Veränderung als Konstante

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 Im Rahmen der Aktionswoche „Engel der Kulturen“ spricht Hanno Loewy, Direktor des jüdischen Museums in Hohenems, auf der Hinter
Im Rahmen der Aktionswoche „Engel der Kulturen“ spricht Hanno Loewy, Direktor des jüdischen Museums in Hohenems, auf der Hinterbühne über jüdisches Leben im Bodenseeraum und über Museumsarbeit. (Foto: Isabel Kubeth der Placido)
Isabel Kubeth de Placido

So aktuell das Thema Migration heutzutage auch sein mag, neu ist es nicht. Im Gegenteil. Wanderbewegungen hat es schon immer gegeben. Anlässlich der Aktionswoche „Engel der Kulturen“ und unter der Überschrift „Jüdische Geschichte im Dreiländereck – ein Museum im Dreieck der Kulturen“ hat Hanno Loewy gut 50 Interessierten auf der Hinterbühne des Stadttheaters am Beispiel der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Hohenems und der Geschichte der Juden im Bodenseeraum aufgezeigt, welches Wechselspiel der Mächte und Interessen früher hinter solchen Ein-, Aus-, Zu- und Abwanderungen steckte und welche Fragen, Aufgaben und Herausforderungen sich heute daraus für das Jüdische Museum in Hohenems ergeben.

Das Jüdische Museum in Hohenems ist ein ganz besonderer Ort. Das ist nicht nur für den Besucher spürbar. Als es 1991 eröffnet wurde, hat es auch eine spezielle Aufgabe gestellt bekommen. Es soll sich, wie Hanno Loewy dem interessierten Publikum auf der Hinterbühne erklärte, nicht nur mit dem verlorengegangenen Erbe der jüdischen Gemeinde von Hohenems beschäftigen, sondern auch diese exemplarisch erzählte Geschichte in die Gegenwart transferieren und diskutieren. Und damit in den Kontext einer europäischen Geschichte von Migration und grenzüberschreitenden Beziehungen, Netzwerken und Globalisierung setzen. Eine wesentliche Rolle wird dabei den Besuchern zuteil, die aus aller Welt kommen und mit ihren Fragen und subjektiven Bildern zum interkulturellen Diskurs in der Einwanderungsgesellschaft der Gegenwart beitragen. Denn, wie Loewy am Ende seines Vortrags erklären sollte: „Es ist wie ein verrätselter Spiegel, in den man blickt, wenn man ins Museum hineinkommt. Das löst etwas aus in jedem Besucher.“ Ein Umdenken, ein Andersdenken in Sachen Migration etwa. Oder in Sachen Nationalismus. Denn nicht nur den Besucher des Museums, auch den Besuchern des Vortrags sollte Loewy am Ende klar gemacht haben, dass „das, was sie im Kopf haben, auch anders ausschauen kann“.

Das Wechselspiel von Macht und Interesse

Anhand des Beispiels der Juden im Bodenseeraum und in Hohenems zeigte Loewy auf, dass „Migration, Wanderung, Globalisierung kein neues Phänomen“ ist. Wie in Hohenems lebten Juden ab dem 13. Jahrhundert auch rund um den Bodensee und waren seitdem bestimmt durch das Wechselspiel von Mächten und Interessen, aber auch von Pogromen und jeder Menge Einschränkungen. Alles zusammen führte letztendlich zu ständigen Wanderbewegungen.

Hervorgerufen durch das christliche Zinsverbot und den Zunftzwang, was Juden in den Geldverleih und in den Handel zwang, lebten Juden mal hier, mal da rund um den Bodensee. Die Wohnorts- und Anzahlbeschränkung, führte dazu, dass Juden zum Heiraten auswandern mussten. „Für die Hohenemser Juden hieß heiraten immer das Land zu wechseln“, verdeutlichte Loewy und erklärte, dass die „Heiratsmigration“ aber gleichzeitig eine Internationalisierung der Hohenemser Familien zur Folge hatte. Pogrome und Vertreibungen taten das Ihre zu Wanderbewegungen bei. Machtpolitische Interessen waren es dann, die ab 1617 Juden in Hohenems ansiedeln ließen. Um seine Souveränität gegenüber den Habsburgern zu beweisen, hatte der damalige Reichsgraf von Hohenems eine kleine jüdische Gemeinde auf seinem Gebiet etabliert, die aus zwölf Männern samt Familien und Arbeitskräften bestand. Gleichzeitig profitierten er und seine Grafschaft von den vielfältigen Handelsbeziehungen dieser ausgesuchten Juden. Deren enge Familien- und Handelsbeziehungen nach St. Gallen, Südtirol, Triest, Paris, Frankfurt, Wien, Konstantinopel und den USA führten im 18. Jahrhundert dazu, dass Hohenems ein Zentrum der jüdischen Diaspora wurde und sich hier immer mehr Juden niederließen.

Die rechtliche Gleichstellung von 1867 und die damit verbundene freie Wohnortwahl, ließ dann wiederum viele Juden in größere Städte abwandern. Der Nationalsozialismus machte dem jüdischen Leben in Hohenems schließlich ein Ende. 1940 wurde die Gemeinde zwangsaufgelöst. Zwar siedelten sich nach dem Krieg wieder einige Juden, Überlebende der KZ an, allerdings nur für wenige Jahre.

War Hohenems für diese „displaced persons“ doch nur eine Durchgangsstation in die Welt. Heute lebt nur noch ein einziger Jude in Hohenems.

Nämlich Loewy selbst. Und er ist aus Deutschland zugewandert. Das Jüdische Museum in Hohenems wiederum pflegt Beziehungen zu Menschen in aller Welt.

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