Von „Zigeunerorten“ in Lindau

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Romantisierende Darstellung auf einem Aquarell durch H. Müller-Landeck: Eine Zigeunerfamilie fährt mit ihrem Pferdewohnwagen in
Romantisierende Darstellung auf einem Aquarell durch H. Müller-Landeck: Eine Zigeunerfamilie fährt mit ihrem Pferdewohnwagen in die Alpen. (Foto: Repro: sammlung schweizer)

Das Vorarlberg-Museum in Bregenz zeigt noch bis Sonntag, 8. Oktober, die Ausstellung „Romane Thana – Orte der Roma und Sinti“. In der Bregenzer Ausstellung werden auch die Vorarlberger und Salzburger Etappen des Schicksals der Zigeunerfamilie Reinhardt thematisiert.

Josef Reinhardt wurde am 1. Juni 1927 beim Dorf Esseratsweiler nördlich von Lindau, seine Schwester Elisabeth am 5. Juni 1932 in Enzisweiler westlich von Lindau geboren. Zusammen mit ihren drei Geschwistern sowie ihren Eltern Josef und Anna flohen sie ab 1933 vor der zunehmenden Zigeunerfeindschaft, dem Antiziganismus, des deutschen NS-Regimes beinahe rastlos umher, so 1935 auch nach Vorarlberg. Dort wurden sie ab März 1938 vom NS-Regime eingeholt und sofort in Feldkirch in der entsprechenden Kartei „festgehalten“. Doch erst in Tirol verhaftete sie im Oktober 1939 die Polizei tatsächlich und verschleppte sie in das neue Zigeuner-KZ-Lager „Maxglan“ bei Salzburg, welches zuvor von den Sinti und Roma selbst hatte errichtet werden müssen.

Hier mussten sie mit anderen Häftlingen etwa für die deutsche Regisseurin und Schauspielerin Leni Riefenstahl als Komparsen an den Dreharbeiten zu deren Film „Tiefland“ teilnehmen, was die Bregenzer Ausstellung gut dokumentiert. Josef Reinhardt jun. aus Esseratsweiler mimte einen Geige spielenden „Spanier“. Nur knapp entgingen sie der anschließenden Ermordung im KZ Auschwitz und landeten stattdessen im Zwangsarbeiterlager Lackenbach im Burgenland.

Doch Antiziganismus ist in Mitteleuropa älter als das NS-Regime und seit die Behauptung geschaffen und verbreitet wurde, „die Zigeuner“ seien Spitzel des sich im 16. Jahrhundert weiter nach Westen ausbreitenden osmanischen Reiches, wurden diese Menschen von den Behörden beobachtet und schikaniert. Voller üblicher Gehässigkeiten schrieb das Lindauer Tagblatt vom 1. Februar 1906 über eine schier endlos schikanierte wandernde Zigeunergruppe: „Eine Zigeunerbande, 52 Köpfe stark, sollte gestern von Konstanz nach Österreich abgeschubt werden. Die Zigeunerbande, die sich zuletzt in der Schweiz aufgehalten hatte, hatte schon zuvor bei St. Margrethen über die schweizerisch-österreichische Grenze nach Österreich bzw. Ungarn wandern wollen, war aber zurückgewiesen worden und wurde von einem Kanton zum anderen befördert, bis sie von Kreuzlingen nach Konstanz kam.“

„Idyll“-Wirt geht auf die Straße

Um sie loszuwerden, schiffte man sie auf dem bayerischen Dampfer ‚Lindau’ nach Bregenz ein, da sie zunächst nach Trient wollten. In Bregenz ließ man aber die „braunen Söhne der Pusta“ nicht landen. Es blieb dem Kapitän nichts anderes übrig, als sie an Bord zu behalten, und so kam die unwillkommene Gesellschaft nach Lindau, wo sie an Land kam. Auf energisches Drängen der hiesigen Polizeibehörde aber musste der nächste nach Konstanz abgehende badische Dampfer die ganze Sippschaft wieder mit dorthin nehmen, schreibt das Museum. Als die französische Armee sich von Kressbronn kommend am 30. April 1945 in Aeschach anschickte, auch Lindau vom NS-Regime zu befreien, ging ihnen der damalige Wirt des Gasthauses „Idyll“ im Aeschacher Gemeindeteil Holben, Julius Klink, auf der Friedrichshafener Straße mutig als Erster mit weißer Fahne entgegen, um ein Zeichen der Friedfertigkeit zu setzen. Klink war zum Jahresende 1938 nach Lindau gezogen, nachdem er als Gastgeber und Beschützer von Zigeunern als Wirt des Gasthauses Sonne in Steinhofen bei Hechingen/Hohenzollern immer heftiger von den dortigen NS-Machthabern unter Druck gesetzt worden war.

Die Ausstellung „Romane Thana – Orte der Roma und Sinti“ ist noch bis 8. Oktober im VorarlbergMuseum in Bregenz, Kornmarktplatz 1, zu sehen.

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