Welche Geschichte steckt hinter den Toten vom Schrannenplatz?

Lesedauer: 7 Min
Frau kniet in einem offenen Kanal
Bei Kanalarbeiten am Oberen Schrannenplatz, direkt neben Lindaus ältester Kirche, haben Bauarbeiter 2018 einen uralten Friedhof aufgebaggert. Nur einige Zentimeter unter der Erde lagen Sarkophage und einige Skelette. (Foto: Jule)
Isabel de Placido

Als die GTL vor zwei Jahren unter die Pflastersteine des Oberen Schrannenplatzes einen neuen Kanal verlegen wollte, machten die Arbeiter einen spannenden Fund: Sie stießen auf eine Vielzahl von recht gut erhaltenen Knochen. Knochen, die zu insgesamt fünf Skeletten gehörten, wie sich später herausstellen sollte. Welche Geschichte diese Skelette über sich und den Fundort erzählen, davon berichtete die Anthropologin Carola Berszin rund 30 Mitgliedern und Interessierten des Historischen Vereins.

Frau neben einem Mikrofon
Die Anthropologin Carola Berszin erzählt die Geschichte der fünf Skelette vom Schrannenplatz. (Foto: isa)

Eigentlich ist die Erkenntnis nicht verwunderlich, jetzt ist es aber ziemlich sicher: Der Platz um die Peterskirche war aller Wahrscheinlichkeit nach einmal ein Friedhof. Dass das so sein könnte, davon erzählen die fünf historischen Skelette, die im Oktober 2018 im Zuge von Kanalarbeiten in rund 140 Zentimetern Tiefe gefunden wurden. Ein Fund, der jedoch keineswegs eine Überraschung war, wie Carola Berzin den über 30 Interessierten im Gewölbesaal sagte.

Die Anthropologin war mit der Untersuchung der Skelette betraut, während ihre Kollegin Elisabeth I. Faulstich-Schilling die Grab- und Bergungsarbeiten begleitete. Darauf, dass an dieser Stelle oder grundsätzlich in der Nähe der Peterskirche etwas sein könnte, was zur Stadtgeschichte Lindau gehört, sei die GTL sehr wohl gefasst gewesen, sagte GTL-Sachgebietsleiter Hans Schupp. Deswegen sei die Archäologin, die aktuell übrigens auch die Arbeiten an der Karlsbastion auf der Hinteren Insel begleitet, bereits zu Beginn der Grabungsarbeiten dabei gewesen.

 Das Skelett hat noch jede Menge Zähne.
Das Skelett hat noch jede Menge Zähne. (Foto: Julia Baumann)

Wie Carola Berszin berichtete, würde seit längerem und aufgrund früherer Skelettfunde ein Friedhof um jene Kirche vermutet, die bis 1180 die alleinige Pfarrkirche der Inselstadt gewesen ist. Zum einen verdichtet sich mit den neuen Skeletten diese Vermutung, zum anderen deutet der Fundort darauf hin, dass es sich um einen relativ großen Friedhof gehandelt haben muss. Seien doch die ersten und die zweiten Funde an entfernt auseinander gelegenen Orten gefunden worden.

Menschliche Überreste sind hunderte Jahre alt

Die Skelette selbst stammen aus dem Zeitraum zwischen spätem Mittelalter und früher Neuzeit und sie lagen nicht nebeneinander, sondern waren „ineinander geschachtelt“. Ein Umstand den Carola Berszin damit erklärte, dass die Toten zu unterschiedlichen Zeiten bestattet wurden. Wegen Platzmangels seien früher ältere Bestattungen kurzerhand zur Seite geschoben worden.

Gefunden wurden zudem Sarg-reste. Diese ließen darauf schließen, dass es sich bei den Toten um reichere Menschen gehandelt haben muss. Damals wurden die Toten in Lindau nämlich in einer Prozession zu Grabe getragen. Während die Armen dabei in Leihsärgen lagen und mittels einer Klappe in das Grab befördert wurden, konnten sich die Reichen einen eigenen Sarg leisten, der mit bestattet wurde. Während vier der gefundenen Skelette in der im Christentum üblichen West-Ost-Ausrichtung und damit mit dem Kopf im Westen und auf dem Rücken liegend, bestattet wurden, lag ein Skelett in Nordwest-Südost-Ausrichtung.

Dieser Tote war zudem auch ohne einen Sarg beerdigt worden, erklärte Carola Berszin. Dies sollte, wie sich später noch herausstellen sollte, nicht die einzige Besonderheit der fünf Skelette bleiben. Bei den ersten Toten war allerdings erst einmal alles ganz normal. So war das erste Skelett das einer über 60-jährigen Frau, die um die 154 Zentimeter groß und für ihr Alter ziemlich aktiv war. Sie verbrachte viel Zeit in einer knienden, hockenden Stellung und litt an einer Knochenerweichung und an Rachitis.

Opfer stumpfer Gewalt

Die Skelette zwei und drei lagen übereinander und waren beide männlich. Während der eine Tote zwischen 15 und 18 Jahre alt gewesen sein muss, war der andere Tote zwischen 30 und 40 Jahre alt, als er starb. Er war zwar sehr robust, hatte kräftige Muskeln, litt allerdings an einer angeborenen Hüftgelenksdysplasie. Zudem war er um die 172 groß, wog genau 67,7 Kilogramm und hatte einen BMI von 22,8.

Bei ihm hatte die Anthropologin festgestellt, dass er keines natürlichen Todes gestorben war. Wenngleich dies nicht zwangsläufig bedeutet, dass er ermordet wurde, so war er doch zumindest Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Zahlreiche Knochenbrüche, wie etwa der durch stumpfe Gewalt zerbrochene Ellbogen, weisen darauf hin.

Bevor die Skelette nach Konstanz transportiert werden, bauen die Wissenschaflterinnen sie auseinander.
Eines der Skelette, das im Herbst 2018 in Lindau entdeckt wurde. (Foto: Julia Baumann)

Ein weiterer Jugendlicher, aber wieder ein ganz normaler Fall, ist das Skelett Nummer vier. Zum Todeszeitpunkt war die Person unbekannten Geschlechts zwischen 16 und 20 Jahre alt. Nummer fünf dagegen war eben jener besagte Tote, der eine Sonderbestattung bekommen hatte und in Nordwest-Südost-Ausrichtung beerdigt worden war. Dabei handelt es sich um eine 45 bis 55 Jahre alte und 159 Zentimeter große Frau, die nicht gerade grazil war, an Tuberkulose litt und „unglaublich schlechte Zähne“ hatte. Für die Anthropologin ein eindeutiges Zeichen dafür, dass diese Frau in ihrer Kindheit Stress aufgrund von Hungerjahren gehabt haben musste.

Aufgrund der gemischten Geschlechter, die hier beerdigt waren, schloss Carola Berszin, dass es sich bei dem Friedhof der Peterskirche um einen ganz normalen Pfarrfriedhof gehandelt hat und nicht etwa um einen Soldaten- oder Nonnenfriedhof.

Erkenntnisse, die der Stadtarchivar und stellvertretende Vorsitzende des Historischen Vereins als wertvoll bewertete. Denn, so sagte er: „Das ist eine Epoche der Lindauer Geschichte, die bisher noch nicht sehr beleuchtet ist.“

Meist gelesen in der Umgebung

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen