Vier Fohlen, die rasen und rennen – und Jazz spielen

Lesedauer: 7 Min
Der 17-jährige Altsaxophonist Jakob Manz (Mitte) und seine Mitstreiter Hannes Stollsteimer (Keyboard), Paul Albrecht (Schlagzeug
Der 17-jährige Altsaxophonist Jakob Manz (Mitte) und seine Mitstreiter Hannes Stollsteimer (Keyboard), Paul Albrecht (Schlagzeug) und Frieder Klein (E-Bass, von links) begeistern im Zeughaus. (Foto: Christian Flemming)
Christian Flemming

„Ich sehe, hier ist ein ambitioniertes Publikum.“ Wer sowas in den Raum stellt, genauer in den Saal im Zeughaus, ist kein altgedienter Musiker, sondern ein 17-jähriger Teenager, der hier sehr wohlwollend sein Publikum taxiert. Jakob Manz heißt der Junge, der mit seiner Bühnenpräsenz, seinem Altsaxophon und seinen kaum älteren Mitstreitern Hannes Stollsteimer am Keyboard, Frieder Klein am E-Bass und Paul Albrecht am Schlagzeug dieses ambitionierte Publikum mitreißt.

Das Jakob Manz Project, so der Name der Gruppe, die es so wohl bald nicht mehr geben wird, hat den Jazzclub-Vorsitzenden Wolfgang Fauser regelrecht verfolgt, seit er es in Biberach bei einem Jazz-Nachwuchswettbewerb gesehen hatte. Die mussten unbedingt nach Lindau, so seine tiefe Überzeugung, aber nicht in den Jazzkeller, sondern eben hier ins Zeughaus. Womit er Recht hatte, denn in dem kleinen Keller hätte wohl kaum einer der Zuhörer seinen eigenen Tinitus mehr hören können.

Wie bei den meisten Versuchen, Träume zu realisieren gab es auch hier Stolpersteine zu überwinden. Einer war das Finden eines Termins, der für beide, die Musiker und den Jazzclub passt, der zweite dann, Stefan Fürhaupter vom Zeughaus davon zu überzeugen, die junge Rasselbande trotz bereits feststehendem Zeughausprogramm noch als Sonderkonzert in Kooperation mit dem Lindauer Jazzclub reinzunehmen. Auch dies gelang schließlich und so rückten die Jungs an, um mit einem Mix aus Fusion, Funk, Soul und Jazz ihr Publikum zu überzeugen.

Eine Überraschung für die Verantwortlichen war erst einmal der Besucheransturm, denn das Zeughaus war gut gefüllt mit einem Publikum, das weder zu den Stammgästen des Zeughauses noch des Jazzclubs gezählt werden kann. Ein Publikum, das sich von dem Stilmix, der Spielfreude vor allem im zweiten Teil des Abends einfangen ließ, auch durch die unbeschwerte Bühnenpräsenz, die der junge Jakob Manz jetzt schon hat. Sei es beim Spielen, sei es bei den Ansagen, bei denen er schon beachtliche Entertainerqualitäten an den Tag legte.

Die Vier sind wie junge Fohlen, die müssen raus, umherrennen, hinfallen, aufstehen und weiterrasen. Denn Energie und Spielfreude haben sie alle, das konnte nur im ersten Teil noch nicht so recht raus, das musikalische Korsett, dass Funk und Fusion nun einmal hat, bremste sie da ein, vielleicht lag es auch an den meist selbst geschriebenen Stücken.

Teil Zwei kommt mit Schwung

Das änderte sich im zweiten Teil grundlegend, mit einer waghalsigen, frechen Interpretation des Jazz-Standards „Watermelon Man“, der sich anhörte wie eine musikalische Verbeugung vor Maceo Parker, überzeugter Soulmusiker und Altsaxophonist soweie langjährige musikalischen Leiters der Soullegende James Browns. Fragte Manz noch im ersten Teil, ob jemand Miles Davis kenne schob er nun die Frage nach, ob jemand vielleicht dieses Lied kenne, um wieder zu konstatieren, dass er und seine Kollegen es hier mit einem sehr ambitionierten Publikum zu tun habe. Frechheit siegt und kann begeistern, so wie hier.

Was aber treiben diese vier Fohlen, wenn sie auf der Wiese umhergaloppieren? Nun, Manz wie auch Pianist Hannes Stollsteimer schaffen es, auch bei den härteren Funk-Nummern zu swingen, Ideen scheinen so schnell nicht auszugehen, was angesichts des jugendlichen Alters gut ist. Fast subtil, da kein Schläger, agiert Paul Alpbrecht am Schlagzeug. Das soll nicht heißen, er täte da hinten nichts, im Gegenteil, der ist vollbeschäftigt und macht als Drummer im Soul und Funk eine sehr gute Figur, schaut dabei aber, dass er seine Vorderleute nicht übertrommelt. Das ist beim E-Bass nicht so einfach so zu bestätigen, denn je nachdem, wo man sich im Saal des Zeughauses befand, klang er sehr gut integriert oder er wummerte einem die Ohren voll. Die Möglichkeiten auf sechs Saiten umherzuturnen bringen die Gefahr mit sich, dass der Bass als Wirbelsäule der Band diese Aufgabe nicht wirklich annimmt, sondern gitarrengleich umherschwirrt. Aber auch hier gilt, Frieder Klein hat sehr gute Anlagen, das Alter rechtfertigt zunächst einmal solche Ausflüge.

Jetzt wäre es für viele im Publikum interessant, den weiteren Weg der Vier zu verfolgen. Laut Fauser wird es die Band so nicht mehr lange geben, die vier Jungs werden in alle Windrichtungen auseinandertreiben, geografisch wie vielleicht auch musikalisch, wer weiß. Aber vielleicht kommen sie in der einen oder anderen Formation so alle paar Jahre in Lindau vorbei, um der neuen Fangemeinde, die sie hier gewonnen haben, einen akustischen Einblick in die weitere Geschichte zu geben, deren Anfang sie hier im Zeughaus erzählt haben.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen