Wenn der Geliebte zum Besessenen wird

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Sie wurde jahrelang verfolgt: Christine Doering hat deshalb noch heute Alpträume.
Sie wurde jahrelang verfolgt: Christine Doering hat deshalb noch heute Alpträume. (Foto: jam)
Schwäbische Zeitung
Online-Redakteurin

Jahrelang ist Christine Doering von ihrem Exfreund verfolgt, bedroht, terrorisiert worden. Im Sparkassensaal erzählte sie ihre Leidensgeschichte als Stalking-Opfer. Sie erklärte auch, wie man sich gegen die Angriffe eines Stalkers wehren kann. Zu dem Fachvortrag eingeladen hatte der Arbeitskreis „Wege aus der Gewalt“.

„Man hat das Gefühl, auf eine Eskalation zuzusteuern, kann aber nichts dagegen machen.“ So beschreibt Christine Doering die knapp zwei Jahre, in denen sie von einem Mann verfolgt wurde. Es war ein Erlebnis, das noch heute Schlafstörungen und Alpträume in ihr auslöst; ein Erlebnis, so formuliert es die junge Frau selbst, das ihr Vertrauen in die Menschen, aber auch in die Justiz erschüttert hat. Noch heute könne sie keine Partnerschaft eingehen, zu tief sitzt der Schmerz, die Angst, das Gefühl der Hilflosigkeit. Schuld ist ihr Exfreund, Vater des gemeinsamen Kindes.

Zur Veranstaltung waren vor allem Mitglieder des Arbeitskreises gekommen, Vertreter der Weißen Rose, des Jugendamtes, der Polizei. Was sie zu hören bekamen, das hinterließ bleibenden Eindruck.

Zunächst beschrieb Matthias Kaiser, Sachbearbeiter für häusliche Gewalt der Polizeiinspektion Lindau, was Stalking (sprich: Storking) bedeutet: Stalking ist eine Annäherung und Belästigung über einen längeren Zeitraum, denn der Täter ist vom Opfer regelrecht besessen. Fast die Hälfte der Stalker verfolgen einen Expartner, acht von zehn Opfern sind weiblich.

Dann stellt sich Doering vor. Die junge Frau wirkt zart, beinahe zerbrechlich. Aber der Eindruck täuscht. Denn gegen ihren Stalker hat sie jahrelang gekämpft. Heute leitet die gelernte Krankenschwester die einzige Stalking-Selbsthilfegruppe in Bayern, hält Vorträge, bietet Beratungen an und bringt das Thema Stalking in die Öffentlichkeit.

„Gemeinsam stehen wir das durch“

Mit klarer, fester Stimme erzählt die Referentin, wie sie sich 2007 in ihren späteren Peiniger verliebte. Dass er häufig trank und launisch war, schob sie darauf, dass seine Mutter schwer krank war. „Ich dachte, wir halten zusammen, gemeinsam stehen wir das durch.“

Schon nach kurzer Zeit zogen die beiden zusammen. Doering: „Dann hat er seine Maske fallen lassen, und die Stimmung ist gekippt.“ Immer öfter bekam er Wutausbrüche und demütigte seine Freundin. Doch die fand immer neue Entschuldigungen für sein Verhalten.

Dann erfuhr sie von ihrer Schwangerschaft. „Das war wie ein Weckruf“, berichtet die junge Frau. Doering zog aus der gemeinsamen Wohnung aus. Erst ein Jahr später schaffte sie es, sich endgültig zu trennen. Bereits nach dem Auszug hatte er begonnen, sie zu bedrängen und zu drangsalieren: mit SMS, E-Mails, Anrufen – auch mitten in der Nacht. Häufig stand er einfach unangemeldet vor ihrer Tür. Mit dem gemeinsamen Kind setzte er sie unter Druck.

Eines Tages polterte es nachts gegen Doerings Wohnungstür. Betrunken versuchte er, die Tür einzutreten. Er schrie und drohte, sie und das Kind umzubringen. Da rief Doering zum ersten Mal die Polizei und erstattete Anzeige. Schließlich erließ ein Richter eine Anordnung, die es ihm verbot, mit ihr in Kontakt zu treten oder sich ihr zu nähern. Doch der Exfreund ignorierte alle Auflagen, trotz mehrerer Geldstrafen.

Schlafstörungen und Alpträume

Schließlich löschte Doering alle Internetaccounts und wechselte die Telefonnummer. Daraufhin fuhr ihr Exfreund mehrfach täglich dicht an ihrem Haus vorbei, die Musik laut aufgedreht. Das alles nahm Doering mit, sie bekam Schlafstörungen und schlimme Alpträume. Doering traute sich nicht mehr, alleine auf die Straße zu gehen. Doch sie blieb standhaft.

In insgesamt sieben Gerichtsverhandlungen ging die junge Frau gegen ihren Peiniger vor. Erst nach einem Jahr Rechtsstreit erreichte sie schließlich eines der härtesten Stalking-Urteile in Deutschland: 8 Monate Haft auf Bewährung wegen Nachstellung.

Eine Woche nach diesem Urteil zog Doerings Exfreund weg. Wohin, das weiß sie nicht. Jedenfalls hat er ihr bis heute keinen Kindesunterhalt bezahlt. Aber damit kann Doering leben: „So lange er weg ist und wir Ruhe haben, verzichte ich gerne auf das Geld.“ Noch heute leidet Doering unter Angstzuständen und Schlafstörungen. Durch den Dauerstress ist ihr Immunsystem nachhaltig geschädigt.

Am Ende bleibt vor allem eine Frage: Ist Stalking auch in Lindau und Umgebung ein Thema? Die Antwort von Matthias Kaiser ist beunruhigend: Ein bis drei Mal pro Woche spreche er mit Stalkingopfern.

Hier gibt es Hilfe:

Matthias Kaiser, Sachbearbeiter für häusliche Gewalt, Polizeidirektion Lindau: 08382/9100, matthias.kaiser@polizei.bayern.de

Helene Schumacher, Gleichstellungsbeauftragte im Landratsamt: 08382/270632, helene.schumacher@landkreis-lindau.de

Hilfe für Frauen in Not (Frauenhaus Lindau): 0172/8851483

Jugendamt Lindau, Fachbereich Jugend und Familie: 08382/270172

Website von Christine Doering: stalking-justiz.de (Rechtsberatung, Handlungsmöglichkeiten, weitere Kontakte)

So verhalten sich Opfer richtig

- Konsequent bleiben, niemals nachgeben

- Jede Nachstellung bei der Polizei anzeigen

- Beweise sammeln: Heimliche Videoaufnahmen sind in Stalkingfällen erlaubt

- So viel wie möglich beraten lassen

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