Vom Glück der Einfachheit

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Susi Donner

Das Stadttheater ist lange schon ausverkauft. Ob wegen dem preisgekrönten Schauspieler Joachim Król oder dem großen Denker und Philosophen Albert Camus, lässt sich schwer sagen. Wahrscheinlich wegen beiden.

Jedoch, wo ist Joachim Król? Der Mensch, der dort auf der Bühne sitzt, aufgeregt, aufgewühlt, zappelig, wild gestikulierend, sodass die Zuschauer in der ersten Reihe befürchten könnten, er lande auf ihrem Schoss, das ist doch der junge Jacques Cormery – so nennt Albert Camus sein Alter Ego in seinem autobiografischen Roman „Der erste Mensch“. Joachim Król schafft es, in all seiner beeindruckenden Präsenz ganz einfach nicht vorhanden zu sein.

Den Raum völlig dem algerischen Buben zu überlassen. Und dem Orchestre Du Soleil, das einfühlsam, leise und berührend die Geschichte musikalisch begleitet und feine Akzente setzt.

Eine besondere Stimmung herrscht im Stadttheater. Verwunderung darüber, wie mit so wenig – einem Mann auf einem Barhocker, einem Mikrofon und sanfter Musik – so große Gefühle entstehen können. So viele Bilder und Szenen. Zum Greifen beinahe. Es ist eine besondere Geschichte, die Król lebendig und temperamentvoll, mit viel Gefühl und Rhythmus, manchmal beinahe singend erzählt. Sie berichtet von der Kindheit des Literaturnobelpreisträgers Albert Camus im Algerien des frühen 20. Jahrhunderts. Außergewöhnlich ist die Geschichte auch, weil sie unvollendet ist. Camus hatte nicht mehr die Zeit, sie fertig zu schreiben. Er kam mit nur 46 Jahren, im Januar 1960, bei einem Verkehrsunfall im Wagen eines Freundes ums Leben. Der Geschichte nach hatte er eine schwarze Ledermappe dabei das Auto an den Baum knallte. Darin befand sich neben seinem Reisepass das Romanmanuskript zu „Der erste Mensch“. 144 Seiten. Handgeschrieben. Unfertig. Es sollte sein wichtigster Roman werden und wurde sein letzter. Er war dem wichtigsten Menschen in seinem Leben gewidmet: seiner Mutter. „Der erste Mensch“ ist einer von zwei Romanen, die nach Camus‘ Tod erschienen sind. Und selbst in seiner Unvollkommenheit wird das Buch eine Sensation.

Es erzählt mit minimaler Handlung von seinem Leben ohne Vater, den er vermisst. Von seiner bettelarmen, schüchternen, schweigsamen Mutter, die er zärtlich liebt. Von seiner dominanten Großmutter, die ihn mit dem Ochsenziemer erzieht. Von seinem beinahe taubstummen Onkel. Alle drei sind Analphabeten. Es erzählt mit schlichter Ergriffenheit vom Glück der Einfachheit. Vom Glanz der Armut. Vom Fußballspielen. Von seinem Freund Pierre. Von seinem Volksschullehrer Monsieur Germain, der ihn fördert und ihm Türen öffnet. Von Strafe und Liebe. Vom mediterranen Licht. Vom Meer. Vom Sand. Vom Traum von der Rückkehr in die Kindheit. Vom Sohn der den Vater sucht und sich selbst findet. Und all dies verkörpert Joachim Król. Er hat sein Publikum auf eine fantastische Reise mitgenommen, die er mit einem Zitat von Albert Camus beendet: „Die mechanische Zivilisation hat ihren höchsten Grad der Verwilderung erreicht. Man wird in Zukunft zwischen dem kollektivem Selbstmord und der intelligenten Verwendung wissenschaftlicher Errungenschaften wählen müssen.“ Die Zuhörer, bis dahin beinahe atemlos still, aufmerksam lauschend, viele mit geschlossenen Augen träumend, legen jetzt los. Bedanken sich bei Król und dem Orchester mit minutenlangem Beifall, Bravorufen und tosendem Jubel.

„Das war ein wahrlich beeindruckender Abend“, sagt eine blonde Dame aus Kressbronn dankbar. Viermal kehren die Künstler zurück auf die Bühne zu ihrem Publikum, das einfach nicht genug bekommen kann.

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