Unterwegs auf der Mut-Tour durch ganz Deutschland

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320 Millionen Menschen leiden laut Weltgesundheitsorganisation weltweit an Depressionen. Längst hat das Leiden den Stempel Volkskrankheit bekommen. Und trotzdem: Sich selbst als betroffen zu outen, ist für viele immer noch eine große Hürde. Das wollen einige Depressionserfahrene jetzt ändern, mit einer Wanderung in der Bodenseeregion.

Mut machen, aufklären, entstigmatisieren. Das ist das Ziel jener sechs Menschen aus ganz Deutschland, die am Wochenende auf der Lindauer Hafenpromenade das Gespräch mit anderen Menschen gesucht haben. Im Rahmen der deutschlandweiten „Mut-Tour“ sind sie zu Fuß eine Woche lang von Friedrichshafen nach Kempten unterwegs, um über eine unterschätzte Volkskrankheit zu sprechen, die auf dem Weg ist zur Nummer eins unter den Krankheiten zu werden: Die Depression.

„Acht Millionen Menschen leiden in Deutschland derzeit an einer Depression“, weiß Nina Schulz und erklärt, dass der Grund, warum sich die sechs Leute aufgemacht haben, um zu Fuß von Friedrichshafen nach Kempten zu laufen die Tatsache sei, dass Depression zwar kein Tabu mehr ist, aber dennoch von der Gesellschaft stigmatisiert werde. Und das wollen die sechs, zusammen mit vier anderen Teams, ändern.

In Sechser-Teams unterwegs durch Deutschland

Mit der „Mut-Tour“ nämlich, die von der Deutschen Depressionsliga initiiert ist und bei der Menschen mit und ohne Depressionen sich deutschlandweit zu Sechser-Teams zusammengeschlossen haben, um auf Tandems, im Kajak oder eben zu Fuß insgesamt 3270 Kilometer auf vier Touren durch ganz Deutschland zurückzulegen. Dabei wollen sie mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch kommen. „Wir setzen uns für einen offenen Umgang mit Depressionen ein.“

Auf den Weg gemacht hat sich die junge Frau aus Hannover am Vortrag in Friedrichshafen zusammen mit Gert Troiter, der aus Leipzig angereist ist, mit Nina Schulz aus Hamburg und Jürgen Keil aus Rhodt/Unterriedburg. Am Mittag ist noch Esther Tagmann aus St. Gallen zu der Gruppe gestoßen. Sie alle sind „Ehemalige“, was heißt, dass sie alle die Tatsache vereint, ein oder mehrere Male an einer Depression erkrankt gewesen zu sein. Zur Zeit jedoch sind sie alle ohne Depression. Aber, und das ist ihnen nur allzu gut bewusst: „Man hofft, dass sie nicht wieder kommt, aber die Wahrscheinlichkeit ist da“, wie Gert Troiter es auf den Punkt bringt und ergänzt: „Es kommt darauf an, wie man sich damit beschäftigt, wie man gelernt hat damit umzugehen und ob man weiß, wie man gegensteuern kann.“

Keine Kraft für die einfachsten Dinge

Esther Tagmann etwa hatte nur ein Mal eine Depression. Und das ist schon ein paar Jahre her. Heute geht es ihr „besser“. Damals war sie von einer großen Müdigkeit ergriffen und hatte nicht mal mehr die Kraft, die einfachsten Dinge des Alltags zu bewältigen. „Das war zuerst nur auf der psychischen Ebene. Dann kam die körperliche Kraftlosigkeit dazu“, sagt sie und erzählt, dass sie sich dann erst Hilfe geholt hat. Bis heute besucht sie regelmäßig eine Kunsttherapie und macht Nordic Walking. Denn, so pflichtet ihr auch Nina Schulz bei, „Bewegung hilft“. Die Hamburger Rettungssanitäterin litt zwei Mal an einer posttraumatischen Belastungsstörung. „Ich habe mich damals sehr geschämt“, gesteht sie ein und macht Hoffnung: „Wenn man es weiß, kommt man schneller wieder raus.“ Deshalb rät sie dazu nicht die Augen vor der Depression zu verschließen, sondern frühzeitig zum Arzt zu gehen. „Viele laufen jahrelang mit einer Depression herum und kommen da nicht mehr raus. Meine Botschaft lautet: Depression ist behandelbar und man steht nicht alleine da.“

Dass es allerdings gar nicht so leicht ist, sich seine Depression einzugestehen, dafür wiederum ist Mia Anders ein gutes Beispiel: „Ich stand voll im Beruf, habe studiert und mich noch dazu voll im Verein engagiert. Aber oft kam ich heim und hab erst mal geheult. Und niemals hätte ich mir erlaubt zu sagen: Stopp, ich muss langsamer tun, das wird mir jetzt zu viel.“ Bis sie körperliche Ausfallerscheinung bekam. Ein dreiviertel Jahr lang war sie krank und hatte zusätzlich mit jeder Menge Anfeindungen zu kämpfen. „Depression ist zwar kein Tabu mehr, weil ja die Medien viel darüber berichten. Aber die Gesellschaft stigmatisiert Depressionen nach wie vor. Die Leute haben Angst, dass man gleich anfängt zu heulen. Und auch die Arbeitgeber sind skeptisch und denken, man sei nicht belastbar. Aber es gibt nicht nur die „eine“ Depression.“

Mittlerweile ist es Nachmittag geworden und für die Gruppe wird es langsam Zeit, sich auf den Weg zu machen. Immerhin wollen sie an diesem Tag noch Scheidegg erreichen. Ein hehres Ziel, denn immer wieder werden sie von Leuten angesprochen. Allein schon wegen des Monowalkers, mit dem sie Zelt und Lebensmittel transportieren. Oder beim Einkaufen, wo Leute wissen wollen, was sie machen. Aber so soll es ja auch sein. Denn den Sechs geht es ja schließlich darum, das „D-Wort“ offen in den Mund zu nehmen und damit Ängste und Vorurteile abzubauen. Bei Gesunden, wie auch bei Erkrankten.

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