Wechselhaft mit ein bisschen heiter

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 Die Schauspielerin Thekla Carola Wied (rechts) und Jazzpianist Stanley Schätzke (links) mit ihrer literarischen Zeitreise durc
Die Schauspielerin Thekla Carola Wied (rechts) und Jazzpianist Stanley Schätzke (links) mit ihrer literarischen Zeitreise durch das 20. Jahrhundert im Stadttheater. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Fast schon traditionell eröffnet das Stadttheater seine Spielsaison mit einem Soloprogramm eines bekannten Bühnenstars. Am Samstagabend war es wieder so weit. In einer Produktion der Theatergastspiele Fürth unter dem Motto „Stürmische Zeiten – Blick zurück nach vorn“ gastierte die Schauspielerin Thekla Carola Wied in Lindau mit ihrer literarischen Zeitreise durch das 20. Jahrhundert. Begleitet wurde sie von dem jungen Jazzpianisten Stanley Schätzke aus Berlin.

Sie kennen sie alle! Aus dem Fernsehen und von der Bühne. Mit 23 Jahren hat sie ihre erste Filmrolle angenommen und erhielt auf Anhieb das Filmband in Gold. Von da an ging es mit ihrer Karriere steil nach oben, stimmte Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn die Zuschauer im ausverkauften Saal auf den Auftritt ein.

Sichtlich bewegt über „so´n volles Haus“

Dann stand sie da und war doch sichtlich bewegt über „so´n volles Haus“. Sie ist gebürtige Berlinerin und dem Dialekt leidenschaftlich zugetan. Wenn sie sich adhoc in dem roten Ledersessel zurücklehnt und eine Szene aus Kurt Tucholskys „Die Ansichten des Herrn Wendriner“ in Szene setzt, dann ist da keine Spur mehr von Fernsehrollen aus den 1980er Jahren. Dann ist da Thekla Carola Wied unplugged. Ihrem Herrn Wendriner gehen alle möglichen Dinge durch den Kopf, die ihn vom Einschlafen abhalten. Ja, ausspannen sollte er dringend einmal. In jedem seiner unseligen Zustände findet sich der Zuschauer wieder, was einiges an Humor und leicht bitterer Erkenntnis mit sich bringt. Aus diesem Stoff ist Wieds Abend gestrickt.

Ihre Mutter sei 1914 geboren, sie selbst 1944. Zusammen mache das bis heute ein Jahrhundert stürmischer Zeiten. Vor diesem Hintergrund rezitierte sie Texte und Gedichte bekannter Autoren von einst bis jetzt. Unverkrampft, bisweilen heiter, doch sehr direkt und pointiert erinnerte sie an Vergangenes, das gegenwärtiger kaum sein könnte. An Klabund, Schriftsteller und Pazifist während des Ersten Weltkrieges, mit der Erzählung „Die Briefmarke auf der Feldpostkarte“, die von der tragischen Liebe des schwer verwundeten Hauptmann R. handelt. An Mascha Kaléko und an den eindringlichen Brief, die die österreichische Kernphysikerin Lise Meitner aus Stockholm während des Zweiten Weltkrieges an den Chemiker und „Entdecker der Kernspaltung“ Otto Hahn schrieb. Darin appelliert sie an dessen Gewissen. Sie alle hätten den Maßstab und die Fairness verloren. Seien Mitglieder der Partei statt Widerstand zu leisten. Ob sie eigentlich wüssten, was in anderen Ländern über Deutschland gedacht würde. Ihren Brief nannte sie erbarmungslos, doch die ehrlichste Freundschaft.

Die musikalischen Überleitungen gestaltete der junge Berliner Jazzpianist Stanley Schätzke äußerst gefühlvoll mit Klassikern der Zeit, deren Themen er improvisierte. Beides – Textrezitationen und Klavierspiel – machten diesen Abend zu einem sehr harmonischen. An dem es sich Thekla Carola Wied nicht nehmen ließ, zu Schätzkes Begleitung das „Lied vom Wirtschaftswunder“ zu singen oder frei nach Peter Ensikat sich die Mütze aufzusetzen und als dessen „Feuerwehrmann“ aufzutreten. Ironisch und doch immer mit diesem Schalk in den Augen.

Wieds größtes historisches Ereignis

„Ich kann mich an ein kein schöneres Abschiedsfest nach Dreharbeiten in Berlin erinnern, als meine Kollegen raus an die Luft wollten, aber sofort wieder rein stürmten und riefen, die Mauer ist offen!“, erzählte Wied vom größten historischen Ereignis in ihrem Leben. Um mit Hanns-Dieter Hüsch als einem anderen großen Kabarettisten fortzufahren und das leidige Begriffspaar der „Ossis und Wessis“ auf die Schippe zu nehmen. Wer hat eigentlich damit angefangen – könnte es da nicht auch Nordis und Südis heißen!

Langsam auf die Zielgerade einschwenkend griff sie sich eine Episode aus Martin Suters Kurzgeschichten zum Thema „Burn out“ heraus. Vom stressgeplagten Manager Hunold der sich auf ganze zehn Tage Sommerferien mit der Familie freut und doch kein bisschen Ablassen kann vom immer gleichen schnöden Tun. Und die Aussichten? Wechselhaft und stürmisch mit ein bisschen heiter prognostizierte Thekla Carola Wied mit leuchtenden Augen. Denn Leben bleibt gefährlich.

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