Vom Bodensee nach Uganda

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Eine „Muzungo“ aus Lindau: In Uganda wird der zehnjährigen Amelie klar, dass in dem Land „alles anders“ ist.
Eine „Muzungo“ aus Lindau: In Uganda wird der zehnjährigen Amelie klar, dass in dem Land „alles anders“ ist. (Foto: Fotos: privat)
Luisa Gruber

Neben wilden Tieren einzuschlafen und andere Sprachen zu lernen hat die Lindauerin Amelie schon immer spannend gefunden. Noch mehr wünschte sich die Zehnjährige aber, endlich mehr Zeit mit ihrem Vater und ihren Geschwistern verbringen zu können. Deshalb reiste Amelie im März zu ihrer 9633 Kilometer entfernten Familie nach Uganda und tauchte dabei in eine komplett andere Welt ein.

„Muzungo“, so werden weiße Menschen in Uganda genannt. Amelie wurde dieses Wort oft entgegengerufen. Dabei wurde sie gefragt, woher sie denn komme und wie sie Uganda finde. Am Anfang verstand Amelie kaum Englisch, doch ein Lächeln genügte den Einheimischen oft als Anwort. Wenn Amelie das Haus verließ, waren immer ihr Vater und dessen Frau an ihrer Seite und erklärten ihr die Sprache, aber auch die kulturellen Besonderheiten. „In Uganda rückt man zum Beispiel nicht sofort mit seinem Anliegen raus, sondern begrüßt sich erst, fragt, wie es dem anderen geht und erst dann kann ich sagen, was ich möchte“, erklärt Amelie.

Kampala, Bonn, Lindau

In Uganda lernten sich vor 13 Jahren auch Amelies Eltern kennen. Ihre Mutter arbeitete dort als Entwicklungshelferin und so verbrachte Amelie die ersten zwei Jahre ihres Lebens dort. Als ihr Vater dann in den Libanon versetzt wurde, entschloss sich Amelies Mutter, mit ihr zurück nach Deutschland zu gehen. Erst nach Bonn, dann nach Lindau.

Heute lebt ihr Vater mit seiner Frau und zwei Kindern wieder in Uganda. Um die Beziehung der Patchworkfamilie über die Kontinente hinweg aufrechtzuerhalten, entschloss sich Amelie, für vier Monate nach Uganda zu gehen. „So konnte ich endlich meine Halbgeschwister, meinen Papa und dessen Frau besser kennenlernen“, sagt sie.

Die ersten Tage in Uganda war Amelies Mutter noch dabei. Sie begleitete Amelie auch zur Schule nach Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Dort verstand Amelie die ersten Wochen kaum ein Wort. Mit ihren Mitschülerinnen aus Uganda, Kenia, Dänemark, Schweden und China kommunizierte sie zuerst über Zeichensprache, bis sie nach ungefähr sechs Wochen Englisch verstand. Trotzdem machte ihr der Unterricht von Anfang an sehr viel Spaß, vor allem wegen der neuen Art zu lernen. Schulaufgaben wurden in Kampala oft in Gruppenarbeiten gelöst, um die Stromgewinnung durch Wasserkraft mit eigenen Augen zu sehen, fuhr die Schulklasse an eine Quelle des Nils.

Erst nachdem Amelies Mutter abgereist war, realisierte sie: „Es ist alles anders.“ In Uganda gibt es weder ein geregeltes Bus- noch ein Bahnsystem, jeden Tag wurde Amelie zur Schule gefahren und auch wieder abgeholt. Auf dem Weg fuhren Hunderte von Motorradtaxis an Amelies Augen vorbei, manchmal verirrten sich auch Kühe oder Ziegen auf die Hauptstraßen. Wenn ihre Familie Nachtisch wollte, hielten sie an einem der kleinen Stände am Straßenrand und kauften frische Ananas, Mangos und Wassermelonen. „Mit der Zeit war das alles normal für mich“, sagt Amelie. Auch an die mehrstündigen Autofahrten zum Einkaufszentrum und an die Abwesenheit von Haribo konnte sie sich gewöhnen. Sogar die reißenden Bäche, die sich bei Regen oft auf dem roten Lehmboden bildeten, und die Moskitonetze, unter die Amelie jeden Abend im Bett schlüpfen musste, wurden in ihrem Leben selbstverständlich. Doch über die Unterschiede der Länder und die extreme Armut in Uganda dachte Amelie oft nach.

„Hier in Lindau wohnen wir in einer Wohnung auf der Insel. Dort habe ich in einem zweistöckigen Haus mit großer Terrasse, Garten, Hausmädchen und Sicherheitspersonal gewohnt, obwohl wir in Uganda auch nicht mehr Geld hatten“, erzählt sie. Auch das Einkaufen in den Belchhüten am Straßenrand sah Amelie nach einiger Zeit mit anderen Augen: „In Lindau gehen wir einfach zum Rewe, wenn wir was brauchen. In Uganda haben wir uns jeden Tag überlegt, welche der Obst- und Gemüsefrauen wir mit unserem Einkauf unterstützen wollen.“ Aber nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere bleiben Amelie wohl noch lange in Erinnerung. Bei einem Wochenendausflug im Nationalpark wurde die Familie von lautem Stampfen geweckt. Zuerst dachte Amelie an Warzenschweine, die schon abends um das Zelt herumgelaufen waren. Doch als sie die Luke ihres Zeltes öffnete, spazierte wenige Meter entfernt eine Nilpferdmutter mit ihrem Jungtier am Fluss entlang. „Es war total cool die zu sehen, aber auch gefährlich“, sagt Amelie.

Die schönsten Momente hielt die Zehnjährige mit einer Videokamera fest, damit sich auch ihre Klassenkameraden in Lindau die Abenteuer ansehen können. Seit einem Monat ist Amelie wieder zurück bei ihrer Mutter in Lindau, aber für sie steht fest: „Ich will zurück nach Uganda. Vielleicht schon an Weihnachten.“

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