Trotz Millionensummen für die Oberleitung: Immer noch viele Diesel-Züge auf der Südbahn

Häufiger Anblick in diesem Sommer: Eine Diesellok am Bahnhof Ravensburg – obwohl die Elektrifizierung der Südbahn im Dezember 20
Häufiger Anblick in diesem Sommer: Eine Diesellok am Bahnhof Ravensburg – obwohl die Elektrifizierung der Südbahn im Dezember 2021 fertig gestellt wurde. (Foto: Felix Loeffelholz/Bodo/oh)
Redakteur

370 Millionen Euro haben sich vor allem der Bund und das Land Baden-Württemberg die Elektrifizierung der Südbahn kosten lassen. Doch entgegen allen Verträgen lässt die Bahn immer wieder Dieselzüge unter den neuen Oberleitungen fahren. Zahlen aus dem Verkehrsministerium belegen nun, dass es sich bei Weitem nicht um Einzelfälle handelt.

Jahrzehntelang wurde um den Bau einer Oberleitung für die Strecke zwischen Ulm, Friedrichshafen und Lindau gerungen, vier Jahre lang gebaut. Als im Dezember 2021 die zentrale Bahnachse Oberschwabens schließlich unter Strom gesetzt wurde, versprachen Vertreter von Bahn, Bund und Land häufigere, schnellere und komfortablere Verbindungen, dafür weniger Verspätungen und verpasste Anschlüsse. Die Zahl der Zugverbindungen hat gegenüber dem vorherigen Fahrplan zwar tatsächlich zugenommen. Doch unter der millionenteuren Oberleitung rollen noch immer häufig Dieselzüge durchs Land, da die eigentlich vorgesehenen E-Loks und E-Triebwagen nicht einsatzbereit sind.

Brief an Verkehrsminister Hermann

Die „Initiative Bodensee-S-Bahn“ (IBSB), in der Vertreter von Verkehrs- und Fahrgastverbänden rund um den Bodensee zusammengeschlossen sind, hatte deswegen einen Brief an den baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) geschrieben. Gebeten wurde darin um Auskunft, wie oft Dieselzüge unter dem Fahrdraht eingesetzt werden, welche Einschränkungen es deswegen bei der Qualität gibt und ob das Land, das Auftraggeber für den Schienennahverkehr ist, deswegen schon Strafzahlungen verhängt hat.

Aus der Antwort des Ministeriums, die der „Schwäbischen Zeitung“ vorliegt, geht nun hervor, dass allein bei den IRE-Zügen, die stündlich zwischen Ulm und Friedrichshafen verkehren, im Zeitraum von Januar bis August dieses Jahres 1291-mal eine Diesel- statt einer E-Lok eingesetzt wurde. Das entspricht 18 Prozent aller IRE-Fahrten auf der Südbahn. Bei den RE-Zügen, die ebenfalls stündlich von Stuttgart nach Lindau fahren, waren es dagegen nur 71 Dieselfahrten, knapp ein Prozent der Fahrten insgesamt.

RB-Züge zwischen Ulm und Aulendorf besonders betroffen

Ein noch trüberes Bild ergibt sich bei den Regionalbahnen, die jeweils nur einen Teil der Südbahn abdecken und dort in der Regel an jedem Bahnhalt stoppen. Im nördlichen Abschnitt zwischen Ulm und Aulendorf war fast jede zweite Regionalbahn mit Dieselantrieb unterwegs: 4946 Fahrten wurden von Januar bis August ohne Strom gefahren – das entspricht 43 Prozent des gesamten Angebots. Am östlichen Bodensee zwischen Friedrichshafen und Lindau wurden für 1405 Fahrten oder 17 Prozent des Gesamtangebotes Dieselzüge eingesetzt.

