Theater Strahl löst mit Gastspiel in Lindau Begeisterungsstürme aus

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Das Masken-Beatbox-Theater „Klasse Klasse“” mit dem Berliner Theater Strahl ist erste Klasse.
Das Masken-Beatbox-Theater „Klasse Klasse“” mit dem Berliner Theater Strahl ist erste Klasse. (Foto: cae)
Babette Caesar

Über volle Ränge hat sich das Berliner Ensemble vom Theater Strahl am Donnerstagabend gefreut. Und nicht nur darüber, machte das Publikum im Stadttheater doch von den ersten Spielminuten an mit.

Das Masken-Beatbox-Theater „Klasse Klasse“ mit sechs Darstellern hat es in sich. Unter der Regie von Michael Vogel treiben die abgefahrenen Pennäler so ziemlich alles auf die Spitze, was geht. Und das löste wahre Begeisterungsstürme im Saal aus.

Das gehört dazu oder doch nicht, fragte sich die eine oder andere Besucherin, als Daniel Mandolini in saloppem Outfit die Bühne betrat und sich das Mikrofon schnappte. Gibt es noch ein technisches Problem oder fängt das Stück schon an? Ja, Stimmakrobat Mandolini, kurz „Mando“, gilt als einer der besten Beatboxer Europas. Er entfachte im Nu eine Atmosphäre aus Hip Hop, Rap und Techno, holte aus Mund, Nase und Rachen so ziemlich alle Drum-Geräusche heraus, die normalerweise Instrumente erzeugen.

Nach und nach betraten Alfred Hartung, Janne Gregor, Sabine Rieck, Dana Schmidt und Wolfgang Stüßel die Bühne. Alle noch unmaskiert, denn zuvor ging es durch Bodyscan, Security und Brainscan. Heraus kamen sie mit den von Michael Vogel, der auch für die Familie Flöz verantwortlich zeichnet, entworfenen Masken. Knollen- und Stupsnasen, mal mit und mal ohne Brille, dunkel- und hellhäutig, Haare von rot bis blond. Immer wieder frappiert, wie schnell sich menschliche Gesichter durch das Tragen einer Maske verändern.

Augenblicklich sind die Zuschauer gefangen genommen von der Ausdruckskraft der arroganten Blondine „Tanya“, die vor allem mit ihrem Outfit beschäftigt ist. Die „Vitali“, der sie anhimmelt, kalt abblitzen lässt, und sich lieber dem coolen Sonderling „René“ an den Hals wirft. Welch ein Paar! Währenddessen hat sich Mando am Bühnenrand eingerichtet. Er inszeniert über 80 Minuten lang nonstop eine umwerfende Soundkulisse, mimt zwischendrin den unerbittlichen Lehrer und kennt kein Pardon gegenüber der aufmüpfigen Bande aus Schlafmütze „Joschka“ und Randalierer „Arnold“.

Die Inszenierung entwickelt in den aufeinander folgenden Spielszenen einen ungeheuren Drive und macht sich unverblümt eine Reihe von Klischees zu Nutze. Beginnend mit der namenlosen, gut ausgepolsterten Putzfrau, die später im Stück die ebenso lustvolle und lebenshungrige Schwarze „Hella“ verkörpert. Noch sind die Schulbänke leer. Nur unter einem Stuhl entdeckt sie eine eklig klebrig-pappende Masse, die Mando als zischend-schlürfendes Geräusch wiedergibt. Es braucht keine Worte zu keiner Zeit, denn die Masken mit ihren starren Blicken sagen alles in jedem Moment.

Wenn überhaupt jemand spricht, ist es Mando. Er sagt, wo’s lang geht mit „one, two, three – Klassenarbeit!“ und alle legen los. Bücher und Schultaschen zwischen sich, damit keiner abschreiben kann. Nur gehen ihnen die Ideen nicht aus. So zückt René ein Schlauchrohr und hängt es zur fleißigen „Kerstin“ rüber. Am Schluss gerät alles in ein lautes Towobaho.

Still wird es, sobald Oberschleimer „Paul“ das Feld betritt. Für keinen Spaß aufgelegt sammelt er unermüdlich Pluspunkte, bis die anderen ihn satt haben und im Mülleimer versenken. Alles spielt hierbei zusammen – Körper, Mimik und Stimme. Publikumsnah wird es, wenn Frau Lehrerin auf die vorderen Reihen hinunterblickt und sich einen Besucher auf die Bühne zitiert. Zu nichts anderem als den Papiermüll von Schülern dort aufzusammeln.

Bitterböse Situationskomik entsteht auf der Schultoilette, wenn’s bei einem gut läuft, der andere aber den Wasserhahn aufdrehen muss. Dass dieses Stück nicht nur einfach komisch ist, wird spätestens in den Schlussszenen zum Thema sexuelle Übergriffe deutlich. Wie Schüler ihren Sportlehrer überführen und schachmatt setzen. Wie am Ende „Teacher and Kids“ die Pistolen und Gewehre zücken und aufeinander zielen. „And the winner is?“ – die Putzfrau.

Die Begeisterungswelle im Saal setzte sich nach Spielende im Foyer fort. Dort konnten die Masken ausprobiert werden, um zu erleben, wie sich das eigene Gesicht in Windeseile in einen anderen Charakter verwandelt.

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