355 Einsätze in drei Jahren für die Bürger

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Elf der insgesamt 16 Helfer vor Ort Nonnenhorn am Einsatzfahrzeug „Klemens“, für das sie händeringend einen geschützten Stellpla
Elf der insgesamt 16 Helfer vor Ort Nonnenhorn am Einsatzfahrzeug „Klemens“, für das sie händeringend einen geschützten Stellplatz suchen. Außerdem muss auch das Einsatzfahrzeug selbst dringend ersetzt werden. Dafür bitten die Helfer vor Ort die Bevölkerung um Hilfe. (Foto: HvO)
Susi Donner

355-mal sind die Helfer vor Ort Nonnenhorn-Wasserburg in den vergangenen drei Jahren ausgerückt. Eine beachtliche Zahl, hinter der Beachtliches steht: 355 Menschen erhielten in höchster Not schnell, qualifiziert und oft auch lebensrettend erste Hilfe und Beistand.

Es ist eine Aufgabe, die die Helfer vor Ort (HvO) ganz und gar im Ehrenamt leisten. Am 1. Juli 2016 haben sie sich, auf Initiative des damaligen Jugendleiters Bernd Dietrich, aus der Wasserwacht Nonnenhorn heraus gegründet – für die Bürger Nonnenhorns und die der umliegenden Gemeinden Wasserburg, Hege und Bodolz. Dass Bernd Dietrich, der mit viel Leidenschaft die Idee vorangetrieben hatte, zwei Monate vor Gründung der HvO durch einen tragischen Unfall während seines Dienstes für die Wasserwacht ums Leben kam, bewege die Gruppe noch heute, und habe sie nur noch mehr angespornt, den Wunsch ihres beliebten Kameraden weiterzuführen, sagt Torsten Hügel, der Leiter der HvO Nonnenhorn. Mit neun Leuten haben sie vor drei Jahren begonnen. Inzwischen sind sie auf 15 aktive Helfer (zehn Männer, fünf Frauen) angewachsen, die je etwa zur Hälfte aus Wasserburg und Nonnenhorn kommen. Außerdem haben sie eine Helferin „unsere gute Fee“, die kein Blut sehen kann, aber unbedingt helfen möchte, sich beispielsweise um Social Media kümmert. „Wer uns unterstützen möchte, ist uns willkommen. Es muss nicht jeder zu Notfällen rausfahren es gibt viele andere Möglichkeiten zu helfen.“

Die Einsätze der HvO werden ausschließlich über die Rettungsleitstelle Allgäu koordiniert. Das bedeutet, dass im Notfall unbedingt und ausschließlich die 112 gewählt werden muss. Die HvO werden von der Rettungsleitstelle bei lebensbedrohlichen Zuständen alarmiert, wenn Minuten über Leben oder Tod entscheiden. Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand vermindert beispielsweise jede Minute, in der nichts gemacht wird, die Überlebenschance um zehn Prozent. Jeder kann sich jetzt selber ausrechnen, was passiert, wenn der Rettungsdienst zehn Minuten braucht, und das schon eine atemberaubend schnelle Zeit ist. Helfer vor Ort können in zwei Minuten da sein. Sie überbrücken die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes, sind das Bindeglied zwischen der Rettungsleitstelle, dem Betroffenen und dem Rettungsdienst mit Notarzt. Sie sichern die Notfallstelle ab, geben eine qualifizierte Lagemeldung mit hilfreichen Informationen und Einschätzungen an die Rettungsleitstelle weiter, leisten professionelle erste Hilfe, sprich: Sie prüfen die Kreislaufsituation, stillen bedrohliche Blutungen, versorgen mit Sauerstoff, reanimieren, und wenden bei Herzkammer-Flimmern die lebensrettende Früh-Defibrillation an. Und sie bleiben selbst dann an der Seite der Betroffenen, wenn die Rettung längst da ist. „Es fällt uns auf, dass die Nonnenhorner HvO immer bleiben, bis es wirklich nichts mehr zu tun gibt. Das ist freiwillig und sehr hilfreich für uns“, erzählt Notfallsanitäter Markus Schwendele und lobt die HvO: „Man kann das nur mit einer gehörigen Portion Idealismus und Enthusiasmus im Herzen machen.“

In Nonnenhorn kann es bis zu 15 Minuten dauern, bis die Rettung da ist. Wenn mehrere Notfälle zur gleichen Zeit stattfinden auch länger. Dazu kommen durch die Spezialisierungen der Kliniken unter Umständen weite Wege. Wer in Lindau einen Herzspezialisten braucht oder einen Schlaganfall erleidet, muss nach Friedrichshafen oder Ravensburg. Nachts ist nur ein Rettungswagen mit Mannschaft als regionale Vorhaltung eingesetzt. Wenn der einen Notfallpatienten nach Friedrichshafen fährt, ist er erstmal eine Weile unterwegs. Gerade in den Sommermonaten, wenn sich die Menschen am See durch die Urlauber vervielfachen, sei die Auslastung der Rettungsdienste besonders hoch. Selbst tagsüber, wenn zwei Rettungswagen zur Verfügung stehen, komme es zu Engpässen. Im gesamten Gesundheitswesen mache der Etat im Rettungsdienst gerade mal ein Prozent aus. Und das, obwohl die Einsatzzahlen steigen. Sei es durch den demografischen Wandel oder die Tatsache, dass der Rettungsdienst auch oft für Bagatellfälle missbraucht werde. „Die HvO werden also dringend gebraucht“, sagt der Notfallsanitäter.

