aus dem Publikum erhebt sich Karin Ulich. Für sie als Tierärztin ist die gesamte Thematik besonders emotional: „Für eine Veränderung gehört es nicht nur regional aus allen Kräften zu strampeln, um etwas Wunderbares zu schaffen, sondern auch zu rebellieren!“ Sie erntet energische Zustimmung aller Gäste. Darüber hinaus setzt sie sich aktiv für eine Verbesserung der Lebensumstände von Milchkühen ein. Diese werden im Zeitalter der Globalisierung ausgebeutet und sollen von der Industrie als „Milchmaschinen“ angesehen werden, um immer mehr zu produzieren.

„Die Menge der vom Markt verkauften Produkte macht den preislichen Unterschied“, kommentiert Anna-Maria Fehr. Vor Ort würden die Landwirte ein Netzwerk brauchen, das gegenseitiges Helfen ermöglichen würde.

Zu Wort meldet sich der Bürgermeister von Sigmarszell, Jörg Agthe: „Wir leben in einer Welt, in der man viele Märkte nicht mehr abschotten kann. Diese liefern gezielt Fehlinformationen an den Verbraucher und dabei kommt es zu einem unfairen Handel.“ Nur große Menschenmengen sollen etwas in Bewegung setzen können, findet er und ermutigt die Zuhörer zum Handeln. Dabei sollen Menschen, die „richtige Ernährung“ lehren, eine immer wichtiger werdende Rolle in der Gesellschaft einnehmen.

Auch das Publikum bringt sich in die Unterhaltung ein. Ideen wie „Werbung von Lebensmitteln verbieten“, regen die Anwesenden zum Nachdenken an. Spürbar sind allerdings auch die Sorgen vieler Landwirte: vegane Milchersatzprodukte sollen laut Prognosen die Biomilch in ihren Verkaufszahlen schon bald einholen; Darmerkrankungen, die auf die industrielle Nahrung zurückzuführen sind, breiten sich immer mehr aus. Doch was ist mit den Konsumenten, die sich eine angemessene Ernährungsweise nicht oder noch nicht leisten können? Einige Fragen bleiben offen. In Zeiten des Covid-19 kommt die Fragilität unserer Globalisierung erst zum Vorschein. Lokal einkaufen soll die Zukunft werden. Veranstalterin der Diskussionsrunde, Sophia Hagen, beteuert mit zwei Kindern auf dem Arm: „Wir werden uns weder vom Coronavirus noch vom System in die Knie zwingen lassen“, und schmunzelt.

Sie ist mit dem Ergebnis des Abends zufrieden und betreibt den familiären Hagenhof bereits nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft. Dabei will sie zusammen mit Tanja Busse immer mehr Bauernhöfe davon überzeugen, gemeinsam zu handeln.

Meist gelesen in der Umgebung

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen