Dorfladen sorgt für Lebensqualität

Hier wird die Kundschaft noch persönlich begrüßt: Sandra Jenetzke und Krystiana Kraśnicka (von links) sind zwei von insgesamt si
Hier wird die Kundschaft noch persönlich begrüßt: Sandra Jenetzke und Krystiana Kraśnicka (von links) sind zwei von insgesamt sieben Angestellten im Dorfladen. (Foto: Ruth Eberhardt)
Ruth Eberhardt

Frisches Brot, knackiges Gemüse, Nudeln, Eier, Mehl, Zucker, Käse, Wurst, Fleisch, Gewürze und natürlich Essiggurken: Rund 1300 verschiedene Artikel – oft aus der Region, zum Teil in Bioqualität, vieles auch bewusst aus konventioneller Erzeugung – befinden sich in den Regalen und Kühlfächern des Niederstaufener Dorfladens. Er besteht seit gut einem Jahr und bietet alles, was fürs tägliche Leben nötig ist. Im Grunde kann der komplette Wocheneinkauf hier erledigt werden. Dass in diesem 900-Seelen-Dorf die Nahversorgung der Bevölkerung wieder gewährleistet ist, liegt am außerordentlich hohen ehrenamtlichen Engagement von etwa 20 Bürgerinnen und Bürgern.

„Wir sind wahnsinnig stolz darauf, dass es uns gelungen ist, so viele gute Leute für diesen Laden zu begeistern – alles Leute, die bereit sind, ihre Zeit für dieses Projekt zu opfern“, sagen die Geschäftsführer Markus Rohn und Andreas Hauber und versprühen dabei echte Begeisterung. „Wir schaffen Infrastruktur, Lebensqualität und Arbeitsplätze, aber wir erwirtschaften keinen Gewinn“, berichten die beiden. Auch sie arbeiten ehrenamtlich für den Dorfladen – ebenso wie viele weitere Dorfbewohnerinnen und -bewohner. Die einen holen Käse, Fleisch und Eier persönlich bei Erzeugern in Nachbarortschaften ab, die anderen kümmern sich um die Buchhaltung und Finanzen, die nächsten sind fürs angestellte Personal zuständig. Wiederum andere achten auf die Sortimentsgestaltung, organisieren einen Lieferdienst, tragen alle zwei Wochen ein Dorfladenblättle im Ort aus, übernehmen handwerkliche Aufgaben und packen überall dort an, wo sie gebraucht werden. „Es gibt immer noch viel Arbeit“, erzählt Andreas Hauber ein Jahr nach der Eröffnung des Dorfladens.

Fest angestellt ist allerdings das Verkaufspersonal: Sieben Arbeitsplätze für Teilzeit- und 450-Euro-Kräfte sind im Dorfladen Niederstaufen entstanden. Dadurch sind tägliche Öffnungszeiten möglich. Diese sind: Montag bis Freitag von 6.45 bis 13 Uhr, zusätzlich am Montag, Mittwoch und Freitag auch am Nachmittag von 15 bis 18 Uhr sowie am Samstag von 6.45 bis 12 Uhr.

Bis es soweit kommen konnte, war viel Vorarbeit nötig. Etwa zwei Jahre dauerte es von der Idee bis zur Eröffnung des Ladens. Ortsheimatpfleger Wolfgang Sutter und weitere Dorfbewohner wollten etwas für die Nahversorgung der Bevölkerung tun, als sich abzeichnete, dass die Familie Brunner einen bis dahin von ihr geführten Laden Ende 2018 aufgibt. „Es war klar, dass wir keinen Pächter finden können, der diesen Laden weiterführen kann“, erzählt Sutter. Denn in Niederstaufen wirft ein solches Geschäft nicht genug ab für Pacht und Unternehmerlohn. Was also tun? Wäre wenigstens eine Bäckereifiliale im Ort möglich? Oder vielleicht doch ein Laden mit einem Grundsortiment? Und wenn ja, in welcher Rechtsform? Und in welchen Räumen?

