Zuschauer lieben und erleiden den Werther

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Weil Werther sich immer wieder zwischen sie drängt, sind Lotte (Janina Raspe) und Albert (Tim Oberließen) nicht glücklich.
Weil Werther sich immer wieder zwischen sie drängt, sind Lotte (Janina Raspe) und Albert (Tim Oberließen) nicht glücklich. (Foto: Anna-Maria Löffelberger)
Schwäbische Zeitung
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Die Meinungen nach dem Gastspiel des Salzburger Landestheaters mit „Die Leiden des jungen Werther“ sind geteilt. Vor allem junge Zuschauer sind begeistert, während die ältere rätseln oder sogar empört reagieren. Eins aber ist klar: Langweilig war dieser Theaterabend sicher nicht.

Die Geschichte ist so alt wie die Menschheit: Zwei Männer buhlen um eine Frau. Da ist der stürmische Werther, den Hanno Waldner voller Energie, Tatendrang und schöpferischer Kraft spielt. Und da ist der ausschließlich grau gekleidete Albert, den Tim Oberließen bodenständig, verlässlich und vor allem sehr eifersüchtig gibt. Dieser Albert ist sehr viel lebendiger als der, den Goethe selbst vorgestellt hat. Und dazwischen steht Janina Raspe als Lotte, die mit Werther kokettiert, seine Annäherung gerne sieht, die aber auch Albert nicht verletzen will und letztlich bei ihm bleibt.

Was Goethe vor fast 250 Jahren aufgeschrieben hat, ist natürlich auch heute aktuell. Und man kann sogar die Sprache von damals in einer Weise präsentieren, dass junge Menschen kaum merken, wie alt diese Sätze sind. So gelingt Regisseur Johannes Ender, der den Stoff auch für diese Bühnenfassung bearbeitet hat, eine zeitgemäße Umsetzung.

Poppige Elemente erreichendas junge Publikum

Gelungen ist auf jeden Fall die Umsetzung des Briefromans auf die Bühne. Gut die Idee, Lotte und Albert als Erzähler zu nehmen, die durch die Geschichte führen. Dabei erzählen sie strikt von Kennenlernen, Verliebtheit, Distanz, Eifersucht, Trennung, Wiedersehen, Werthers Suizid, Alberts Trennung von Lotte und deren Ende, das offen bleibt. Überzeugend gelingt das durch das Spiel der jungen Darsteller.

Allerdings setzt Regisseur Enders zu sehr auf poppige Elemente, um sein junges Publikum zu erreichen. Das geht noch, als er seine Traumwelten erschafft, indem er mit Lotte zu Pinsel und Farbe greift, um die Wände zu bemalen. In einer anderen Szene tauchen aber plötzlich Dinos auf, die sich erst bekriegen und dann miteinander und mit Werther tanzen. Das sorgt für Lacher bei den erfreulichen vielen Schülern im Publikum und für Stirnrunzeln bei den Zuschauern, denen die Klassikern fast heilig sind. Das steigert die Salzburger Truppe in einer anderen Szene mit einem Ausflug ins All, bei der sie Star Wars, Star Treck und andere Science-Fiction-Filme zitieren und persiflieren. So kann man sich für junges Publikum attraktiv machen, dann muss man aber hinnehmen, dass Liebhaber der Klassik den Saal vorzeitig verlassen.

Und wer geblieben ist, spürt vom berühmten Werther-Effekt kaum etwas. Denn es ist bekannt, dass sich viele junge Menschen nach Erscheinen des Dramas wie Werther selbst aus Liebeskummer getötet haben. In dieser Inszenierung ist aber so viel ironisch gebrochen – offensichtlich haben Akteure und Regisseur offenbar Angst, das junge Publikum könnte die Gefühle für peinlichen Kitsch halten – so dass Werthers Selbsttötung niemandem im Saal packt.

Aber vielleicht muss man das heute so spielen, wo Jugendliche sich in wenigen Zeichen übers Smartphone verständigen und ihre Dates von Apps aussuchen lassen. Wobei es auch nicht geschadet hätte, sie mit Gefühlen ohne ironischen Kommentar zu behelligen. Denn im echten Leben müssen sie damit auch klarkommen.

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