Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt

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Ute Lemper wird von Geiger Cyril Garac begleitet.
Ute Lemper wird von Geiger Cyril Garac begleitet. (Foto: babette caesar)
Babette Caesar

Mit Ute Lemper hat am Samstagabend ein weiterer Weltstar die diesjährige Spielzeit im Stadttheater Lindau eröffnet. Sie ist für zwei Stunden in die Rolle der Hollywood-Legende Marlene Dietrich geschlüpft. Für ihr „Rendezvous with Marlene“ spendeten die Besucherinnen und Besucher minutenlangen Beifall und stehende Ovationen. Lemper ließ ihr Publikum mitschwärmen und mitleiden. Ließ es tief eintauchen in das Leben der deutschen Diva, das so noch keiner auf die Bühne gebracht hat.

Eine faszinierende Geschichte über eine wunderbare Frau, erzählt und gesungen von einer ebenso wunderbaren Frau. Es gibt nur wenige deutsche Künstlerinnen, die internationale Erfolge in Paris, London und New York gefeiert haben. Ute Lemper ist eine von diesen außergewöhnlichen Frauen. Damit stimmte Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn das Publikum im ausverkauften Saal auf diesen Abend ein. Ein Ledersessel, in den sie sich immer mal wieder zurücklehnte und in Erinnerungen schwelgte. Ein Garderobenständer und eine Tonne, auf die sich Lemper im langen schwarzen, bis zum Schritt hoch geschlitzten Kleid schwang und kurzerhand in die Rolle der Femme Fatale „Lola Lola“ in „Der blaue Engel“ unter der Regie von Josef von Sternberg schlüpfte. Beine überkreuzen, Zigarette in den Mund und dann die Trompete imitieren – einfach grandios. 1929 in den Neubabelsberger UFA-Ateliers war das, wonach sie von Sternberg mit in die Vereinigten Staaten nahm.

Ute Lemper betrat die Bühne als alt gewordene Stilikone mit weiß ausgeleuchteten Gesichtszügen, die Stola eng um die Schultern gelegt. Mit ihr agierte ein instrumental exzellent auf den jeweiligen Moment eingestimmtes Quartett mit Pianist Vana Gierig, Kontrabassist Romain Lecuyer, Geiger Cyril Garac und Matthias Danneck am Schlagzeug. Sie inszenierten die Düsternis und Verlassenheit, in der sich die Dietrich im Jahr 1987 in ihrer Pariser Wohnung befand. Der Karriere hat sie ihre größte Liebe zu dem französischen Filmschauspieler Jean Gabin geopfert. An Nazi-Deutschland und der Ablehnung als Ex-Patriotin leidet sie bis zum Schluss.

Ute Lemper als die „Frau der 1000 Gesichter“ kroch förmlich in die Haut von Marlene. Der Blick mit den halb geschlossenen Augen, die schief verzogenen Mundwinkel, der Stil des Lasziven, den die Ikone pflegte mit ihrer rauen brüchigen Stimme. „Danke schön und guten Abend, ich bin’s Ute mit einer Oktave höher als Marlene“, verwandelte und entspannte sich Lempers Gesicht für den Moment. Denn die längste Zeit des Abends ist sie die Dietrich, die sich 1988 bei ihr meldete und ihr in einem dreistündigen Telefongespräch ihr Leben erzählte. Reden habe sie gewollt. „Es war schön, Ute, dass Du zugehört hast. Irgendwann kannst Du ja mal meine Geschichte erzählen“, gab sie der jungen, am Anfang ihrer Karriere stehenden Lemper mit auf den Weg. Und diese Geschichte zeichnet ein intimes, nicht gekanntes facettenreiches Bild einer emanzipierten, moralisch engagierten, freiheitsliebenden, bisexuellen Frau der Zukunft nach. Mit Pete Seegers bis heute tief berührendem Song „Sag mir, wo die Blumen sind“, den Marlene bei der Unicef-Gala 1962 in Düsseldorf sang, machte Lemper klar, dass sie Dietrichs Klassiker nicht bloß stilecht imitiert. Lemper hat sie transformiert in ungeheuer stimmgewaltige eigenwillige Jazzinterpretationen, die sämtliche Spektren zwischen laut und leise ausloten, wenn nicht gar sprengen.

Sie bannt ihr Publikum jede Spielminute

Sie ist damit von einer Präsenz, die das Publikum jede Spielminute bannt. Nicht länger die Marlene Dietrich wollte die Diva sein und hier zeigt sie ihr Gesicht. Lustvoll und ausgelassen tanzend, wenn sie in Amerika bei den Cowboys ankommt und Cyril Garac den Fiddlerpart übernimmt. Sie sich an die schwere Zeit während Nazi-Deutschland erinnert und an ihr Lieblingslied „Marie“. Das, aber nicht nur das, löste Gänsehaut-Feeling aus. Auch Lempers von Verlassenheitsschmerz durchtränktes „Ne me quitte pas“ und die traurig-aufrechten Lieder von Friedrich Hollaender gehören dazu. Ihre Rückblicke auf die Zeiten mit Edith Piaf, mit der sie so viel Spaß hatte, und mit Burt Bacharach, als sie sich die alternde Haut mit Klebebändern straffte. Sie alkoholtrunken in Orchestergräben fiel, doch immer wieder eisern Disziplin übte und Alfred Hitchcock unmissverständlich zu verstehen gab: „Kein Dior, keine Dietrich!“ Im silbrig-weiß glitzernden Kleid steht Ute Lemper auf der Bühne und ist diese „Lilly Marleen“, die von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt ist und auf sonst gar nichts.

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