Wegen Corona: Zwei Rentner erleben eine sechstätige Odyssee durch Spanien

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 Eigentlich sollte die Reise die Senioren auch auf die Kanarischen Inseln führen. Daraus wurde nichts.
Eigentlich sollte die Reise die Senioren auch auf die Kanarischen Inseln führen. Daraus wurde nichts. (Foto: Ulrich Mendelin)
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Zwei Rentner freuen sich auf eine Schiffsreise - und erleben eine sechstägige Odyssee durch Spanien. In München reisen sie schließlich ohne Kontrollen ein. Wie das möglich war, das wundert die beiden noch heute.

„Am Münchner Flughafen sind wir ganz normal eingereist“, erzählt Uwe Kühl aus Lindau. „Ohne eine einzige Kontrolle." Das verwundert insofern, da er und sein Kollege Georg Maier aus Achberg am 17. März aus Madrid kamen. Wenige Tage zuvor hatte die spanische Regierung aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus den Notstand verhängt und das Robert-Koch-Institut erklärte die spanische Hauptstadt zum Risikogebiet.

Eigentlich wollten die beiden nie nach Madrid. Sie wollten eine Kreuzfahrt machen. Neun Tage Vulkane auf den Kanaren, ein ehrwürdiges Renaissance-Rathaus in Santa Cruz de la Palma und kilometerlange Sandstrände auf Porto Santo – darauf hatten sie sich gefreut. Losgehen sollte die Reise auf Teneriffa. Kurz nach der Ankunft dann die Hiobsbotschaft: Die Reise findet nicht statt. Die spanische Regierung hatte die Häfen für Kreuzfahrtschiffe geschlossen. Am nächsten Tag schon sollte es zurück in die Heimat gehen – so das Versprechen des Veranstalters, erzählt Uwe Kühl.

Gestrandet in Teneriffa – auf einer Insel, auf der rund eine Woche zuvor mehr als 200 deutsche Urlauber in einem Hotel in Quarantäne saßen. Warum sind die beiden Männer überhaupt auf die Insel geflogen? Immerhin haben am 13. März die ersten europäischen Länder ihre Grenzen dicht gemacht. Am 12. März seien sie mit der Bahn zum Münchner Flughafen gefahren und von dort nach Teneriffa geflogen.

„Es gab schlicht keine Hinweise vom Veranstalter“, sagt Georg Maier. Ob sie ein mulmiges Gefühl hatten? Nein, sagen sie. Sie mussten einen Tag und eine Nacht in Teneriffa verbringen. Es sei schlicht nicht möglich gewesen, alle Passagiere so schnell über die Absage zu informieren, erklärt Reederei-Sprecher John Will. In Teneriffa war die Stimmung bei den Männern noch super. „Die Anlage war wunderschön. Das Wetter auch“, sagt Georg Maier. „Wir hatten die Füße im Wasser“, erzählt Uwe Kühl. Aber dann sollte die Odyssee beginnen. Der versprochene Flug nach Hause hob ohne sie ab. Am nächsten Tag sollte sie ein Flieger nach Madrid bringen. Allerdings abends. Da war Uwe Kühl klar: Wenn wir abends in Madrid ankommen, kommen wir nicht mehr weiter.

Mit dieser Vermutung sollte er recht behalten. Am Madrider Flughafen seien sie dann stundenlang herumgestanden – und dann wieder in ein Hotel gebracht worden. „Da waren wir dann schon ziemlich kaputt“, sagt Kühl. Im Hotel habe es Essen aus Tüten, ein paar Süßigkeiten und Wasser für die unvorhergesehenen Gäste gegeben. „Eigentlich haben wir uns den Urlaub ganz anders vorgestellt“, lacht Georg Maier.

Spanien ist nach Italien das am meisten von der Coronavirus-Pandemie betroffene Land in Europa. Und am Madrider Flughafen herrschte das blanke Chaos – trotz penibel eingehaltenem Abstand von zwei Metern. „Alle wollten heim“, sagt Uwe Kühl. Auch die beiden Freunde hofften, so schnell wie möglich wieder nach Lindau zu kommen. Als sie in dem Flieger nach München saßen, dachten sie sich: „Gott sei Dank.“ Aber nun hatten auch sie ein mulmiges Gefühl. Im Flieger habe eine Dame hinter ihnen die ganze Zeit gehustet und sich nicht wohl gefühlt. Auf Anweisung der Flugzeugcrew sollten sie sich dann umsetzten, erzählt Uwe Kühl. „Zum Glück war das Flugzeug nicht voll.“ Noch immer wundert er sich, dass sie nach der Landung nicht kontrolliert wurden. Sobald ein verdächtiger Fall auftrete, müsse der Pilot den Zielflughafen informieren, sagt Martina Junk, die stellvertretende Pressesprecherin des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Am Flughafen treffe dann die „Task-Force Infektiologie-Flughafen“ die Entscheidung und mache bei den ankommenden Passagieren eventuell Abstriche oder verteile Schutzmasken. Nichts davon sei geschehen, sagen die beiden Rentner. Warum nicht? Dazu sagt das Landesamt nichts.

„Vom Schiff haben wir nichts gesehen“, sagt Uwe Kühl. Angst hatten sie nie, die Odyssee zerrte vielmehr an ihrem Nervenkostüm. „Das sind verlorene Tage. Man hängt einfach nur herum“, sagt Uwe Kühl. Vom Veranstalter fordern sie nun den Reisepreis zurück. Ob ihnen das gelingt? Fraglich, sagt er. Auch der Veranstalter lässt diese Frage unbeantwortet.

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