Wenn Wortgefechte eskalieren

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Eine Männerfreundschaft zerbricht: Serge (links hinten, Luc Feit) und Marc (Leonard Lansink), Yvan (vorne, Heinrich Schafmeister
Eine Männerfreundschaft zerbricht: Serge (links hinten, Luc Feit) und Marc (Leonard Lansink), Yvan (vorne, Heinrich Schafmeister). (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Yasmina Rezas Komödie „Kunst“, mit der die Konzertdirektion Landgraf am Mittwochabend in Lindau begeistert hat, war bereits bei der Uraufführung im November 1994 in Paris ein Riesenerfolg. Als „beste Aufführung der Spielzeit“ ausgezeichnet, wurde sie nach der deutschen Erstaufführung an der Berliner Schaubühne an zahlreichen deutschen Theatern nachgespielt. Auch 25 Jahre danach hat die meisterlich psychologisierende Komödie nichts von ihrer Faszination verloren.

Urkomisch und todernst, in sicherer Balance zwischen Kammerspiel, Clownerie und Farce kommt das Stück in Fred Berndts Inszenierung daher, und die Tatsache, dass hier nicht junge Schauspieler, sondern textkonform Männer im mittleren Alter in den Ring steigen, verleiht den in einer jahrelangen Männerfreundschaft aufbrechenden Differenzen weitaus schärfere Konturen.

Wie ein schüchterner Liebhaber hat Serge (Luc Feit) das Bild des Anstoßes – den sündteuren monochromen „echten Antrios“, eins zwanzig mal eins sechzig und (fast) ganz weiß – hervorgeholt. Mit zärtlichem Kennerblick enthüllt er das Bild und wartet, vor Besitzerstolz fast platzend, auf die Reaktion seines langjährigen Freundes und Mentors Marc. Der blickt es sprachlos an, und mit welcher Miene Leonard Lansink es anblickt, das spricht Bände. Für den Luftfahrtingenieur ist es unbegreiflich, wie man für ein solches Bild zweihunderttausend Francs hinblättern kann. Ist der Freund verrückt? Auf wen ist er hereingefallen? Und warum will er seinen Fehler partout nicht einsehen?

Schon bald geht es nicht mehr um das Bild, sondern um Grundsatzfragen. Wie kann Freund Serge, der erfolgreiche Dermatologe, ganz ohne Marc zu fragen, seine eigenen Wertvorstellungen entwickeln? Schließlich verliert Marc seine Beherrschung – seine totale Ablehnung schafft eine unüberwindliche Kluft zwischen den Freunden.

Wie unreife Kinder benehmen sich diese Männer hier im Privaten, wo sie ganz sie selbst sein können und viel verletzlicher sind. Zwischen den beiden steht Yvan (Heinrich Schafmeister), in dem die anderen eher den unterhaltsamen Clown ohne eigene Meinung gesehen haben und der doch so hilflos verletzlich ist. Jeder hat sich von dem anderen ein Bild gemacht. Jeder ist letztlich ein Egoist, lässt nur seine Meinung gelten, und immer wieder bilden sich neue Fronten. Im Sog des Synergieeffekts kommt alles auf den Tisch, was jahrelang verdrängt wurde – und die drei Spieler, die mit enormer körperlicher Präsenz agieren, genießen sichtlich das sachte eskalierende Wortgefecht.

Im laborartigen, blitzschnell wandelbaren Bühnenbild von Fred Berndt kommt das Ganze mit boulevardesker Leichtigkeit daher, ohne tiefersitzenden Problemen auszuweichen. Ein sehr amüsanter, intellektuell anregender Abend in vorzüglicher Sprechkultur.

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