Udo Sürer ist Ehrenbürger einer toskanischen Gemeinde

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Schwäbische Zeitung

Udo Sürer ist Ehrenbürger einer Kleinstadt in der Toskana. Fivizzano hat den Lindauer ausgezeichnet für seine Verdienste um die Aufklärung eines Verbrechens der SS im August 1944. Sürers Vater war wohl an diesem Verbrechen beteiligt.

Zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs gab es in den vergangenen Wochen viele Geschichten über die Schrecken des Krieges zu hören und zu lesen. Auch in der LZ berichteten Zeitzeugen von bewegenden Ereignissen. Eine ganz besondere Geschichte fand in der toskanischen Kleinstadt Fivizzano ihren vorläufigen Höhepunkt, nämlich mit der feierlichen Verleihung der Ehrenbürgerwürde an den Lindauer Rechtsanwalt Udo Sürer, der diese in Begleitung seines Bruders Dieter Maier, dessen Ehefrau Maria und des Lindauer Stadtrat Matthias Kaiser (BL) entgegennahm.

Diese Auszeichnung hat eine Vorgeschichte: Etwa zehn Jahre nach dem Tod seines Vaters begann Sürer mit der Lüftung eines Familiengeheimnisses, das die aktive Mitgliedschaft seines Vaters als Unterscharführer bei der Waffen-SS während des Krieges betrifft. Bei seinen lange dauernden, akribischen Recherchen stieß Sürer schnell darauf, dass sein Vater Mitglied der 1. SS-Panzer-Aufklärungsabteilung 16 der 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ war, die unter dem Kommando des berüchtigten SS-Sturmbannführers Walter Reder stand. Er erfuhr, dass diese Truppenteile beim Rückzug in Italien massiv in der von den Nazis sogenannten Bandenbekämpfung eingesetzt war, sie führten also schlichtweg Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Sürer hält es aufgrund seiner Nachforschungen für sehr wahrscheinlich, dass sein Vater bei einem dreitägigen Massaker an die Zivilbevölkerung in dem Dorf Vinca, das inzwischen zu Fivizzano gehört, aktiv beteiligt war, bei dem 178 Menschen ihr Leben lassen mussten.

Im Juli 2005 begab sich Sürer mit seiner Familie zum ersten Mal auf Spurensuche in die Lunigiana, den Landstrich nördlich der Marmorberge von Carrara. Er fragte in dem Dorf San Terenzo einen älteren Mann nach dem Weg zu einem Ort eines von mehreren Massakern. Dieser Mann war Romolo Guelfi, Überlebender dieses Massenmords, bei dem dieser seine Angehörigen verloren hatte. Er erwiderte, warum er dies wissen wolle, woraufhin Sürer sich als Sohn eines am Massaker beteiligten SS-Mannes vorstellte. Sürer erinnert sich, dass Guelfi ihn freundlich mit diesen Worten empfangen hatte: „Ah! Gut, dass Sie gekommen sind!“. Dieser Satz habe ihn auf seinem weiteren Weg der Vergangenheitsbewältigung stets begleitet. Sürer reiste mehrfach in diese Region und lernte weitere Überlebende und Nachkommen der Massaker kennen, mit denen er mittlerweile teils enge Freundschaften pflegt. Außerdem nimmt der Lindauer regelmäßig an den Feierlichkeiten zum Gedenken an diese Massaker teil.

Im Frühjahr 2008 lud Sürer seine Freunde Celso Battaglia – ein Partisan und Überlebender der Massaker – sowie die Brüder Mario und Roberto Oligieri – Nachkommen von Überlebenden – nach Lindau ein. Hier schilderten sie bei einer von Sürer organisierten Veranstaltung in den Friedensräumen eindrücklich alles, was sie von den Massakern in schmerzlicher Erinnerung bewahrt hatten. Eine geplante größere Tagung zu diesem Thema mit Zeitzeugen und Wissenschaftlern aus beiden Ländern war schon bis ins Detail für das Jahr 2010 geplant, scheiterte jedoch am fehlenden Geld.

Weiter nach der Wahrheit suchen

Im Januar 2015 beschloss nun der Rat von Fivizziano, in dessen Gemeindegebiet die Ereignisse 1944 stattfanden, dem Lindauer Rechtsanwalt für seine außerordentliche und lang anhaltende Friedensarbeit die Ehrenbürgerschaft zu verleihen.

Diese außergewöhnliche Geschichte der Wahrheitssuche des Sohnes eines Täters aus den Reihen der SS findet so ihre Anerkennung und bestätigt Sürer und anderen, wie wichtig diese Forschungen und die Vergangenheitsbewältigung durch erneutes Erzählen und Aufzeichnen der Geschehnisse sind, solange die Zeitzeugen davon noch berichten können.

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