Und die Erde erwärmt sich nicht

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Hagen Schönherr

Ein alter Mann steht vom Cafétisch auf, in der Hand eine abgewetzte Ledertasche. Er bahnt sich seinen Weg durch die große Halle, in der sich seit Sonntag hunderte Wissenschaftler, Studenten, Besucher und vor allem 27 Nobelpreisträger treffen. Er ist einer dieser 27 auf der 62. Nobelpreisträgertagung in Lindau: Ivar Giaever, geboren 1929 in Norwegen. 1973 bekommt er den Nobelpreis für Physik für die Entdeckung des „Tunnelphänomens in Halbleitern und Supraleitern“.

Giaever ist damit alles andere als ein Klima-Experte – aber ihn ärgert, wie mit dem Thema Klimawandel umgegangen wird. Es ärgert ihn so sehr, dass er am Montag vor hunderten Zuhörern damit abrechnen will. „Die Menschen werden beleidigt sein, wenn ich darüber rede“, hat er angekündigt.

Bevor Giaever loslegen kann, haben die Veranstalter der Nobelpreisträgertagung aber Mario Molina gesetzt. Der Chemie-Nobelpreisträger ist in Sachen Klimawandel Mehrheits-Anhänger. Rund 97 Prozent aller Klimawissenschaftler teilen laut einer Studie seine Ansicht: Der Klimawandel ist menschengemacht und das ist nicht widerlegbar. Stoppen lässt sich die Klimaerwärmung nur mit einer Methode: Dem „Deep Cut“, dem tiefen Einschnitt der menschengemachten Treibhausgasemissionen weltweit. Molina macht keinen Hehl daraus, dass Menschen wie Giaever diese Idee torpedieren. „So etwas ist Nonsens“ sagt er, bevor er an seinen Widersacher übergibt.

Jetzt betritt der Klimaskeptiker Giaever die Bühne und wischt die Kritik seines Vorgängers lächelnd beiseite. Mehr unterhaltsam als wissenschaftlich versucht er das Publikum die folgenden 30 Minuten von seiner Idee zu überzeugen. Nicht der Planet, sondern Wissenschaft und Politik sind laut Giaever überhitzt.

Es ist ein einzelnes Wort, an dem er seinen Vortrag aufhängt, dass für ihn die Grundfeste der Wissenschaft erschüttert: „Incontrovertible“, sagt er, unwiderlegbar. Mit diesem Wort hat das Gros der weltweiten Forschergemeinschaft den Beweis der Existenz des Klimawandels versehen: „Unwiderlegbar bedeutet, dass darüber nicht diskutiert wird. Das ist kein wissenschaftliches Wort“, sagt Giaever dagegen. Die Theorie des Klimawandels sei zur Religion erhoben worden.

Giaever hält die 0,8 Grad, die sich das Erdklima seit Beginn der Industrialisierung erwärmt hat, eher für „eine erstaunlich stabile Temperatur“. Geld, um solcherlei Temperaturschwankungen zu bekämpfen, werde anderswo viel dringender gebraucht: „Sie bauen Windmühlen, anderswo sterben Kinder“, mit Argumenten von diesem Kaliber will Giaver den Ansatz weltweiter Klimapolitik geißeln.

Es gelingt ihm nicht. Zwar sorgt Giaever mit seinem Vortrag am Montag für die meisten Lacher im Publikum – an die Nachvollziehbarkeit seines Vorredners kommt er aber nicht heran. Und so ist es schwer, einen bleibenden Eindruck von ihm mitzunehmen. Nur ein Satz bleibt im Gedächtnis: „Lernt, mit dem Wandel zu leben“, sagt Giaever am Ende seines Vortrags.

Angesichts der Ergebnisse der jüngsten Klimakonferenz „Rio+20“ scheint er damit näher an der Realität als seine Kollegen.

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