Wie Lindauer wieder bezahlbaren Wohnraum finden

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Schwäbische Zeitung

55 Quadratmeter. So viel Platz haben Tanja Reimann, ihr Mann und die beiden Kinder in ihrer Wohnung zur Verfügung. Darin schlafen sie, darin essen sie und darin verbringen sie gemeinsam die Wochenenden, wenn das Wetter schlecht ist. Das Schlafzimmer teilen sich die vier. „Es wird immer enger“, sagt Tanja Reimann. Ihr drittes Kind, der älteste Sohn, ist bereits vor einiger Zeit zu den Großeltern gezogen. Es war einfach zu wenig Platz. Gerne würde Tanja Reimann mit ihrer Familie umziehen. Seit zwei Jahren sind die vier auf der Suche nach einer größeren Wohnung. „Aber was man findet, ist unbezahlbar.“

Das Budget, das die Familie Reimann zur Verfügung hat, liegt zwischen 700 und 800 Euro. Ihr Mann arbeitet voll, Tanja Reimann selbst nur Teilzeit. Sie kümmert sich in der restlichen Zeit um den siebenjährigen Sohn mit Pflegegrad 3. Die Familie bräuchte eine Drei- oder Vierzimmer-Wohnung. „Auf dem freien Markt gibt es überhaupt gar nichts“, sagt Reimann. „Die Mietpreise sind horrend.“ Das ärgert die Lindauerin. „Die Neureichen kommen hierher und bauen ihre Häuser, die echten Lindauer bleiben auf der Strecke.“

Auch die Lindauerin Martina Baumann findet keine passende Wohnung. Mit dem jüngeren ihrer beiden Söhne wohnt die alleinerziehende Mutter in einer Dreizimmer-Wohnung in Schönau. „Mein Sohn ist in eineinhalb Jahren mit seiner Ausbildung fertig, dann wird er bald ausziehen“, sagt sie. „Was soll ich dann mit einer Dreizimmer-Wohnung?“ Bei der Wohnbaugesellschaft GWG habe sie bereits nachgefragt, was sie eine kleinere Wohnung kosten würde. Für ihre jetzige Wohnung bezahlt sie etwas mehr als 680 Euro warm. „Mit einer Zweizimmer-Wohnung käme ich künftig genau so teuer“, rechnet Baumann vor. Die niedrigeren Nebenkosten der kleineren Wohnung habe sie dabei bereits berücksichtigt. „Aber ich will ja eigentlich billiger wohnen.“ Schließlich fielen mit dem Auszug des Sohnes auch der Unterhalt des Vaters und das Kindergeld als Einkünfte weg. Wie es bisher aussieht, lohnt sich der Umzug in eine kleinere Wohnung für sie nicht.

Altbestand wird nach Sanierung oft teuer vermietet

Helga Hanl, Vorsitzende des Lindauer Mietervereins, kennt die Probleme der beiden Familien gut. „Die Wohnsituation in Lindau ist äußerst bescheiden“, sagt sie. Es gebe einfach viel zu wenig verfügbaren Wohnraum. „Die Leute, die in Lindau arbeiten, können nicht in Lindau wohnen.“


So entwickeln sich die Quadratmeterpreise der Lindauer Wohnungen in den vergangenen Jahren.
So entwickeln sich die Quadratmeterpreise der Lindauer Wohnungen in den vergangenen Jahren. (Foto: Olivia Kammerlander)

Dabei seien günstige Wohnungen durchaus vorhanden. „Wir haben hier noch viel Altbestand, da sind die Mieten noch nicht so hoch“, so Hanl. Doch in diesen, meist großen Wohnungen, lebten oft alleinstehende ältere Menschen. Für sie gibt es keinen Grund, dort auszuziehen. „Sie müssten die Wohnung renovieren, den Umzug bezahlen, eine neue Kaution bezahlen. Dafür haben alte Leute meist kein Geld und keine Kraft.“

Um solche Menschen zum Auszug zu bewegen, müsse man Anreize schaffen. „Man müsste sie zum Beispiel beim Umzug unterstützen“, so Hanl. Doch selbst wenn ein Altbestand frei wird, sei nicht garantiert, dass er als günstiger Wohnraum erhalten bleibe. „Wenn ich neu vermiete, saniert vermiete, dann kann ich mehr verlangen.“

GWG baut kleine Wohnungen für ältere Menschen nach

„Ein Großteil des Lindauer Wohnbestandes sind große Wohnungen, die als Familie bezogen wurden“, weiß auch GWG-Chef Alexander Mayer. „Sind die Kinder aus dem Haus und der Mann gestorben, dann lebt eine ältere Frau allein in einer Vierzimmer-Wohnung.“ Aus diesem Grund baue die GWG in Quartieren wie der Holdereggenstraße kleine Wohnungen nach. „Wir sprechen die Mieter an und versuchen sie dazu zu bewegen, in kleinere Wohnungen zu ziehen.“ In Zech habe die GWG zu diesem Zweck vor zwei Jahren 40 Ein- und Zweizimmer-Wohnungen gebaut. „Es ist ja nicht nur der Preis. Ältere Objekte haben oft keinen Aufzug, kein barrierefreies Bad“, sagt Mayer. „Wer rüstig ist, sollte diesen letzten Schritt noch gehen.“

GWG-Chef Alexander Mayer über die Wohnsituation in Lindau
Viele Lindauer haben Probleme, in ihrer Heimatstadt eine passende Wohnung zu finden. Wie sich das in Zukunft ändern könnte, erklärt Alexander Mayer, Chef der Wohnbaugesellschaft GWG.

