Zweijähriger ertrinkt beinahe: Nun trifft er seine Lebensretter wieder

 Er ist munter und wohl auf: Der kleine Junge hat den Badenunfall gut überstanden – jetzt konnte er seine beiden Retter, Dennis
Er ist munter und wohl auf: Der kleine Junge hat den Badenunfall gut überstanden – jetzt konnte er seine beiden Retter, Dennis Sessa (links) und Benjamin Pilz (rechts) wieder treffen. „Das war für uns sehr richtig“, sagen die beiden Männer. (Foto: Ronja Straub)
Redakteurin

Dass es dem Zweijährigen bestens geht, sieht man ihm auf den ersten Blick an. Lachend wippt er auf einer Nashorn-Schaukel am Zecher Hafen, gerade hat er ein Eis geschleckt.

Er lacht verschmitzt. Selbstverständlich ist das nicht. Denn vor etwas mehr als zwei Wochen wäre er beinahe ertrunken. Zwei Badegäste haben ihn gerettet – und ihn und seine Eltern jetzt wieder getroffen.

Schon von Weitem sehen Benjamin Pilz und Dennis Sessa den kleinen blonden Jungen auf der Wiese am Zecher Hafen toben. Langsam laufen sie auf ihn zu. Dass sie ihn so froh und glücklich sehen würden, hätten die beiden Männer noch vor ein paar Wochen nicht geglaubt. Denn am 17. Juli retteten sie sein Leben. Der Zweijährige wäre damals in einem 1,30 Meter tiefen Außenbecken der Lindauer Therme beinahe ertrunken.

„Es war uns ein großes Anliegen, Kontakt zur Familie aufzunehmen, um den Kleinen lebend zu sehen“, sagt Benjamin Pilz. Über die Polizei war er an die Telefonnummer der Familie des kleinen Jungen gekommen. Und die waren sehr froh, sich bei den beiden bedanken zu können.

Eine schreckliche Situation für die Eltern

Die Familie war an diesem warmen Sonntag Mitte Juli mit ihren beiden kleinen Söhnen, vier und zwei Jahre alt, im Eichwaldbad zum Baden. Es war viel los. Die Familie war an ihrem Platz und nur für eine Sekunde hätten die Eltern nicht aufgepasst, sagen sie. Diese eine Sekunde hatte offenbar gereicht und der Zweijährige lief weg. Das sei ganz schnell gegangen, erzählen die Eltern.

Rückblickend sei die Situation unberechenbar gewesen, der kleine Junge sei zielstrebig vom Platz weggerannt. Das Becken sei 200 Metern weit weg gewesen. Weil sie gerade saßen hatte er auch keine Schwimmflügel an. „Wir suchten ihn sofort überall“, sagt die Mutter. Im Bad sei es sehr unübersichtlich gewesen.

Der Kleine muss ins Wasser gesprungen und untergegangen sein. Badegäste, unter denen auch Benjamin Pilz und Dennis Sessa waren, bemerkten den Jungen und zogen ihn heraus. Die Eltern kamen direkt dazu. Gemeinsam leisteten sie Erste Hilfe und reanimierten das Kind. Benjamin Pilz und Dennis Sessa haben Erfahrung. Als Feuerwehrleute haben sie schon einige Leben gerettet.

Viel Wasser kam aus der Lunge und dem Körper des kleinen Jungen. Als die Rettungssanitäter eintrafen, übernahmen sie. Einige Minuten später landete der Rettungshubschrauber. Dann war der Junge schon stabil, sagt die Mutter. Der Notarzt brachte das Kind und seine Mutter nach Ravensburg in die Kinderklinik.

Krampf in den Stimmritzen führt zu Bewusstlosigkeit

Die Ärzte aus der Ravensburger Klinik haben aktuell keine Zeit zu sprechen. Die Klinik bittet um Verständnis, aber das Personal sei knapp und Ärzte bei voll belegten Betten im Mutter-Kind-Zentrum arbeiteten am Limit.