Intensive Ausbildung

Die HvO absolvieren eine hochwertige Ausbildung. „Unser Nachwuchs kommt aus den Reihen der Wasserwacht-Jugend von Nonnenhorn, die bereits eine gute Grundausbildung zum Erstretter durchlaufen hat und diese regelmäßig auffrischt. Ohne den kameradschaftlichen Support der Wasserwacht könnten wir nicht bestehen“, dankt Hügel. „Ich glaube, helfen ist wieder ,in’“, sagt Elias Kessler, zweiter technischer Leiter der Wasserwacht Nonnenhorn. „Wir kümmern uns darum, dass unsere jungen Mitglieder mit ihrem erlangten Wissen in die Fußstapfen der HvO treten können, um dort die weitere notwendige Ausbildung zu praktizieren.“ Wenn sie sich für die HvO entscheiden, folgen eine weiterführende Sanitätsausbildung sowie 15 Pflichteinsätze in der Notfallmedizin. Sie führen ein Nachweisheft, indem sie gewisse Fertigkeiten abarbeiten müssen, ähnlich wie im Rettungsdienst, und werden langsam und unterstützt an den Dienst als HvO herangeführt. Mit Markus Schwendele haben sie zudem einen ausgebildeten Notfallsanitäter – es ist dies die höchste nicht akademische medizinische Qualifikation im Rettungsdienst – in ihren Reihen, der ihnen wertvolles Wissen vermittelt.

Die HvO Nonnenhorn sind mit ihren nur 15 aktiven Helfern 24 Stunden am Tag an 365 Tagen im Jahr in Bereitschaft. Eine Tatsache, die absolute Hochachtung verdient. Sie tragen sich in ihrer Whats-App-Gruppe selbst für die ihnen möglichen Dienste ein. Wenn der Anruf kommt, rennen sie los. Wissen nicht, was auf sie zukommt. Ob vielleicht sogar ein Freund oder Bekannter aus dem Dorf ihre Hilfe benötigt. Das alles muss auch die Familie aushalten, die Schwendele und Hügel als wichtiges Teammitglied bezeichnen. „Unsere Familien müssen alles mittragen. Sie werden nachts wach, wenn wir zu Einsätzen gerufen werden. Warten auf uns, weil sie sich Sorgen machen. Sie gehen allein zu Familienfesten oder essen allein zu Abend. Wir sind unseren Partnern und Kindern unendlich dankbar dass sie das aushalten.“ Ein weiterer wichtiger Partner ist der Arbeitgeber. Wenn der Einsatz eines HvO in die Arbeitszeit reiche, liege es am Arbeitgeber, ob er freigestellt werde. Eine Verpflichtung gibt es nicht. Torsten Hügel lobt Holzbau Joos in Nonnenhorn und seinen eigenen Arbeitgeber, die Firma IFM, die Ausfallzeiten als Arbeitszeit anrechnen und somit die Kosten tragen. „Das ist keine Selbstverständlichkeit. Die beiden Firmen unterstützen das Notfall-Ehrenamt.“

Helfer vor Ort bitten um Hilfe

Von den Bürgern und den Gemeinden erfahren die HvO, die sich allein durch Spenden finanzieren, viel Wertschätzung. „Das freut uns. Dennoch brauchen wir aktuell und akut selbst Hilfe“, sagt Hügel. Ihr Einsatzfahrzeug, das sie vor drei Jahren von Klemens Joos als großzügige Spende erhalten haben, ist zentrales Thema der HvO. Weil sie damit zum Notfall fahren und ihre Ausrüstung transportieren. Es stehe aktuell bei jedem Wetter und jeder Temperatur im Freien. Darunter habe es sehr gelitten. „Wir benötigen dringend ein neues Einsatzfahrzeug, denn das jetzige war nur als Übergangslösung gedacht, und wir brauchen vor allem einen Stellplatz mit Carport, um die wertvolle Ausrüstung zu schützen“, bittet Hügel. Denn das Helfen vor Ort funktioniere nur im Team und mit viel Kameradschaft – und mit Hilfe der Bevölkerung, zu deren Wohl die HvO ihren selbstlosen Einsatz leisten.

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