Zum Wohle der Allgemeinheit

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 Der Ausstellungsplan der Gartenschau vom August/September1922.
Der Ausstellungsplan der Gartenschau vom August/September1922. (Foto: Lindau Stadtarchiv)
Karl Schweizer

Seit dem 1. Februar 1922 waren nach entsprechend erfolgreichen Volksabstimmungen die Gemeinden Reutin, Aeschach und Hoyern mit der Stadt Lindau zur Stadt „Groß-Lindau“ vereinigt. Die Zahl der darin lebenden Menschen erhöhte sich damit schlagartig von knapp 6500 auf nun rund 13 000 Personen.

Doch die wirtschaftliche Situation war durch die vom Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) herrührende Geldentwertung eine desaströse. Lindaus neuer Erster Bürgermeister (später Oberbürgermeister), Ludwig Siebert, skizzierte diese bisher unbekannte Inflation beispielsweise am 30. März 1922 mit folgenden Worten an die Regierung von Bayerisch-Schwaben in Augsburg: „Die Teuerung schreitet unaufhaltsam auch in Lindau weiter. Die Preise der notwendigsten Lebensmittel haben hier eine Höhe erreicht, die mindestens so hoch ist wie in Großstädten. So kostet ein Pfund Fleisch 32 Mark, das Ei 3,50 Mark, die Butter 45 Mark und so weiter.“

Trotzdem, beziehungsweise gerade deswegen, hatte bereits im Herbst 1921 eine Initiative des Lindauer Gartenbauvereins, unterstützt aus der Lindauer Kaufmanns- und Handwerkerschaft heraus beschlossen, zusammen mit dem im März 1922 neu zu wählenden Stadtrat die Abhaltung einer Lindauer „Ausstellung für Obst- und Gartenbau, Kleintierzucht, Gewerbe und Industrie“ für die Zeit vom 26. August bis 10. September 1922 vorzubereiten. Ziel sei es, so Lindaus Tagblatt: „…für keine beteiligte Seite kommen irgendwelche finanziellen oder besonderen Vorteile in Betracht; das Ganze und alle Einzelnen wollen vielmehr - zum Teil unter weitgehenden persönlichen Opfern - nur der Allgemeinheit dienen, das heißt der Belebung des Wirtschaftslebens von Stadt und Bezirk [Landkreis, K,S.] Lindau.“

Ein Ausstellungskomitee wurde gebildet. Dessen Vorstand bestand aus dem Aeschacher Gärtnermeister Georg Rupflin im Holben, Malermeister Eugen Rupflin, Großkaufmann Berthold Glatzel, Ingenieur Anton Zwisler aus Rehlings sowie Oberverwalter L. Burkhard. Ehrenvorsitzender wurde Lindaus Erster Bürgermeister Ludwig Siebert.

Im Frühjahr 1922 traten vorübergehend Verunsicherungen auf, da die Regierung von Schwaben in Augsburg eine finanzielle Rückversicherung über 100 000 Mark abgelehnt hatte, die Preise beispielsweise für eine Semmel sowie ein Bretzel auf nun zwei Mark angestiegen und die ersten Lindauer Betriebe wegen der nicht endenden Inflation bereits Entlassungen durchgeführt hatten. Nun aber beschloss Lindaus Stadtrat seinerseits eine Ausfallbürgschaft über 25 000 Mark sowie einen Zuschuss von 5 000 Mark. Die Gesamtkosten wurden auf voraussichtlich rund 542 000 Mark veranschlagt, davon allein für die Anmietung von vier Veranstaltungszelten der Firma Stromeyer in Konstanz über 200 000 Mark.

Je näher der Eröffnungstag 26. August 1922 rückte, desto stärker wurde die Nervosität in der Stadt. Gegenüber der Heidenmauer am Haupteingang wurde bereits Tage zuvor die Kasse geöffnet, um den Billetverkauf zustarten. Eine Tageskarte für Erwachsene kostete 20 Mark, für Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren zehn Mark. Eine Dauerkarte für die 16 Ausstellungstage entsprechend 80, beziehunsgweise 50 Mark.

Mit Eröffnung strömten Tausende Besucher zum Ausstellungsgelände zwischen Heidenmauer und Landtor, heute der Stadtpark am Inseleingang. Die Züge nach und von Lindau waren voll der Interessierten und zahlreiche Sonderschiffe steuerten deswegen Lindau an. Beispielsweise die Gärtner aus der Schweiz, welche per Sonderdampfschiff zur auf dem Gelände abgehaltenen Internationalen Bodensee-Gärtnertagung wollten, mussten nicht einmal ihre Pässe vorzeigen. Am österreichischen Feiertag „Maria Geburt“ strömten „große Scharen Vorarlberger nach Lindau, wovon sehr viele auch der Ausstellung einen Besuch abstatteten“, wie das Lindauer Tagblatt berichtete.

Die ausstellenden Betriebe waren unter anderem die damaligen Lindauer Gärtnereien Rupflin vom Holben, Flachs und Fischer aus Reutin, Bühler aus Aeschach sowie beispielsweise jene von Oskar Pfeifer aus Wasserburg, Aber auch die in diesem Jahr eröffneten Escher-Wyss-Werke in Reutin (heute „Engie“) präsentierten ihre Produkte sowie beispielsweise die Maschinenfabrik Zwisler aus Rehlings und die Helmensdorfer Pfannenfabrik an der Oberreitnauer Ach. Der 70 Seiten starke Ausstellungskatalog führte Aussteller bis aus Hergensweiler, Ravensburg, Langenargen, Stuttgart und Reutlingen auf. Unter Leitung eines pensionierten Polizisten wurde ein 24-Stunden-Wachdienst für das eingezäunte Gelände zur Verfügung gestellt. Die Schönauer „Kellereien und Spritfabriken Gierer und Verlop“, heute die „Lindauer Fruchtsäfte“, eröffneten neben dem Ausstellungscafé eine Likörprobierstube. Die Lindauer Bienenzüchter zeigten eine kollektive Sonderschau übe ihre Schützlinge.

Nach einem großem Feuerwerk sowie illuminierten Gondelfahren zum Lindauer Hafen an den sonnenverwöhnten Eröffnungstagen, strömten noch am letzten Ausstellungstag trotz tagelangem Regenwetters nochmals Tausende auf das Ausstellungsgelände, welches damit seine Einweihung zum heutigen Lindauer Stadtpark erhalten hatte.

Bürgermeister Siebert informierte nach den 16 Ausstellungstagen die Regierung von bayerisch Schwaben in Augsburg, über die Ausstellung, welche auch den Schlussstein der städtischen Vereinigungsfeierlichkeiten zu „Großlindau“ dargestellt hatte, unter anderem mit folgenden Worten: „Die Ausstellung war ein voller Erfolg. Trotz des schlechten Wetters kann sogar damit gerechnet werden, dass der Garantiefonds nicht in Anspruch genommen zu werden braucht. Für das Wirtschaftsleben der Stadt bedeutete die Ausstellung eine besondere Befruchtung.“

Im Sommer 1925 wurde auf dem gleichen Gelände nochmals eine ähnlich erfolgreiche Ausstellung durchgeführt.

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