Von Lindaus jüdischem Bankier Samuel

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Nachzeichnung des Sigels des jüdischen Bankiers und Kaufmannes Samuel.
Nachzeichnung des Sigels des jüdischen Bankiers und Kaufmannes Samuel. (Foto: Repro: K. Schweizer)

Unter dem Motto „Geschichten erzählen“ ist am Sonntag in rund 30 Ländern zum 19. Mal der Europäische Tag jüdischer Kultur begangen worden. Die Geschichte jüdischer Lindauer reicht bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurück.

Eine herausragende Lindauer Persönlichkeit dieses Teils der Lindauer Geschichte war der „reiche Samuel“, Lindauer Bankier und Kaufmann im 15. Jahrhundert. Er gehörte zur zweiten jüdischen Gemeinde in der Stadt, welche von 1358 bis 1430 existierte. Gemäß einer Urkunde lässt er sich als „der Ryche Samuel“ erstmals am 4. April 1408 in der Inselstadt nachweisen. Woher er gebürtig stammte ist nicht bekannt, doch dürfte er um 1360 geboren sein. 1408 verpflichtete sich der christliche Lindauer Rat der Stadt gegenüber König Rupprecht dazu, um dessen jüdischen „Kammerknecht“, diesen Geldverleiher Samuel in der Stadt weiter arbeiten und wohnen lassen zu dürfen, in zwei Raten insgesamt 1300 Gulden zu zahlen. Diese holten sie sich anschließend vom Juden Samuel vermutlich in Form von Abgaben wieder zurück. Auch der König ließ sich von Samuel seinen königlichen Schutz, die „Privilegien“ bezahlen. Gleichzeitig war der jüdische Bankier langjähriger Kreditgeber an den König selbst. Die christliche Mehrheitsgesellschaft samt Kirche hatte den jüdischen Europäerinnen und Europäern längst verboten, ihre Existenz durch Handwerksarbeit oder die Landwirtschaft zu sichern.

Samuel, in den schriftlichen Quellen auch als „Sauwel“, „Sanwel“ oder „Simmile“ benannt, war inzwischen ein wohlhabender „gemachter Mann“ und genoss das Bürgerrecht in Lindau, ab 1417 zusätzlich jenes in Konstanz und seit 1425 außerdem das in Überlingen. In Lindau besaß er etlichen Grund sowie mehrere Häuser. Die von ihm verliehenen Kredite hatten in der Regel einen Umfang von 5 bis 65 Gulden. Als Sicherheitspfand ließ er dafür schriftlich Häuser, Weingärten, Silberbesteck oder Wein belasten.

Sein Handelsbezirk (Medine) reichte von Lindau über St. Gallen, Winterthur, Konstanz, Überlingen, Ravensburg, Wangen, Memmingen bis nach Augsburg. Zusammen mit seiner Ehefrau Guta hatte er mit Burlinin eine Tochter sowie sechs Söhne, welche ihm bei der Abwicklung seiner umfangreichen beruflichen Tätigkeit halfen, bevor sie selbständig wurden. Dabei waren es nicht nur Kreditgeschäfte. Samuel handelte auch mit Wein, welchen er auch als Zahlungsmittel akzeptierte, mit Tuch und Gewand.

Innerhalb der jüdischen Gemeinden der Bodenseeregion stieg er zum „Judenmeister“ auf. 1418 war er Parnas (Vorsteher) der jüdischen Gemeinde in Konstanz. Am 16. Februar 1418 nahm er mit dem Lindauer Rabbi (jüdischer Pfarrer) vom König die „Handveste“ für die Juden am Bodensee in Empfang. Mit Sicherheit gehörte er im Jahre 1417 zu der Delegation der „Jüdischheit am Bodensee“, die auf dem Konstanzer Kirchenkonzil vom neuen christlichen Papst Martin V. empfangen wurde.

Nachdem Samuel von 1405 bis 1420 seinen Lebens- und Arbeitsschwerpunkt in Lindau hatte, zog er nach Konstanz und verkaufte Stück für Stück seinen Lindauer Besitz. In Konstanz wurde er rasch zum zweitwohlhabensten jüdischen Kaufmann und Bankier. 1424 zog er zu seinem Sohn Anselm nach Überlingen.

Beide zogen im Jahre 1429 nach St. Gallen. Dies geschah gerade rechtzeitig, bevor die christlichen Bürger Überlingens am Weihnachtsabend des Jahres 1429 erneut die jüdischen Einwohner unter dem pauschalen Vorwand einer angeblichen Beteiligung an einem „Ritualmord“ in Ravensburg gefangen setzten und im August 130 zwölf von ihnen öffentlich verbrannten sowie elf weitere zwangsweise tauften. Auch Lindaus Bürgerschaft mordete 1430 die jüdische Gemeinde in der Stadt durch den Feuertod ein zweites Mal.

Wegen der drohenden Pogrom-Gefahr zog der erfolgreiche Bankier Samuel samt seinem Sohn auch von St. Gallen weg. Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt. Noch 1430 befahl der König dem Rat der Stadt St. Gallen, alles Hab und Gut seines bisherigen Finanziers zu beschlagnahmen und abzuliefern.

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