Sterbenszeit ist Lebenszeit – oder vom notwendigen Maß an Zuwendung

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Sterbenszeit ist Lebenszeit – oder vom notwendigen Maß an Zuwendung (Foto: susi donner)
Schwäbische Zeitung
Susi Donner

Bei den Lindauer Psychotherapiewochen hat Professor Gian Domenico Borasio einen Vortrag zum Thema „Lebensqualität für das Lebensende“ gehalten. Um es gleich zu sagen: Borasio hat nicht über das Sterben gesprochen. Sondern über das Leben. In Todesnähe zwar, aber nicht vom Tod überschattet.

Wie immer war die Inselhalle sehr gut besucht, von interessierten Psychotherapeuten, die eifrig mitschrieben und – trotz des eigentlich schwierigen Themas – vom Professor gute Gründe zum befreiten Lachen erhielten. Er habe sich überlegt, wie er seinen Vortrag angesichts so geballten psychologischen Wissens gestalten solle, ohne selbst eine Diagnose gestellt zu bekommen.

Es sei in der Tat kein Geheimnis, dass wir uns nicht gern mit unserer Sterbezeit beschäftigen. Trotzdem gab Borasio seinen Zuhörern drei Todes-Alternativen zur Wahl, zwischen denen sie sich entscheiden sollten. Einen plötzlichen Tod aus voller Gesundheit heraus, beispielsweise durch Herzinfarkt, einen mittelschnellen Tod durch eine schwere, fortschreitende Erkrankung über zwei bis drei Jahre hinweg, bei klarem Bewusstsein, mit bester Symptomkontrolle und Palliativbegleitung sowie einen langsamen Tod durch eine Demenzerkrankung, über einen Zeitraum von zehn Jahren, auch hier bei bester Pflege und Palliativversorgung. Weit mehr als die Hälfte der Psychotherapeuten entschied sich für den Sekundentod. Alternative zwei wählte etwa ein Drittel, und die Demenz präferierten nur ein paar Einzelne.

Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit

„Das zeugt von einer großen Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit“, sagte der Professor. Der schnelle Tod, der von den meisten gewünscht wird, werde sich nur bei etwa drei bis vier Prozent der Anwesenden realisieren lassen. Alternative zwei dürfte ein Viertel bis ein Drittel von ihnen treffen und den Tod durch Demenz dürfte die Zukunft von rund der Hälfte von ihnen sein. Mit diesen Zahlen wolle er auf die Dringlichkeit aufmerksam machen, „Palliative Care“ zu einer wichtigen übergeordneten Disziplin zu machen.

„Palliative Care“ steht für die von verschiedenen Berufsgruppen gemeinsam getragene Behandlung, Pflege, Betreuung und Begleitung schwerst-, unheilbar erkrankter und sterbender Menschen und ihrer Angehörigen. Im Zentrum steht das Vorbeugen und Lindern von Leiden durch frühzeitiges Erkennen sowie die Behandlung von Schmerzen und anderen Problemen physischer, psychosozialer und spiritueller Natur. Sie dient der Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien. Da stelle sich die Frage: Was ist Lebensqualität? Studien hätten ergeben, dass der körperliche Zustand nicht unbedingt die gefühlte Lebensqualität beeinflusse.

Borasio habe ein Geschäftsmann sehr beeindruckt, der an einer fortgeschrittenen unheilbaren Erkrankung litt. Er habe zu ihm gesagt: „Wissen Sie, so komisch es klingt, aber ich meine, dass meine Lebensqualität heute besser ist als vor der Erkrankung, trotz meiner schweren Behinderung. Damals hatte ich keine Zeit, war erfolgreich und gestresst. Jetzt habe ich viel Zeit und habe vor allem gelernt, in dieser Zeit zu leben, einfach da zu sein.“ Den Patienten sei meist die Familie wichtiger als die Gesundheit. Interessen verschieben sich im Laufe der Erkrankung. Das bedeute für viele Zufriedenheit und Lebensqualität, vor allem, wenn ein Patient gut versorgt und in der Familie integriert sei. Mit dem Apell: „Wir schulden unseren Patienten und ihren Familien das, was im Wort Care steckt: Liebevolle Führsorge“, schloss der Professor seinen Vortrag.

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