Traurigkeit einerseits, Vorfreude andererseits

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Traurigkeit einerseits, Vorfreude andererseits
Traurigkeit einerseits, Vorfreude andererseits (Foto: Fotos: Ulrich Stock)
ust und Ulrich Stock

Die leeren Räume noch mal mit Leben erfüllen, bevor das fast 70 Jahre alte Gemeindehaus an der Anheggerstraße in Lindau dem Abrissbagger weichen muss – das macht zum einen traurig, zum andererseits nährt es die Erwartung, dass etwas Neues kommt. So lassen sich die Gefühle und Gedanken derer umschreiben, die am Sonntag nach dem Erntedank-Gottesdienst in der benachbarten Christuskirche im Gemeindehaus von ihren Erinnerungen berichteten. Dabei sorgten Kinder, Erwachsene und Ältere nochmals für ein volles Haus.

Eine Zeitzeugin, die bei der Abschiedsfeier nicht fehlen durfte, ist Helga Görnitz – seit 14 Jahren Hausmeisterin und Mesnerin der Kirchengemeinde Christuskirche und damit auch die „gute Seele des Gemeindehauses“, wie Pfarrer Thomas Bovenschen sie in einer kurzen Ansprache lobte. „Ich bin schon in jungen Jahren hier Gemeindemitglied gewesen, habe hier geheiratet, und auch meine drei Kinder wurden hier getauft und konfirmiert“, erzählte Görnitz. Sie habe im Gemeindehaus schon alles Mögliche erlebt, darunter auch Exotisches – wie sie beispielsweise „eines Morgens einen jungen Mann auf dem Dach schlafend“ entdeckte. Auch an den einen oder anderen Einbruch im Gebäude und Fälle von Vandalismus erinnere sie sich noch gut.

Ein Haus für (fast) jeden Zweck

„Ich bin hier nicht nur getauft und konfirmiert worden, ich habe hier auch gelernt, über den Glauben zu diskutieren“, erzählte Ursula Wolf. Sabine Kaiser wiederum berichtete, dass sie im Gemeindehaus einst ihre Hochzeit gefeiert habe. „Um Mitternacht haben wir uns dann hinüber in die Christuskirche geschlichen, was der damalige Pfarrer Georg Kugler dann als ,Nachschmecken‘ bezeichnete“, so Kaiser. Und Anja Streiter verbindet heute noch den „Zappelphilipp“ mit dem Gemeindehaus, ein Angebot für Kinder, die noch keinen Platz im Kindergarten hatten.

Ein Zeitzeuge der neueren Zeit ist Klaus Müller, der mit seiner Familie erst 2013 nach Lindau kam. Er erinnere sich an die Gottesdienste im Winter im warmen Gemeindehaus mit anschließendem Kirchenkaffee, aber auch die Kinderkirche, die bis zuletzt regelmäßig hier stattfand. Ganz besonders habe ihn der Glaubenskurs gemeinsam mit den katholischen Brüdern und Schwestern beeindruckt, an dem er erstmals vor zwei Jahren teilnahm. Nach den Vorträgen sei man in Gruppen in separate Räume gegangen, wo einige über ihren Glauben Zeugnis ablegten, erzählte Müller. Auch Pfarrer Bovenschen berichtete von seinen ersten Eindrücken, als er vor sieben Jahren in Lindau seinen Dienst antrat: „Zunächst empfand ich das dunkle Gebäude als etwas Düsteres und Bedrückendes – doch schon bald als etwas Erleuchtendes, ganz besonders dann, wenn am winterlichen Sonntagmorgen die Sonne von Osten strahlend hell durch die Fenster des Saales schien.“ Schon zuvor in der Predigt zum Erntedank-Sonntag schlug Bovenschen einen Bogen zur Abschiedsfeier im Gemeindehaus: „Gott fordert sein Volk heraus, ihm täglich neu zu vertrauen. In diesem Vertrauen sollten wir Abschied nehmen vom alten Gemeindehaus.“

Gebäude mehrmals erweitert

Dabei erinnerte er auch an die Geschichte und Entwicklungsphasen des Hauses. Anfang der Fünfzigerjahre habe man nach Plänen von Architekt Boris von Bodisco mit dem Bau begonnen, der erst durch Spenden der Kirchengemeinde möglich wurde. Anno 1957 sei dann, so Bovenschen weiter, ein Anbau für die Jugend hinzugekommen. Dank einer großzügigen Spende von Anna Elisabeth Schindler sei das Gemeindehaus, das darauf den Namen „Schindler-Heim“ erhielt, Anfang der Sechziger weiter ausgebaut worden. Zuletzt wurde das Gebäude nochmals umfangreich saniert und im nördlichen Teil um einen Anbau für Jugendarbeit erweitert – die Einweihung fand im Dezember 1978 statt.

Mit einem Jugendgottesdienst und einer bunten Party haben sich die Jugendlichen der jungen Kirche luv am gestrigen Sonntagabend von ihren Jugendräumen im Gemeindehaus an der Christuskirche verabschiedet. Bereits am Donnerstag war das Tipi, das fünf Jahre neben der Christuskirche stand, abgebaut worden. Das Motto des Gottesdienstes lautete daher: luv ist nicht ein Gebäude – luv sind wir! Jugendliche waren eingeladen, ihre Erinnerungen und Wünsche für die Zukunft auf eine Wand zu schreiben. Später ging es in Kleingruppen in einen „escape-room“, aus dem sie sich selbst befreien mussten. Den Abschluss bildete eine holi-party im Gemeindesaal, bei der viel gefärbtes Pulver in die Höhe geworfen wurde. Bis das „kiez“ – das evangelische Zentrum an der Christuskirche, fertiggestellt ist, werden sich die jungen Menschen zusammen mit Diakon Tobias Bernhard und Jugendpfarrerin Johannetta Cornell in den Jugendräumen am Paradiesplatz 1 treffen. Dort findet am ersten Advent die Einweihungsparty statt.

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