Für Quartiere, die die GWG komplett neu gestaltet, hat sich die Wohnbaugesellschaft bereits im Vorfeld eine Lösung überlegt. „Beim Münchhof- und Hoeckle-Areal und im Oberen Rothmoos gehen wir einen anderen Weg“, so Mayer. „Dort bauen wir ein Drittel Ein- oder Zweizimmer-Wohnungen für jüngere Leute, ein Drittel Familienwohnungen und ein Drittel Wohnungen für ältere Menschen.“ So könnten Menschen ihr gesamtes Leben in ein und demselben Quartier verbringen – und hätten, wenn sie zweimal im Leben umziehen, immer die perfekt auf sie zugeschnittene Wohnung.

Der GWG-Chef glaubt fest daran, dass sich die Lindauer Wohnungssituation in absehbarer Zeit etwas entspannt. „Die Veränderung wird kommen, 2020, 2021, wenn die Wohnungen auf dem Coca-Cola-Gelände umgesetzt sind“, so Mayer. „Bis dahin bleibt die Situation angespannt.“

Tauschwohnung.com bietet eine Plattform für Wohnungstausch

Die einen suchen eine größere Wohnung, die anderen eine kleinere. Warum also nicht einfach tauschen? Das hat sich offenbar Beate Ruuck gedacht – und vor sieben Jahren eine Internet-Plattform mit dem Namen „Tauschwohnung.com“ gegründet. Dort können Nutzer ihre eigene Wohnung zum Tausch anbieten. Und bekommen dafür eine, die besser zu ihnen passt, wie John Weinert und Dario Bednarski erklären, die „Tauschwohnung.com“ vor gut drei Jahren übernommen haben.


John Weinert und Dario Bednarski
John Weinert und Dario Bednarski (Foto: oh)

Wer seine Wohnung tauschen möchte, muss sich zunächst kostenfrei auf „Tauschwohnung.com“ registrieren. Erst dann können Tauschwillige ein Gesuch einstellen. Dabei geben sie an, was für eine Art von Wohnung sie suchen und in welcher Stadt oder in welchem Stadtteil sie sich befinden sollte. Im zweiten Schritt stellen sie dann ihr eigenes Zuhause vor.

„Ein Algorithmus schaut dann, was zusammenpasst“, erklärt Weinert. Finden sich zwei Wohnungssuchende, deren Zuhause zum jeweils anderen passt, kommt es zum sogenannten Match – und beide bekommen eine Nachricht.

In großen Städten wie Berlin oder Köln funktioniere das Konzept bereits sehr gut. Dort bekomme jeder, der eine Wohnung einstellt, gleich mehrere Tauschangebote. „Aber eigentlich ist die Größe der Stadt egal“, sagt Bednarski. Es komme nur darauf an, dass sich genug Leute anmelden.

Wer seine Wohnung tauscht, spart sich Maklergebühren. „Außerdem kann man sich beim Umzug den Transport teilen und hat plötzlich doppelt so viele Umzugshelfer, die mit anpacken“, zählt Bednarski weitere Vorteile auf. Natürlich müssen die Vermieter dem Tausch zustimmen und neue Mietverträge aufsetzen. „Bisher hat das aber immer reibungslos funktioniert.“

Damit das Tauschprinzip funktioniert, wollen die beiden Unternehmer so viele Menschen wie möglich auf ihre Plattform aufmerksam machen. Eine Zielgruppe sind Senioren. „Die Leute, die größere Wohnungen haben, sind oft alleinstehende ältere Menschen“, so Weinert. Aus diesem Grund arbeiten die beiden in einigen Städten bereits eng mit Seniorenbeiräten zusammen.

Darum hat sich LZ-Redakteurin Julia Baumann mit dem Thema Wohnungsmangel beschäftigt
Für die Serie „Lösungswege“ sucht die Redakteurin nach einer Lösung für das Lindauer Problem.

Lösungen erfordern Kreativität

Damit sich der Lindauer Wohnungsmarkt entspannt, bedarf es ein wenig Kreativität. Konzepte wie das Portal „Tauschwohnung.com“ können da eine Lösung sein – vorausgesetzt, genug Lindauer machen mit.

Aber es gibt auch noch weitere Möglichkeiten. In vielen anderen Städten werden Wohnungen derzeit auf die Flachdächer großer Discounter gesetzt. In Berlin zum Beispiel könnten so laut Berechnungen von Experten etwa 36000 neue Wohnungen entstehen. Die ersten Wohnungen, die „Lidl“ in der Prenzlauer Allee über einer Filiale gebaut hat, sind bereits bezogen. Und der Rewe-Markt auf der Insel zeigt, dass solche Konzepte auch in Lindau möglich sind.

Denn auch, wenn in den kommenden Jahren in Lindau einige Wohnungen entstehen werden – ausreichen werden sie vermutlich nicht, der Bedarf ist einfach viel zu groß. Doch die Lindauer haben es verdient, in ihrer Heimatstadt wieder passende und bezahlbare Wohnungen zu finden. Denn nur so bleibt ihre Stadt für sie lebenswert.

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