„Wir müssen was tun, nicht nur Nachrichten schauen“

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Evi Eck-Gedler

Je heftiger in der nordsyrischen Stadt Aleppo gekämpft wird, desto wichtiger sind sie – die sechs medizinischen Ambulanzen, die der aus Syrien stammende Lindauer Adnan Wahhoud dort aufgebaut hat. Vor allem dank vielfältiger Spenden, von Bürgern, Kirchengemeinden, dem Friedensmuseum oder auch dem Lionsclub, der eine Arztstelle für ein Jahr finanziert. Trotz des Bürgerkriegs fährt Wahhoud regelmäßig nach Syrien: Er zahlt dort Gehälter aus, kauft Medikamente, kümmert sich um Waisenkinder.

Knapp ein Jahr, nachdem im März 2011 in Syrien der Bürgerkrieg ausgebrochen war, hatte Adnan Wahhoud diesen Entschluss gefasst: Er wollte den vom Krieg getroffenen Menschen in seinem Geburtsland helfen. Zunächst im Süden des Landes von Jordanien aus. Dort in und um Damaskus lebten damals einige seiner Geschwister mit ihren Familien. Später nahm Wahhoud, so wie auch jetzt, den Weg über die Türkei in den Nordwesten Syriens. In der Provinz Idlib beobachtete der Entwicklungsingenieur die wachsenden Flüchtlingslager und die Not der dort lebenden Menschen. Sein Entschluss fiel schnell: Er wollte dort helfen. Und was fehlt, sah Wahhoud auch: Die Menschen brauchten medizinische Hilfe.

Er suchte Unterstützung: bei Syrern, die wie er seit langen Jahren in Deutschland leben und arbeiten, bei Menschen in seinem Umfeld, ob sein früherer Arbeitgeber, die Lindauer Dornier, ehemalige Kollegen, Vereine oder Kirchengemeinden. So baute Wahhoud Stück für Stück sechs Ambulanzen, sogenannte Medical Points, auf. Drei davon tragen den Namen Lindau im Titel, so auch jener Stützpunkt in Takad, in dem der Lindauer regelmäßig übernachtet, wenn er die Ambulanzen rund um Aleppo besucht.

Zerbombte Kliniken machen betroffen

Dort hat Wahhoud bei seiner letzten Reise viele Bombenangriffe miterlebt: An die vierzig Einschläge habe er in einer Nacht notiert, schildert der Lindauer nach seiner Rückkehr an den Bodensee. Er hat zerbombte Krankenhäuser gesehen, völlig zerstörte Pharmaziegeschäfte, in denen er bei früheren Besuchen eingekauft hatte. Aber auch tiefe Krater in der Landschaft, wenn eine der Bomben ihr Ziel verfehlt hatte.

Seit fast fünf Jahre fliegt und fährt der inzwischen 65-Jährige rund alle acht Wochen auf eigene Kosten nach Aleppo: Mit Spendengeldern aus Lindau und anderen Städten wie dem fränkischen Roth kauft er in Syrien Medikamente und Verbandsmaterial, um die Ambulanzen auszustatten. Knapp 7000 Euro hat Wahhoud dafür dieses Mal bezahlt und dabei mit Blick auf den Winter auch Mittel gegen Erkältungen und Husten gekauft.

Bis zu 10000 Menschen kommen pro Monat in diese sechs Medical Points – die Behandlungen und Arzneimittel dort sind für sie kostenlos. Denn mit den Spenden bezahlt Wahhoud auch das medizinische Personal der Ambulanzen. Dass er, der gebürtige Damaszener, seit über vier Jahrzehnten in Deutschland lebt, kann er dabei übrigens nicht ganz verbergen: „Nachhaltigkeit, Ordnung, Sauberkeit, Qualität und Ehrgeiz in der Arbeit und Dokumentation“ sind ihm wichtig, wie in seinen regelmäßigen Berichten zu lesen ist.

Wenn er wieder zu einer seiner meist knapp zweiwöchigen Reisen aufbricht, ist seine Familien natürlich besorgt. „Aber meine Frau sagt, wir müssen was tun, nicht nur Nachrichten schauen“, so Wahhoud im Gespräch mit der LZ: „Diese Menschen brauchen unsere Hilfe!“ Und so bereitet er schon wieder die nächste Tour vor: In gut zwei Wochen geht es wieder nach Aleppo.

Krieg trifft auch die eigene Familie

Was der Bürgerkrieg für Millionen Syrer bedeutet, das weiß der Lindauer Adnan Wahhoud aus der eigenen Familie: Drei seiner Brüder leben noch im Süden Syriens. „Deren Söhne und Töchter haben aber teilweise bereits das Land verlassen“, schildert Wahhoud. Einige Verwandte seien nach Deutschland gekommen, weiß er. Andere blieben in der Nähe ihres Heimatlandes.

So hat Wahhoud in diesem Jahr einen Neffen und eine Nichte besucht, die jetzt mit ihren Familien in der Türkei leben. Sie hatten insoweit Glück, als sie Syrien schon vor einem Jahr verließen und so nicht in einem der Flüchtlingslager an der türkisch-syrischen Grenzen hängengeblieben sind: „Sie und ihre Familien haben eine Wohnung, sie haben Arbeit, und die Kinder können dort eine Schule besuchen“, berichtet der Deutsch-Syrer. Und fügt schmunzelnd an, dass der dreizehnjährige Großneffe nach einem Jahr bereits recht gut Türkisch spreche.

Die organisatorische Federführung für seine Ambulanzen, die bisher beim deutschen Verein Syrian Humanity Forum lag, hat Wahhoud übrigens jetzt an den Verein Kriegskindernothilfe in Roth übergeben: Mit dem hat der Lindauer Deutsch-Syrer bisher schon gut zusammenarbeitet, denn die Mittelfranken unterstützen schon bisher einen der insgersamt sechs Medical Points finanziell.

Wer die Arbeit in den Lindauer Ambulanzen bei Aleppo unterstützen möchte, kann Adnan Wahhoud telefonisch unter der Nummer 08382/89732 erreichen oder per E-Mail an

wahhoud@aol.com

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