Wie ein Taschentuch zum Kaninchen wird

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Michael Döhnert und Melanie Florschütz zaubern in „Ssst“ nicht nur ein Kaninchen aus der Hosentasche, sondern auch eine zauberha
Michael Döhnert und Melanie Florschütz zaubern in „Ssst“ nicht nur ein Kaninchen aus der Hosentasche, sondern auch eine zauberhafte Geschichte für die Allerkleinsten. (Foto: isa)
Isabel Kubeth de Placido

Theater für die Allerkleinsten, für Kinder ab zwei Jahren? Wie geht das denn? Es funktioniert! Das haben zumindest Michael Döhnert und Melanie Florschütz mit „Ssst“ auf der Hinterbühne gezeigt. Einem zarten, dennoch starken und zugleich zutiefst poetischen Stück, das völlig ohne Worte auskommt und trotzdem eine Welt der Imagination eröffnet, die zauberhafter nicht sein kann.

Normalerweise lebt Theater von der Sprache. Und normalerweise werden weiße Kaninchen auch immer aus Hüten gezaubert. Auch der Umstand, dass ganz kleine Kinder schon ins Theater gehen sollen, ist alles andere als alltäglich. Doch bei Michael Döhnert und Melanie Florschütz und ihrem halbstündigen Stück „Ssst“ ist sowieso alles anders.

Ihre Theaterbühne ist ein Kreis, der mit verschiebbaren Stoffbahnen begrenzt ist und mal als Hintergrund dient, mal als Bühnenvorhang. Ein paar Trommeln stehen da und ein altes Röhrenradio. Die Kinder, die es sich mit ihren Papas, Mamas oder Großeltern auf den ausgelegten Fellen auf den Stufen, wo sonst die Stühle stehen, bequem gemacht haben, sind noch etwas unruhig ob der unbekannten, dunklen Umgebung. Manche weinen sogar. „Raus, raus“ ist zu hören. Doch kaum haben die Schauspieler in ihren Clownkostümen von anno dazumal den Lichtkreis betreten, sind die Kinder auch schon in ihren Bann gezogen.

Michael Döhnert betätigt eine knarzende Kurbel und Melanie Florschütz hebt mit schelmischem Blick marionettenartig die Arme, zieht ihren Hut und die beiden verbeugen sich. Die Kinder lachen. Unaufgeregte Musik ertönt aus dem leuchtenden Röhrenradio, Michael Döhnert tritt an die Trommeln und schaut seine Kollegin auffordernd an. Die versteht zur Belustigung der Kinder erst nicht. Dann kruschtelt sie in den Hosentaschen und fördert einen Stab zutage, der zum Trommelbesen wird. Ein zweiter folgt und dann ein Stück Würfelzucker. Und schon kann die Vorstellung beginnen.

Ein Zaubertrick nämlich, bei dem sie unter leisen Trommelwirbeln den Zucker von ihrer Hutkrempe in eine Tasse befördert. Einmal, zweimal, dreimal. So lange, bis aus ihrer Hosentasche kein Würfelzucker mehr kommt, sondern ein weißes Seidentuch. Und dann ein zweites. Und dann ein weißes Kaninchen.

„Hase“, ertönt es feststellend aus dem Publikum. Genauso überraschend wie der „Hase“ in die Welt der Kinder tritt, tritt er in die Welt der beiden Clowns. Waren schon Melanie Florschütz´ Hosentaschen unergründlich, so bergen die von Michael Döhnert einen wahrlichen Schatz an raffinierten Requisiten. Ein Tischchen, so groß, dass die Tasse darauf Platz hat, sogar ein ganzes Häuschen und ein Licht dazu, das dem Haus eine heimelige Atmosphäre verleiht, und eine Leiter. Doch das Kaninchen braucht nichts zu essen, nichts zum Klettern und nichts zum Schlafen, außer dem Hut, aus dem es ursprünglich doch gar nicht kommt und zum Traumschiff wird. Je mehr die Clowns ihm einen Lebensraum zu geben versuchen, umso lebendiger wird das Kaninchen. Der Tisch wird kurzerhand zum fliegenden Teppich, in dem es eine Mondfahrt unternimmt. Rauf und runter, hin und her. Nicht hektisch, sondern behutsam und sanft, lässt Melanie Florschütz das Häschen tanzen. So, wie sie es auch beim Tanz auf dem Seil tut. Traumtänze. Denn was sonst kann man mit einem weißen Kaninchen machen, außer träumen?

Aus dem Spiel ist eine szenische Fantasie geworden, bei dem die Schauspieler durch Gestik und Mimik mit dem Publikum kommunizieren. Mit ihrem Tun stoßen sie Bilder bei den Kindern an, die deren Fantasie anregen. Die Buben und Mädchen schaffen sich durch ihre eigene Vorstellungskraft eine eigene Geschichte. Genauso wie das Kaninchen, das zwar von Melanie Florschütz geführt wird, sich aber dennoch wie von selbst bewegt.

„Nochmal“, sagt ein Kind, nachdem der große Mond aufgegangen ist, die Clowns und das Häschen ein Lied gesummt haben und das Licht ausgegangen ist.

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