Aber der Fall des Lindauer Jungen steht für viele Kinder. „Ertrinken passiert meistens leise“, sagt der Chefarzt für Intensivmedizin an der Klinik in Friedrichshafen, Dr. Volker Wenzel. Er hat schon viele Ertrinkungsopfer behandelt. „Wasser auf den Stimmritzen löst häufig einen Stimmritzenkrampf aus, was einen Hilferuf auch unmöglich macht“, so Wenzel. Der Ertrinkende gehe einfach unter und könne nicht mehr um Hilfe rufen.

 Dr. Volker Wenzel hat in der Klinik Friedrichshafen schon viele Menschen behandelt, die fast ertrunken wären.
Dr. Volker Wenzel hat in der Klinik Friedrichshafen schon viele Menschen behandelt, die fast ertrunken wären. (Foto: Klinik Friedrichshafen)

Löse sich der Krampf durch eintretende Bewusstlosigkeit unter Wasser, laufe Wasser ungehindert in die Lunge, sodass ein Gasaustausch zwischen Lunge, Blut und Umgebung unmöglich sei. Werde der Patient in dieser Phase gerettet, könne man das Wasser aus der Lunge zum Teil absaugen, so Wenzel. Wenn das nicht klappt, stirbt die Person. In vielen Fällen entstehe aber auch eine „Schocklunge“. Das erfordere eine aufwändige Intensivtherapie.

Im günstigsten Fall gebe es, wie bei dem Lindauer Jungen, nur einen großen Schreck. Das Ausmaß der gesundheitlichen Schäden hänge von der Dauer ab, die der Körper unter Wasser war.

Nach zwei Tagen Klinik verlassen

Wie lange das bei dem Zweijährigen der Fall war, kann keiner so recht sagen. Seine Mutter geht davon aus, dass es über eine Minute gewesen sein könnte. Aber er schien großes Glück gehabt zu haben. Ihm ging es schon recht schnell besser. Nach zwei Tagen konnte er die Ravensburger Klinik wieder verlassen. „Es ist ein Wunder, dass er ohne Schäden überlebt hat“, sagt die Mutter.

Seitdem versucht die Familie, sich von dem Schock zu erholen. Das Wichtigste: Dem Kleinen geht es gut. Er habe auch keine Angst vor Wasser, erzählt seine Mutter. „Wir können es bis heute nicht richtig glauben, dass es dem Kleinen so gut geht.“

Einfach wird es der Familie allerdings nicht gemacht, nach dem Unfall wieder ins Leben zurückzufinden. Denn im Netz wurden sie beleidigt und beschimpft. Mache halten ihnen vor, sie seien keine guten Eltern. „Es schockiert mich, dass es Leute gibt, die auf so einen Vorfall mit Hass reagieren, ohne den Vorfall zu kennen“, sagt sie.

Er hat jetzt zweimal im Jahr Geburtstag

Wie die beiden Lebensretter, Benjamin Pilz und Dennis Sessa, hofft auch die Familie, durch das Treffen abschließen zu können. Für die beiden Männer war es selbstverständlich zu helfen, sagen sie. Sie sind davon überzeugt, dass in einer solchen Situation jeder etwas tun kann.

„Es war für uns die Hölle, unser Kind leblos vorzufinden und wir sind unglaublich dankbar, dass wir wieder aus dieser Hölle erwachen durften“, sagt die Mutter. Die Eltern seien sehr froh gewesen, dass die Retter da waren. Zwischen den Familien ist schon nach ihrem ersten Wiedersehen eine kleine Freundschaft entstanden.

Der Kleine habe ab jetzt nicht mehr nur einmal, sondern an zwei Tagen im Jahr Geburtstag. Nämlich an dem Tag im April, an dem er geboren wurde und am 17. Juli, als ihm das Leben gerettet wurde.

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