Viele Fragen, viele Aufgaben: Im Sommer 2018 gründete sich eine Interessensgemeinschaft (IG) mit dem Ziel, für Niederstaufen einen Dorfladen zu schaffen. Dieses engagierte Team ließ sich von Fachleuten beraten, informierte sich in anderen Dorfläden, hielt Ausschau nach geeigneten Räumlichkeiten im Ort, entwickelten ein Ladenkonzept, suchte nach günstigem Ladenmobiliar, führte viele Gespräche, erlebte auch Rückschläge und Widerstände, erfuhr aber auch viel Unterstützung von Dorfvereinen und Bevölkerung – und sorgte sogar für eine Zwischenlösung: Ein paar Monate lang kam immerhin ein Bäckereiwagen regelmäßig in den Ort.

Als geeignet für einen Dorfladen erwies sich schließlich in der Alten Schule ein etwa 60 Quadratmeter großer Raum, den zuvor der TSV genutzt hatte. Ein Mietvertrag mit der Gemeinde wurde geschlossen, der Raum in Eigenleistung renoviert, die Einrichtung organisiert und aufgebaut. Um Startkapital zu generieren, wurden Anteilsscheine zu je 250 Euro verkauft. Nach Angaben von Markus Rohn kamen auf diese Weise rund 65 000 Euro zusammen, die für die Ladeneinrichtung, die Grundausstattung und als Rücklage für Personalkosten verwendet wurden. Das zeigt seiner Ansicht nach auch, welch großen Rückhalt dieses Projekt im Ort hat. Für den Betrieb des Ladens wurde keine Genossenschaft, sondern eine Unternehmergesellschaft (UG) mit neun Gesellschaftern gegründet. Das ist eine Art Mini-GmbH, die mit wenig Eigenkapital starten darf. Zudem bewilligte das Amt für ländliche Entwicklung Fördermittel für den Dorfladen.

Soviel Engagement schmiedet zusammen. „An diesem Laden kondensiert sich Solidarität“, sagt Geschäftsführer Markus Rohn. Der Dorfladen sei ein „gemeinsamer Ankerpunkt“ im Ort. Denn er diene der Nahversorgung und soll zugleich ein Ort der Begegnung sein. „Hier treffen sich die Menschen beim Einkaufen und reden miteinander“, sagt Rohn. Zum Konzept gehört es eigentlich auch, diese soziale Komponente bewusst zu fördern. So sollen Herbst- oder Wochenmärkte, Filmabende oder auch mal ein Weißwurstfrühstück auf dem Vorplatz stattfinden. Sogar ein kleines Café im Dorfladen, der sich in der Nähe von Kindergarten und Friedhof befindet, soll sich langfristig etablieren. Doch Corona hat dazwischengefunkt.

Dennoch zeigt sich Geschäftsführer Andreas Hauber zuversichtlich: „Wir sind dankbar und froh, dass wir in relativ schwierigen Zeiten starten konnten und der Dorfladen gut angenommen wird. Es wird natürlich zwei bis drei Jahre dauern, bis alles stabil läuft“, sagt er. „Derzeit kämpfen wir um die schwarze Null.“ Zwar müsse kein Unternehmerlohn erwirtschaftet werden, aber es fallen Kosten für den laufenden Betrieb an: Dazu gehören die Mietzahlungen an die Gemeinde, die Nebenkosten für Strom, Wasser, Heizung und dergleichen, Rücklagen für Ersatzbeschaffungen der Ladeneinrichtung und natürlich die Löhne für die angestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Kann sich ein solcher Laden in einem Dorf wie Niederstaufen dauerhaft halten? Andreas Hauber zögert mit seiner Antwort keine Sekunde: „Ja“, sagt Andreas Hauber voller Überzeugung und fügt hinzu: „Unter der Voraussetzung, dass er angenommen wird und nicht nur alle drei Wochen eine Päckchen Hefe gekauft wird.“ Dies ist zugleich sein größter Wunsch für die Zukunft: Die Kundenresonanz könnte seiner Ansicht nach noch besser werden. In diesem Zusammenhang ermutigt Hauber auch zu Rückmeldungen: „Die Leute sollen uns gerne sagen, was im Laden noch fehlt, was sie brauchen und was wir im Sortiment anders gestalten sollten.“ Einen weiteren Wunsch richtet Markus Rohn an die Gemeinde: „Mehr Förderung und Wertschätzung unseres Beitrags zur Infrastruktur und Lebensqualität“ erhofft er sich von ihr.

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