Walaa spielt, wo sie will

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Fußball verbindet: Die junge palästinensische Nationalspielerin Walaa Hussein spielt Fußball vor einem Checkpoint in Israel.
(Foto: Mohamed Abo Salme)
Schwäbische Zeitung

Palästinenserin, Profi-Fußballerin, ehemalige Spielerin der israelischen Frauen-Nationalmannschaft – die junge Walaa (19) vereint in ihrer Person den gesamten Nahostkonflikt. Die aus Weiler im Allgäu stammende Regisseurin Noemi Schneider hat Walaas außergewöhnliches Leben zwischen den Grenzen ein Jahr lang mit der Kamera begleitet. Ihren Film „Walaa“ präsentiert sie am 10. Juni im Dienstagskino des Lindauer Club Vaudeville. LZ-Mitarbeiterin Bernadette Goebel sprach mit ihr über die Entstehung des Films.

Wie kamst du nach Israel?

Gute Frage: vollkommener Zufall oder eine glückliche Fügung. Die Münchner Filmhochschule, an der ich studierte, hatte eine Kooperation mit dem ARD-Studio in Tel Aviv. So habe ich die Chance bekommen, drei Monate dort die Arbeit des Studios kennenzulernen.

Wie hast du Walaa kennengelernt?

Als ich im Frühjahr 2011 in Tel Aviv war, fand in Deutschland die Frauenfußballweltmeisterschaft statt. Plötzlich entwickelten alle deutschen Fernsehredaktionen großes Interesse an diesem Thema. So fing ich an, zum palästinensischen Frauenfußball zu recherchieren. Zu meinem Erstaunen existierte der, denn die FIFA hat Palästina als Fußballnation längst anerkannt. Beim Meisterschaftsspiel der palästinensischen Frauenfußballliga in Bethlehem sah ich Walaa und war fasziniert von ihr. Sie ist eine außergewöhnlich gute Spielerin und optisch sowieso ungewöhnlich mit ihrer blondierten Löwenmähne.

Woher stammt Walaa?

Walaa hat den kompliziertesten Bürgerstatus überhaupt: Sie gehört zu den 1,5 Millionen arabischen Staatsbürgern Israels, die einen israelischen Pass besitzen und sich ungehindert zwischen dem Westjordanland und Israel hin- und herbewegen können. Sie stammt aus Akko in Israel.

Sind diese zwei Welten schwierig zu vereinen?

Araber und Israeli in einem, damit geht eigentlich eine permanente Identitätskrise einher. Mich hat sehr beeindruckt, dass Walaa sich nicht für eine Seite vereinnahmen lässt: Sie spielte früher für die israelische und wechselte dann in die palästinensische Nationalmannschaft. Sie sagt über sich selbst: „Ich bin Araberin, Palästinenserin und Israelin, aber zuallererst bin ich ein Mensch!“

Welchen Stellenwert hat Fußball in Israel, besonders natürlich Frauenfußball?

Männerfußball, also Champions League und die deutsche Bundesliga, stehen hoch im Kurs. Frauenfußball dagegen ist genauso wenig populär wie hier in Deutschland. Die Stadien sind leer, aber es gibt eine Nationalmannschaft und eine erste und zweite Liga.

Was war dein Ziel beim Konzipieren und Filmen?

Mir ging es darum, Walaa ein Jahr lang auf beiden Seiten der Mauer zu begleiten. Walaa studierte zu dem Zeitpunkt in Jenin im Westjordanland. Sie trainierte mit der palästinensischen Nationalmannschaft, aber auch mit ihrem israelischen Team Ramat Hasharon. Ihr Weg zum Training wurde durch die Checkpoints bestimmt: Wenn Walaa von Israel ins Westjordanland oder zurück wollte, war der Nahostkonflikt ständig gegenwärtig.

Welche Reaktionen hast du auf Deinen Film bekommen?

Von allen Seiten, also arabischer, israelischer und natürlich auch deutscher, eigentlich nur positive Reaktionen. Dadurch, dass ich Walaa im Alltag begleitet habe, sieht man viele Details: Leben in einer Krisenregion, als Muslima, als junger Mensch. Das Alltagsleben spielt eine große Rolle und das haben wir, so gut es in diesem komplizierten Land eben geht, zu dokumentieren versucht.

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