Wenn unser Gedächtnis uns einen Streich spielt

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 Renate Volbert spricht über Glaubwürdigkeit und Pseudoerinnerungen.
Renate Volbert spricht über Glaubwürdigkeit und Pseudoerinnerungen. (Foto: Stefanie Bernhard-Lentz)
Stefanie Bernhard-Lentz

Erinnerungen können trügen. Welche Ausmaße es annehmen kann, wenn Menschen sich an ihre Biographie anders erinnern, als sie tatsächlich stattgefunden hat, wenn diese Pseudoerinnerungen Grundlagen für Gerichtsurteile sind und was das mit der Arbeit von Psychotherapeuten zu tun hat, davon gab die Berliner Rechtspsychologin Prof. Dr. Renate Volbert einen Eindruck.

„Lassen sich Pseudoerinnerungen von wahren Erinnerungen unterscheiden?“ So die Frage der Wissenschaftlerin und ihre Antwort ist komplex. Denn bei Pseudoerinnerungen handelt es sich keineswegs um böswillige Falschaussagen, um Lügen die den eigenen Vorteil im Blick haben. Vielmehr geht es um „vermeintliche Erinnerungen an Ereignisse, die objektiv nicht stattgefunden haben, subjektiv aber als tatsächliche Erinnerungen betrachtet werden“, erklärt Volbert. Dabei haben Studien schon in den 90er-Jahren gezeigt, dass nicht nur einzelne Details einer Erinnerung beeinflusst werden können – es ist sogar möglich, biografisch bedeutsame Ereignisse zu induzieren, also zu erzeugen. Unser Gehirn spielt uns einen Streich.

Die Untersuchungen, die dazu gemacht wurden, lassen staunen: So berichteten Probanden in einer Versuchssituation davon, als Kind in einem Kaufhaus verloren gegangen zu sein, was nachweislich nie geschehen war. Oder sie erzählten davon, in Disneyland der Figur Bugs Bunny begegnet zu sein – was unmöglich ist: Der Hase ist ein Geschöpf von Warner Brothers und hätte im Reich des Konkurrenten Disney sicher keinen Zutritt. Spannend: Je häufiger die Menschen befragt wurden, umso detailreicher wurden ihre „Erinnerungen“. Soweit die Erkenntnisse aus dem Labor. Tragisch mutet der Blick in die Realität an. Hier erzählt Renate Volbert die Geschichte von Binjamin Wilkomirski, alias Bruno Dössekker. Dieser schrieb in dem Buch „Bruchstücke“ seine Erinnerungen als Holocaust-Überlebender auf – glaubhaft und erschütternd. Doch die Geschichte wurde als Fiktion entlarvt, der Autor wahlweise als Betrüger oder als Opfer von Pseudoerinnerungen eingeschätzt.

Ein aktuelles Fallbeispiel, in dem Volbert selbst an einem Gutachten arbeitete, ist die Geschichte einer heute 42-jährigen Frau. Sie ist aufgrund einer Depression arbeitsunfähig. Ihr Vorwurf: Ihr Onkel habe sie als Zwölfjährige sexuell missbraucht. Erinnerungen daran wurden erst im Verlauf einer Therapie wach. Anlass für die Therapie waren psychosomatische Symptome. Während im Fall Wilkomirski per DNA-Analyse bewiesen werden konnte, dass die Aussagen des Autoren tatsächlich unwahr sind, konnte ein Gutachten im Fall der Frau nicht klären, ob es sich hier um echte oder induzierte Erinnerungen handelt.

Wie aber kommt es zu Scheinerinnerungen? Eine entscheidende Rolle spielen sogenannte „Quellenverwechslungsfehler“. Etwa, wenn psychisches Leiden der Ausgangspunkt ist und nach einer Erklärung für die Beschwerden gesucht wird. Dann stehen oft Fragen im Raum wie: Ist eine verdrängte Traumatisierung Ursache für das psychische Leiden und sollten diese Erinnerungen durch bestimmte Techniken zugänglich gemacht werden? Und hier beginnt die Gratwanderung, denn wo geht es darum, Licht ins Dunkel zu bringen und wo läuft der Therapeut Gefahr, zu suggerieren oder zu induzieren?

Scheinerinnerungen sind oft auffällig lückenhaft

Und so schärfte die Psychologin den Blick für die Verantwortung der Therapeuten: Spezifische Erwartungshaltungen im Hinblick auf die Ursache von Symptomen gilt es zu meiden, ebenso Äußerungen über mutmaßliche Ursachen von Symptomen. Problematisch sein können auch Techniken, die dazu beitragen, dass sich reale und fiktive Ebenen vermischen oder Interventionen, die anregen, sich fiktive Situationen bildhaft vorzustellen. Ebenso zu unterlassen sind unkritische Bewertungen aufkommender Bilder als historische Wahrheit.

Hilfreich bei der Unterscheidung von Scheinerinnerungen und genuinen (echten) Erinnerungen könnten unter anderem die Fragen sein, ob die Erinnerungen kontinuierlich sind und durch Erfahrungen begrenzt – dies könnte für echte Erinnerungen sprechen. Anders bei den Scheinerinnerungen, die oft auffällig lückenhaft sind. Vorsicht gilt auch, wenn die Angaben aus einem Zeitraum stammen, an den sich Menschen in der Regel nicht erinnern können (vor dem dritten Lebensjahr). „Scheinerinnerungen sind nicht sicher von wahren Erinnerungen zu trennen“, erklärt Volbert. Doch:„Rahmenbedingungen, die Scheinerinnerungen fördern, sind bekannt und können geprüft und vermieden werden“. Ihr Fazit: „Wir haben ein gewisses Nicht-Wissen, was die Wahrheit betrifft. Die Dinge sind komplex, dieser Komplexität müssen wir uns stellen.“

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