„Wir haben eine tolle Infrastruktur, aber die wird recht stiefmütterlich behandelt“, beklagt IBSB-Geschäftsführer Ralf Derwing. „Die Zahlen belegen, dass der außerplanmäßige Dieselbetrieb kein punktuelles Problem ist. Es gibt strukturelle Probleme, die nicht behoben sind.“

Mehr als jeder dritte Zug mit eingeschränkter Kapazität

Und die Dieselfahrten sind nicht das einzige Problem. Mehr als jeder dritte Zug auf der Südbahn und ihren Teilabschnitten war den Zahlen des Verkehrsministeriums zufolge mit eingeschränkter Kapazität unterwegs, also mit weniger oder anderen Waggons. 13000 von insgesamt knapp 35000 Fahrten waren betroffen.

Für Derwing eine „gigantische“ Zahl. Kam es zu Einschränkungen bei der Kapazität, wurde das vertraglich vereinbarte Angebot bei den RE-Zügen zwischen Lindau und Stuttgart, für die in der Regel Doppelstockwagen eingesetzt werden, um durchschnittlich knapp 30 Prozent verringert. Bei den übrigen Verbindungen gab es im Falle einer Kapazitätsminderung im Schnitt sogar nur halb so viel Platz wie vorgesehen.

Für die Fahrgäste ist das nicht einfach nur unkomfortabel. Weniger Platz im Zug bedeutet auch längere Schlangen beim Ein- und Aussteigen, dadurch längere Haltezeiten der Züge, mehr Unpünktlichkeit und eine höhere Gefahr, beim Umsteigen den Anschluss zu verpassen.

Werkstatt in Ulm mit Problemen

Als Grund für die Probleme hatte die Bahn in der Vergangenheit unter anderem auf Personalprobleme und den hohen Krankenstand verwiesen, gerade auch in der Betriebswerkstatt des Konzerns in Ulm. Die besonders hohen Ausfallquoten bei den IRE-Zügen weisen auf ein weiteres Problem hin: Diese Züge wurden bei der Umstellung von Diesel- auf E-Betrieb auf der Südbahn nicht neu angeschafft, sondern gebraucht gekauft. Zuvor waren sie im Saarland unterwegs. Offenbar haben die in die Jahre gekommenen Fahrzeuge eine höhere Fehleranfälligkeit.

Der Einsatz von Dieselzügen und die Probleme bei der Kapazität waren indes nicht gleichmäßig über die acht untersuchten Monate verteilt. Besonders problematisch waren einer Sprecherin des Stuttgarter Verkehrsministeriums zufolge der Jahresbeginn und die drei Monate im Sommer, als das Neun-Euro-Ticket viele zusätzliche Fahrgäste anlockte.

Zusätzliche Fahrzeuge, mehr Personal

Man habe die Qualitätsprobleme bei der Bahn angesprochen und Maßnahmen zur Verbesserung der Situation auf der Südbahn vereinbart, sagt die Ministeriumssprecherin und nennt als Beispiele zusätzliche Fahrzeuge, Ersatzfahrzeuge und mehr Personal in den Zügen und Werkstätten. Dafür bezahle nicht die Landesregierung, sondern ausschließlich die DB Regio. Diese muss auch mit Abzügen bei der Bezahlung der Verkehrsleistungen durch das Land, sogenannten Pönalen, rechnen. Wie hoch diese ausfallen, kann die Sprecherin allerdings nicht sagen, da sie erst mit der Schlussabrechnung des Verkehrsvertrags erfolgen würden.

  

Eine Bahn-Sprecherin hatte sich Mitte Oktober auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ zuversichtlich gezeigt, zum kommenden Fahrplanwechsel alle für die Südbahn vorgesehenen Züge auch tatsächlich einsetzen zu können.

Initiative sieht verschenkte Möglichkeiten

Nach Ansicht von IBSB-Geschäftsführer Derwing ist der Einsatz von Diesel-Loks gerade in Zeiten von Energiekrise und Klimawandel ein Unding. Unter anderem, weil E-Züge die Energie, die beim Bremsen anfällt, zurück ins Netz speisen könnten. Bei Dieselzügen hingegen geht sie verloren. Derwings Fazit zum aktuellen Betrieb auf der Südbahn: „Viele Möglichkeiten werden verschenkt.“

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