Von fliegenden Bäumen und Hubschraubern

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Baumkronen fliegen durch die Luft. (Foto: Donner)
Schwäbische Zeitung
Susi Donner

Das ist nichts für Hobbygärtner und auch nicht für schwache Nerven: Dominik Pemsl, Josef Stoffel und Markus Zetzmann sind die Lindauer Baumpfleger. Seilkletterer. Echte Kerle. Sie bereiten sich eben für ihren Einsatz vor. In der Bäuerlinshalde sind ein paar Bäume auf einem Privatgrundstück zu fällen und dichtes, hochgewachsenes Haselnussgebüsch zu entfernen. Der Nachbar will das so, weil sie die Seesicht versperren. Und weil die Bäume auf besonders abschüssigem Gelände stehen, und unterhalb weitere Wohnhäuser stehen, ist diese Aktion eine echte Herausforderung. Nicht ungefährlich.

„Normalerweise müssten wir die Bäume in mühevoller Kleinstarbeit sichern und in kleinen Teilen abtragen, am Stock anbinden und zwischen den Häusern mit einer Seilwinde abseilen. Eine Arbeit, die locker eine Woche brauchen würde“, erklärt Dominik Pemsl. Für Privatpersonen eine sehr kostspielige Angelegenheit. Daher habe er den Hubschraubereinsatz empfohlen. Das sei sehr viel schneller, sicherer und wirtschaftlicher.

Bäume sind 15 bis 20 Meter hoch

Er und Markus Zetzmann werden in die Bäume steigen – in eine Höhe, die für andere schwindelerregend ist. Sie schlüpfen in ihre schnittsichere Schutzkleidung, setzen Schutzhelme mit Visier und Gehörschutz auf. Am Gürtel hängen Seile und Karabiner in Größen und Mengen, mit denen sich eine ganze Seilmannschaft im Gebirge sichern ließe. Die Bäume, die sie mit Steigeisen, Gurten und Motorsäge in Angriff nehmen, zwei Fichten und drei Pappeln, alle über 30 Jahre alt, und 15 bis 20 Meter hoch, haben sie am Vormittag schon präpariert. Sie haben die Stellen festgelegt, an denen sie gleich sägen werden und die Baumteile mit Bergegurten versehen.

Schon ist der Helikopter zu hören. Es ist ein Eurocopter AS 350 B 3 Ecureuil mit einer höhen- und temperaturabhängigen Nutzlast von 1000 Kilogramm. Er landet auf dem Maisfeld hinter dem Haus. Pilot Philipp Dejakom bespricht die Einsatzbedingungen ein letztes Mal mit den Baumpflegern und mit Flughelfer Toni Ederer, der vom Boden aus die Zusammenarbeit der Baumpfleger und des Hubschrauberpiloten koordinieren wird. Die Abflugrichtig wird abgesprochen, damit er den Baum vom Kletterer weggeht und ihn nicht verletzt. Josef Stoffel und Flo Reinhardt werden in der Zwischenzeit die Straße sichern.

Baumkrone fliegt am Himmel

Dann geht alles sehr schnell. Pemsl und Zetzmann steigen in die Bäume. Das Dröhnen der Rotoren durchschneidet die klare Herbstluft und wächst sich zu einem gewaltigen Tosen aus. Wie in einem gewaltigen Herbststurm wirbeln Blätter und kleine Äste auf. Dejakom senkt den Hubschrauber über die Baumwipfel, bleibt darüber stehen und lässt das Stahlseil mit den Spezialgreifer herunter. Die Baumpfleger erwischen es. Befestigen den Greifer am Bergegurt und geben Zeichen. Dejakom spannt via Hubschrauber das Seil. Die Baumpfleger setzen jetzt erst die Trennungsschnitte, sägen und kappen unter Zug des Helikopters das Baumstück an den vorgesehenen Markierungen, so dass die Bäume zu keiner Zeit in den Hang fallen und Folgeschäden verursachen können. Holzspäne spritzen im Sonnenlicht. Sekunden später fliegt eine Baumkrone am blauen Himmel. Oder ein gewaltiger Baumstamm. Der Eurocopter fliegt 200 Meter übers Haus und klinkt das Baumstück am Rande des Maisfelds ab. Dann fliegt er sofort zurück. Das gleiche Spiel nochmal.

„Runter, runter, runter, nach rechts … Jetzt mehr nach links … Markus hat den Haken. So gut, Stück ist ab. Flieg nach oben raus“, gibt Flughelfer Toni Ederer Anweisungen. Das ist fast wie Mikado spielen. Denn der Hubschrauberpilot kann nicht sehen was am Boden passiert und die Höhe schwer abschätzen. Ederer muss sein Auge am Boden sein. Stückchenweise werden so die Bäume abgetragen und abgeflogen. Nach einer knappen Dreiviertelstunde sind alle Baumteile abgesägt und aus der Böschung herausgeflogen.

Es wird wieder still in der Bäuerlinshalde. Die Besitzer der Bäume stehen wehmütig am Hang. Der See blitzt herauf und die geniale Aussicht, die sie jetzt haben, dürfte ihr Herz trösten. Absolut begeistert sind sie allerdings von der enorm schnellen und sicheren Arbeit der Lindauer Baumpfleger.

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