Sieben Jahrzehnte Zuwanderung nach Deutschland

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 Freuen sich über die Ausstellung im Stadttheater (von links): Gabriele Zobel, Christa Hagel, Hildegard Hecker und die Zuwanderi
Freuen sich über die Ausstellung im Stadttheater (von links): Gabriele Zobel, Christa Hagel, Hildegard Hecker und die Zuwanderin Hanadi (Foto: isa)
Isabel Kubeth de Placido

Schon immer sind Menschen nach Deutschland eingewandert. Sei es, weil sie aus ihrer Heimat fliehen mussten oder vertrieben wurden oder einfach aus Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Ausstellung „70 Jahre Zuwanderung nach Deutschland“, die im Rahmen der Aktionswoche „Engel der Kulturen“ im Foyer des Stadttheaters gezeigt wird, nimmt sich dieses Themas an. Und zwar indem sie 20 Menschen zu Wort kommen lässt, die in den letzten 70 Jahren nach Deutschland eingewandert sind und in Lindau leben.

So aktuell dieses Thema derzeit auch sein mag, aber Flucht, Vertreibung und die damit verbundene Zuwanderung nach Deutschland sind kein Phänomen dieser Zeit. Dass das so ist, das macht jene Ausstellung bewusst, die im Rahmen der Aktionswoche „Engel der Kulturen“ unter der Überschrift „70 Jahre Zuwanderung nach Deutschland“ im Stadttheater zu sehen ist. „70 Jahre ist was, was wir noch alle erlebt haben. Auch durch unsere Eltern“, begründet Christa Hagel, die Macherin der Ausstellung, die Wahl des zeitlichen Rahmens und sagte bei der Ausstellungseröffnung zu den gut 30 Besuchern: „Ich vermute, dass jeder Zweite hier im Raum Flucht und Vertreibung entweder selbst erlebt hat oder jemanden kennt, der das erlebt hat.“ Sie selbst etwa durch ihre Mutter, die als Folge des Zweiten Weltkrieges aus dem einstigen deutschen Schlesien nach Deutschland kam.

Vor zwei Jahren hat Christa Hagel, die in Zech lebt und sich dort auch im Mehrgenerationenhaus Treffpunkt Zech engagiert, die Ausstellung konzipiert und sie dort zum ersten Mal gezeigt. Dafür hat sie 20 Zuwanderer danach gefragt, warum sie ihre Heimat verlassen haben, wie sich ihre Flucht gestaltet hat, was sie von zu Hause mitgenommen haben und was sie in der neuen Heimat Lindau fanden. Allen 20 Protagonisten ist nur gemein, dass sie im Laufe der letzten 70 Jahre nach Deutschland kamen, heute im Zech wohnen und „alle meine Nachbarn sind“, wie Christa Hagel verdeutlicht. Umso unterschiedlicher sind die Gründe, warum sie hier sind. Die einen kamen als Folge des Zweiten Weltkrieges, die anderen sind sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge oder Russlanddeutsche. Wieder andere kamen als Boat People aus Vietnam, viele flohen vor den Kriegen in Nahost. Manche wurden als „Gastarbeiter“ ins Land geholt, andere kamen, weil sie wegen ihrer Abstammung in der Heimat verfolgt wurden.

Die 20 Interviews hat Christa Hagel in 20 kurze Texte zusammengefasst. Dabei spielen die Fotos, auf die die Geschichten gedruckt sind und die Lindauer Motive zeigen, bewusst eine untergeordnete Rolle und dienen lediglich als Hintergrund. Wichtig sind allein die Texte. „Das sind 20 berührende Geschichten von Menschen, die fliehen mussten oder vertrieben wurden“, sagte Christa Hagel in ihrer Rede und erklärte: „Die Ausstellung ist eigentlich selbstredend. Jeder Text berührt die Herzen.“

Betont wird jede Geschichte durch einen prägnanten und als Hingucker dienenden Satz, den Dagmar Reiche, die mit der graphischen Gestaltung der Ausstellung betraut war, auf jedem Bild hervorgehobenen hat. Wie etwa jenem von der 23-jährigen S. aus Eritrea, die sagte „Mitnehmen konnte ich nur mich selbst“. Ein Satz, der für Christa Hagel dann zum Motto für die Interviews ihrer übrigen 19 Nachbarn wurde. Zusammengenommen ergeben die 20 einzelnen und völlig unterschiedlichen Geschichten jedoch ein Bild vom großen Ganzen: Ein neues Bild der alten Geschichte der Zuwanderung.

In Zech, wo sich vor 70 Jahren die ersten Zuwanderer aus dem Sudetenland, Schlesien oder Ostpreußen niederließen und wo 20 Jahre später viele Gastarbeiter hinzugekommen waren, hat auch Hanadi eine neue Heimat gefunden. „Ich liebe alles hier, es ist so friedlich und so grün, nachts kann ich spazieren gehen und die Sterne betrachten,“ sagte die gebürtige Syrerin vor zwei Jahren und ist auch heute noch glücklich hier zu leben.

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