Nonnenhorns Bademeister wirft das Handtuch

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Nach 25 Jahren verlässt Matthias Quadt das Strandbad Nonnenhorn, das Bad, in dem er jede Bodenwelle kennt, wie er sagt.
Nach 25 Jahren verlässt Matthias Quadt das Strandbad Nonnenhorn, das Bad, in dem er jede Bodenwelle kennt, wie er sagt. (Foto: Helena Golz)
Crossmedia Volontärin

Matthias Quadt hört auf. Nach 25 Jahren verlässt der Schwimmmeister das Strandbad Nonnenhorn und geht in den Norden. Die Arbeitsbelastung sei im Sommer zu hoch. Die Gemeindeverwaltung sei seinem Wunsch nach Verbesserung nicht nachgekommen.

Auch solche Tage gibt es im Strandbad Nonnenhorn: Dicke Wolken ziehen am Horizont über dem See auf und rollen in Richtung Festland. Das Gewitter kommt, und Matthias Quadt springt auf und pfeift seine Badegäste zurück. Zu dieser frühen Uhrzeit sind es nur wenige, die im Wasser sind.

„Ich denke, wir machen jetzt mal eine Schwimmpause“, sagt er zu ihnen und verweist auf den dunklen Himmel. Die Badegäste befolgen Quadts Aufforderung sofort. Viele kennt er genauso lange, wie er im Bad arbeitet.

1985 hat Quadt in Friedrichshafen gelernt, 1993 hörte er, dass in Nonnenhorn ein Bademeister gesucht wird. Er bewarb sich, wurde genommen, und seitdem ist er da. „Ich bin kein Typ für drinnen“, sagt er, während er den Blick immer auf das Wasser gerichtet lässt. „Geschwommen bin ich auch schon immer gern, und ich mag es, mit Menschen zu tun zu haben.“

„Matze, kannst du mir mal kurz helfen?“, ruft die Kioskverkäuferin Heidi Weyers, „ich hab da einen Gast, den ich rausbefördern muss.“ „Klar!“ Matthias Quadt springt wieder auf. Der Gast ist ein Igel, der sich ins Bad verirrt hat. Quadt nimmt schnell eine Decke, wickelt das Tier ein und setzt ihn im nahegelegenen Gras ab.

Er scheint der Mann für alle Fälle zu sein. Zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläum hätten ihm die Stamm-Schwimmerinnen ein Ständchen gesungen, sagt Quadt stolz. „Ich liebe das Bad und die Gäste, ich habe das 25 Jahre lang sehr gerne gemacht.“

Jetzt hat er gekündigt. Die Entscheidung habe ihn eine lange Zeit an Überlegung gekostet und sei nicht leicht gewesen. Aber: Die Arbeit ist „zu anstrengend, es bleibt zu wenig Zeit, um Luft zu holen.“ Wie oft er arbeite? „Eigentlich immer“ antwortet er, im Sommer teilweise von sieben bis 20 Uhr. Die Arbeit mache ihm viel Spaß, das sei nicht das Problem. Aber: „Ich habe Familie und keinen planbaren freien Tag im Sommer“, sagt er.

Zusätzlich sei die Aufsicht alleine schwer zu schaffen. Im Vergleich zum Beginn seiner Tätigkeit in Nonnenhorn habe es auch 8 000 Badegäste mehr in der Saison. „Es ist nicht weniger geworden.“ Er sei aber weiterhin alleine. Außerdem müsse er den See und das Schwimmbecken im Strandbad gleichzeitig im Blick haben. Er sei auch immer wieder im Maschinenraum tätig, um die Technik zu kontrollieren oder auszubessern.

„Da hofft man derweil im Hinterkopf, dass alle geradeaus schwimmen“, sagt er. Einmal sei ein dreijähriges Mädchen die Rutsche runtergerutscht ohne Schwimmflügel und sei im Becken untergegangen. Quadt sei da gerade im Maschinenraum gewesen. Ein Gast habe das Mädchen gesehen und ihn alarmiert. „Da ist alles gut gegangen“, sagt er. Aber dass die Badegäste bei der Aufsicht mithelfen, könne keine Selbstverständlichkeit sein.

„Man hätte schon lang reagieren müssen, jeder Gast kennt die Situation“, sagt Quadt. Mehrmals habe er das Thema auch bei der Gemeindeverwaltung, bei der er angestellt ist, angesprochen. Die aber sei nicht auf ihn zugekommen, sondern habe gesagt, dass er zu den bestehenden Konditionen weitermachen solle. „Und da sich nichts ändert“, sagt Quadt, „ändere ich was.“ Er mache noch die Saison fertig und dann gehe er, sagt er. „Ich habe keine Kraft mehr, und es verbessert sich nichts.“ Er habe 25 Jahre Vollgas gegeben in seinem Job, jetzt wolle er die letzten 15 Berufsjahre einen Gang zurückschalten.

Bürgermeister hält sich bedeckt

Nonnenhorns Bürgermeister Rainer Krauß sagt als Vertreter der Gemeinde auf Nachfrage der Lindauer Zeitung: „Zu Personalangelegenheiten äußern wir uns auch im Interesse der Mitarbeiter in der Öffentlichkeit grundsätzlich nicht.“

Quadt hoffe, dass das Bad, nachdem er weg ist, bestehen bleibt, denn Nachwuchs zu finden, sei im Bäderbetrieb nicht leicht. „Überall fehlt Personal. In Langenargen haben sie schon die Öffnungszeiten verkürzt, weil es kein Personal gibt.“

Quadt zieht zum Ende der Saison mitsamt Familie nach Norddeutschland. Er wird dort wieder als Bademeister tätig sein. „Ich freue mich jetzt auf was ganz anderes“, sagt er. Ein Badegast, den Quadt schon als Kind gekannt habe, komme mittlerweile mit seinen eigenen Kindern ins Strandbad, erzählt Quadt. Der Gast habe gesagt: „Es kann nicht sein, dass mein Sohn mit einem anderen Schwimmmeister aufwächst.“

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