Wiener Band Fainschmitz spielt beim Open Air vorm Zeughaus Kuscheliges mit Punkattitüde

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 Jungle Swing am Schrannenplatz mit der Wiener Band Fainschmitz: Matthias Vieider, Jannis Klenke, Martin Burk und Alexander Kran
Jungle Swing am Schrannenplatz mit der Wiener Band Fainschmitz: Matthias Vieider, Jannis Klenke, Martin Burk und Alexander Kranabetter (von links). (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Das Glück ist dem Zeughaus am Samstag hold gewesen: Der Konzertauftritt von Fainschmitz fand zur Freude aller unter freiem Himmel im Zeughaushof statt – mit Musik zum Kuscheln und zum wilden Tanz. Gekuschelt wurde vereinzelt, wild getanzt allerdings gar nicht. Das wiederum konnte der Musik nichts anhaben, weder ihrem ausgelassenem Jungle Swing noch dem verbalem Humor, den das Quartett parat hielt.

Nichts ist unmöglich und so nennt das extra aus Wien angereiste Quartett seinen Sound Jungle Swing. Was sich dahinter verbirgt, ist ein gut dosierter Mix aus Gypsy Swing, Chanson, Jazz, Pop und Punk. Also von allem ein bisschen, das aber in fein abgeschmeckter Form, so dass eine runde Sache daraus entsteht und keine Mogelpackung. Mit Gitarrist Jannis Klenke, Kontrabassist Martin Burk, Trompeter Alexander Kranabetter und Matthias Vieider an Saxophon, Klarinette und Vokals haben sich 2016 vier junge Musiker in Wien getroffen, bei denen die Chemie stimmt.

Sie kommen aus unterschiedlichen musikalischen Ecken von Reggae bis Free-Jazz und wollten, so Vieider in einem Interview, in einer Band spielen, die mit wenigen Instrumenten und ohne viel Technik leichtfüßige Musik mit Tiefgang macht. Ganz schön viel auf einmal, doch das hat den gut besuchten Abend vor dem Zeughaus zu einem besonderen werden lassen.

Klenkes Akustikgitarre im Hintergrund spielte sich mit ihrem Up-Tempo Swing stets in den Vordergrund. Neben ihm Burks Kontrabass, ohne dessen Rhythmus keines der Konzerte von langer Dauer wäre. Sie sind die Basis, die im Falle von Klenke alles gab. Kranabetters smooth jazzigen Trompetensoli dürften den Zuhörern noch länger in den Ohren liegen ebenso wie seine Spitzen in den hohen Lagen. Sein Sound geht eine unverwechselbare Symbiose mit Vieiders Klarinette ein. Sehnsuchtsgeladen und warmherzig, feinsinnig und trotzdem schön schräg tönen ihre Balladen. Damit es aber nicht zu harmonisch wird, greift Vieider gerne zum Megafon und zum Klassiker, um daraus Neues und Ungewohntes zu fabrizieren. Denn wer kennt Paolo Contes „Via con me“ nicht und dessen rauchig-krächzende Sprechstimme. Unversehens macht Fainschmitz daraus „Via da qui“ in einem verzerrten schrillen Ansagemodus, dem alle Canzone abhanden gekommen ist.

Nicht allein den Auftritten bei Techno Partys sei das Megafon geschuldet, erklärte er. Vor allem das Klangbild der Stimme würde sich gut in den Bandsound einfügen und es sei auch eine Anspielung auf die Musik der 1920er Jahre. Neben dem Reloading von Klassikern, zu denen auch „Bei mir bist du schön“ der Andrew Sisters zählt, sind es Fainschmitzs hintersinnige Texte, die mit Zeitkritischem („Delphine zählen“) nicht sparen. Denn kaufe der Trump schon nicht Grönland, dann doch vielleicht den Mond. Von einem riesigen Geschäft ist die Rede, bei dem der Mond nicht gefragt wurde. Doch jetzt kostet Mondlicht Geld – wäre das wirklich so abwegig?

Aus Lou Reeds „Walking on the wilde side“ machen sie kurzerhand „Walking on the Burk side“, gewidmet Martin Burk und von ihm selbst geschrieben, versehen mit Vieiders langsam floatender Rapstimme. Ihr nachdenklich machender Humor spielt sich eher unter der Oberfläche ab und trifft von dort mitten ins Herz. Im Song ohne Text, in dem alle, egal welche Fragen mit „No, no, no“ beantwortet werden. Nur der Bodensee als „the most beautiful lake“ kommt ungeschoren davon.

Allerspätestens in „Laura“ ist man den vier Musikern, die aus München, Heidelberg, Bregenz und Bozen stammen, verfallen. Auf charmante und verquere Weise nehmen sie ihre Zuhörer mit. Im Song „Nackt“, der aus lauter ehrlichen Geschichten bestehe, verpackt in Liedzeilen, deren Poetik den harten Kern trifft („Ich finde dich schön, wenn du nackt bist. Dich mit Worten ausziehst. Weil meine Welt in deinem Takt schwingt, wenn du von dir erzählst“). Fainschmitz bürstet Glattes gegen den Strich – und genau das macht ihr Kuscheliges aus.

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