Was täte das Gute ohne das Böse?

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 Der Teufel geht um und treibt in „Der Meister und Margarita“ ein Spiel von Gut und Böse.
Der Teufel geht um und treibt in „Der Meister und Margarita“ ein Spiel von Gut und Böse. (Foto: Tanja Schittenhelm)
Tanja Schittenhelm

Ein musikalisches Schauspiel nach dem Roman von Michail Bulgakow, ein Klassiker der Moderne – eine irrwitzige Mischung aus Satire, Drama, Fantasy und Romantik – so war es angekündigt und so war es auch.

Das dreistündige Feuerwerk der Fantasie unter der Regie von Konstantin Moreth begann vor der Bühne, wo geschäftige Ärzte einer Nervenheilanstalt die Körpersprache der Zuschauer analysierten. Der Theaterbesucher wurde von Beginn an in einen Strudel der Ereignisse hineingerissen, wobei sich mehrere Handlungsstränge mutig vermischten. Reales wurde überlagert von Fantastischem und Übersinnlichem. So etwas wie der russische „Faust“ könnte man Michail Bulgakows Roman „Meister und Margarita“ nennen. Zehn Jahre arbeitete er an dem Buch, das in der Sowjetunion erst 1966 – 26 Jahre nach dem Tod des Autors – veröffentlicht werden durfte und selbst da nur in einer zensierten, stark gekürzten Fassung.

„Der Meister und Margarita“ – die große Reise durch Zeit und Raum – beginnt im Zentrum Moskaus. Zwei überzeugte Atheisten befinden sich im Gespräch: Der Vorstand des Schriftstellerverbands Berlioz übt Kritik am jungen Lyriker Iwan Nikolajewitsch Besdomny. Aus dessen neuestem Poem gehe nicht klar genug hervor, dass die Jesus-Geschichte – wie auch Gott – reine Fiktion sei. Doch dann mischt sich ein Passant ins Gespräch, der behauptet, Gott existiere absolut. Kurze Zeit später – Berlioz ist inzwischen der Kopf von einer Straßenbahn abgetrennt worden – wird Besdomny klar, dass der Fremde der Teufel persönlich war.

Und kann es einen überzeugenderen Fürsprecher für die Existenz Gottes geben als den Teufel selbst? Der Teufel in Moskau, getarnt als Voland, Professor für Schwarze Magie. Doch zuhören will Besdomny keiner, den Teufel als Terroristen jagend, landet er im Irrenhaus. Sein Mitpatient dort: Der Meister – wie er sich nennt – Autor eines unvollendeten Romans über Pontius Pilatus und Jeschua, dessen Veröffentlichung allerdings an Kritik und Zensur scheiterte. Ohnmächtig, mittellos und ohne Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft verließ er seine Geliebte Margarita und zog sich in die Anstalt zurück, wo er auf das Ende der Geschichte wartet.

Das Geld verliert seinen Wert, Margarita, die Geliebte des Meisters wird zur Ballkönigin in einer Walpurgisnacht historischer Figuren. Die Zeitebene der Passionsgeschichte mit dem fiktiven Roman des Meisters über Pontius Pilatus, und der Reflexion über die Wahrheit der Religion und die Existenz des Bösen in der Welt, einer Kraft, die Böses will und manchmal damit auch Gutes schafft, gingen fließend ineinander über. Der Teufel nimmt schließlich das Schicksal der beiden Liebenden in die Hand und schenkt ihnen die Freiheit – denn die magische Fiktion hat die Wirklichkeit längst eingeholt.

Schwerpunkt auf Glaubensfrage und Pontius Pilatus

Konstantin Moreth stellt, wie bereits andere Inszenierungen vor ihm, weniger Bulgakows Kritik an Machtmissbrauch und Schikane durch ein totalitäres System in den Mittelpunkt. Vielmehr gibt er dem Pontius-Pilatus-Thema und der Glaubensfrage viel Raum. Geschickt eingefügt als Spiel-im-Spiel werden die verschiedenen Erzählstränge des Romans auf der Bühne parallelisiert. Die Darsteller (oft in Mehrfachrollen) im Bühnenbild von Günther Brendel zeigten ein mitreisendes Spiel. Faszinierend verwirrend, unterhaltsam mit philosophischem Tiefgang.

Voland (Ursula Berlinghof) sowie seine beiden Gefährten Fagott (Robert Spitz) und der exzentrische Kater Behemot (Moritz Katzmair), der Meister (Johannes Schön), Iwan Nikolajewitsch Besdomny (Pia Kolb) und des Meisters Muse Margarita Nikolajewna (Isabel Kott) haben die Grenze zwischen Wirklichkeit und Wahn komplett überschritten. Brilliant ist Pia Kolb im Kampf mit den Dämonen. Ebenso Ursula Berlinghof, die sowohl den schillernden Voland, als auch die Psycho-Chefärztin mit großer Raffinesse spielte.

Surreale Wirklichkeiten und grotesker Theaterspaß haben sich in dieser Aufführung ständig zu einem wilden, vielschichtigen Spektakel aus Varieté und Religionsdiskurs, Episoden um zwei Schriftsteller und kabarettistischen Kommentaren verbunden und dieses großartig in Szene gesetzt.

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