„Wir sind multikulti“

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 Imam Ibrahim Kiran (links) und Sekretär Alici Adnan (Zweiter von links) zeigen Manuela und Dietmar Kolar den Koran mit seiner t
Imam Ibrahim Kiran (links) und Sekretär Alici Adnan (Zweiter von links) zeigen Manuela und Dietmar Kolar den Koran mit seiner türkischen Übersetzung. (Foto: isa)
Isabell Kubeth de Placido

Jedes Jahr öffnen am Tag der deutschen Einheit Moscheen in ganz Deutschland ihre Türen. Zur Verständigung der Religionen und Kulturen. So auch in Lindau. Mit dem Unterschied, dass die islamische Gemeinde hier die Pforten der Fatih-Moschee vier ganze Tage lang geöffnet hatte und nicht nur Einblicke in ihre Religion sondern auch in ihre kulinarischen Köstlichkeiten gewährt hat. Schade nur, dass nicht mehr Christen den Weg in das islamische Gotteshaus gefunden haben.

Ein bisschen mehr Zulauf von Seiten der christlichen Bevölkerung hätte sich Alici Adnan eigentlich schon gewünscht. Es ist Tag vier des Tags der offenen Moschee und mithilfe des Kassierers, der die Bons für die vielfältigen Essensangebote ausgibt, die an den Ständen rings um den Platz vor der Moschee angeboten werden, zieht der Sekretär des türkisch-islamischen Kulturvereins der Diyanet auf Nachfrage der LZ Bilanz. Dabei schätzt er, dass an jedem der vier Tage rund 500 Moslems gekommen sind und um die 20 nichtmuslemische Besucher. Immerhin finden sich für die Führung durch die Moschee zwei Familien ein. Dietmar und Manuela Kolar, mit ihren Söhnen Nico und Fabio sowie Patrizia Coccaro mit Mann und Kind.

Während Manuela Kolar in ihrem Leben nur ein einziges Mal eine Moschee besucht hat und nun mehr über den Islam erfahren möchte, kommt Patrizia Cuccara wenn möglich jedes Jahr zum Tag der offenen Moschee. „Ich bin weltoffen, und für mich ist das gelebte Integration. Schön ist auch seine türkischen Mitbürger in ihrem Kulturkreis zu erleben“, erklärt sie.

In der Moschee selbst wird gerade gebetet. Es ist das Mittagsgebet, erklärt Adnan und bittet die Gäste einzutreten und dabei zu sein. Der Gebetsraum darf nur ohne Schuhe betreten werden und so machen die Gäste es den Gläubigen gleich. Warm und weich fühlt sich der Teppichboden an.

Frauen sind nicht zu sehen

Vorn, in der gen Mekka ausgerichteten Gebetsnische betet der Imam. Hinter ihm bilden um die 20 Männer eine geschlossene Reihe. Sie sprechen die Gebete mit, manchmal stehen sie dabei, manchmal knien sie und manchmal beugen sie sich nach vorn. Ein Vorsinger, der Muezzin, unterstützt die Gebete mit kunstreichem Gesang.

Später wird sich diese Reihe auflösen und die Männer stehen ohne ersichtliche Ordnung im Raum. Frauen sind keine zu sehen. Die beten üblicherweise, wie die Gruppe später von Alperen Yeter erfahren wird, oben, auf der Galerie. Nicht zwangsläufig deshalb, weil sie nicht mit den Männern zusammen beten dürften, sondern eher darum, weil ihre Religion Körperpositionen verlange, bei denen die Betende besser unter sich bleiben, erklärt der zweite Vorstand.

Um die 220 Gläubige gehören dem Lindauer türkisch-islamischen Kultur Verein der Diyanet an, erklärt Alici Adnan und erzählt, dass dazu auch Moslems aus Österreich und der Schweiz zählen, die nach Lindau kämen, weil die Moschee zwei Minarette habe. War die Lindauer Fatih Moschee 1985 unter dem türkischen Dachverband der Ditib gegründet und 2008 erbaut worden, so stehe das Gebetshaus seit jeher allen offen, die beten wollen, betont der Sekretär. „Wir sind Multikulti. Das, was uns verbindet ist die Religion“, ergänzt Buchhalter Aslan Hasan und erzählt, dass wegen der vielen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika die alltägliche Kommunikation nicht mehr auf Türkisch sondern mittlerweile auf Deutsch geführt werde. In der Gemeinde wolle sich demnächst sogar ein junger Mann zum Imam ausbilden lassen, der den Freitagsgottesdienst auf Deutsch halten werde. Denn, so erklärt Hasan, bisher würden alle Gebete auf hocharabisch geführt, was eigentlich weder Türken noch Araber verstünden. Wobei Ibrahim Kiran, der seit einem Jahr Imam in Lindau ist, die Meinung vertrete, dass die Gläubigen sowohl die Gebete als auch den Koran verstehen müssten und nicht nur auswendig nachsprechen sollten. Vor allem deswegen, weil sich der Koran auch selbst erkläre, und nicht interpretiert werden solle, sei er ein Imam, der dem Studium einen wichtigen Platz einräume. Weil das ein Thema ist, worüber Manuela Kolar mehr wissen will, geben die drei Gemeindevorstände sowie der Imam bereitwillig Auskunft.

Dabei erfahren die Besucher auch, dass die Moschee nicht allein ein Gebetshaus ist, sondern allem voran auch Gemeindehaus. Ein Gang durch den Jugendraum, das Vereinslokal, die kleine Bücherei, den Unterrichtsraum, den Waschraum, der Backstube und dem Vortragsraum machen dies deutlich. Und im Gebetsraum selbst spielen sowieso längst schon die vielen Kinder miteinander Fangen. Vor der Moschee, auf dem großen Platz, duftet es nach allerlei Köstlichkeiten. Überall in den Zelten wird gebrutzelt und gekocht. Ein türkischer Teeverkäufer läuft mit einem Tablett in den Händen durch die Sitzreihen. Manuela Kolar lacht: „Das leckere Essen wollten wir auch probieren.“

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