Von König und Kaiser gefördert

Lesedauer: 5 Min
Harald Derschka stellt dem Historischen Verein Lindau die 150-jährige Geschichte des Vereins für Geschichte des Bodensees und se
Harald Derschka stellt dem Historischen Verein Lindau die 150-jährige Geschichte des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung vor. (Foto: Christian Flemming)

Der Historiker Harald Derschka hat in einem Vortrag beim Historischen Verein Lindau die 150-jährige Geschichte des Vereins beleuchtet. Unter anderem ging es darum, wie der Verein sich über Staatsgrenzen hinweg behaupten konnte.

Es gibt vieles, was bei diesem Verein besonders ist. Seine Gründung fällt in eine Zeit, in der viele auf kleinere Regionen bezogene Geschichtsvereine gegründet worden waren. Nun stellt der Bodenseeraum aber eine Einheit in Sachen Historie und Naturkunde dar und zählt zu den zentralen Kulturlandschaften Europas. Dies hatten der Lindauer Lateinlehrer und spätere Stadtpfarrer Gustav Reinwald und der Tettnanger Amtsarzt Albert Moll frühzeitig erkannt. Die beiden trafen zufällig im Schloss Achberg aufeinander und stellten fest, dass sie die gleiche Leidenschaft für den Bodenseeraum und seine Geschichte besaßen. So wurde dann im Oktober 1868 der Verein für die Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung gegründet. Die Gründungsmitglieder, etwa 70 an der Zahl, kamen aus dem Königreich Württemberg, Baden, Österreich-Ungarn und der Schweiz mit Liechtenstein.

Die Tatsache, dass der Verein frühzeitig Förderer wie König Karl von Württemberg, König Ludwig II. von Bayern und Kaiser Franz Joseph I. von Österreich-Ungarn hatte, konnten Projekte wie die erste präzise Vermessung des Bodensees durch die Anrainerstaaten umgesetzt werden – auf Betreiben Eberhard Graf Zeppelins. Die gesamte historische und naturkundliche Erforschung der Bodenseeregion wurde in den jährlich erscheinenden Vereinsschriften veröffentlicht, was bis auf einige Ausnahmen in den Jahren des Zweiten Weltkrieges bis heute stattfindet. Mittlerweile, so Harald Derschka, füllen diese Bände gut zweieinhalb Regalmeter.

Die schlimmsten Krisenzeiten erlebte der Verein während der beiden Weltkriege. Im Ersten Weltkrieg war kein Austausch über die Staatsgrenzen hinweg möglich, für den Druck der Vereinsschriften gab es kein gutes Papier. Die folgende Inflation war der nächste Prüfstein für den Verein, nur durch die Initiative des damaligen Vorsitzenden und Lindauer Bürgermeisters Heinrich Schützinger, der den Druck von Lindau ins schweizerische Frauenfeld verlagert hatte, konnte dieser fortgesetzt werden. Nebenbei wurde Schützinger damals vorübergehend in der Schweiz inhaftiert, da er ohne Papiere eingereist war.

Der gesamte Buchbestand sowie die unüberschaubare Sammlung an allerlei Fundstücken wurde der Stadt Friedrichshafen verkauft, dadurch hatte der Verein wieder Geld und konnte die Sipplinger Pfahlbauausgrabungen unterstützen, erläuterte Derschka.

Der Gefahr der Gleichschaltung in der NS-Zeit begegnete der Verein, der nach wie vor grenzüberschreitend aktiv war und bleiben wollte, dadurch, dass er in dieser Zeit Schweizer als Präsidenten wählte. Wegen Österreich und der Schweiz als Vereinsmitgliedsstaaten ließ sich der Verein nicht von den Nazis vereinnahmen, er betonte, zwischenstaatlich, überkonfessionell und unpolitisch zu sein. Letzteres, so beschrieb Derschka, war für sich schon ein Politikum gewesen.

Die letzte Vereinsversammlung fand 1941 in Meersburg statt, zwei Jahre später wurden die letzten Vereinsschriften veröffentlicht. Durch die Bombardierung Friedrichshafens im Krieg verbrannten das Archiv, die Sammlung und die Bibliothek des Vereins außer den Beständen, die vorher nach Vorarlberg ausgelagert worden waren und schließlich 1971 wieder nach Friedrichshafen zurückkehrten. Dort haben sie in der Bodenseebibliothek eine neue Heimat gefunden. Seit 1949 erscheinen die Vereinsschriften wieder, die Mitgliederzahl wuchs von 649 im Jahr 1950 auf 1300 im Jahre 2000.

Über die ganzen Jahre spielten Lindauer eine wichtige Rolle in diesem Verein, führte Derschka aus – von Gustav Reinwald über Heinrich Schützinger sowie viele Stadtarchivare, deren Tradition Heiner Stauder seit 2000 fortsetze.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen