Sexismus geht alle an

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Foto (v.l.n.r.): Interessante Diskussion zur metoo-Debatte zum Weltfrauentag: Die Moderatorinnen Claudia Gassner-Dittus (links)
Foto (v.l.n.r.): Interessante Diskussion zur metoo-Debatte zum Weltfrauentag: Die Moderatorinnen Claudia Gassner-Dittus (links) und Inge Marga Pietrzak (rechts) sprechen mit der Polizeibeauftragten Dagmar Bethke, der Therapeutin Dagmar Kahlo und der Ärz

Sexismus, sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch existieren nicht erst, seit weibliche Hollywood-Stars mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gegangen sind und daraus die „MeToo“-Debatte entstanden ist. Vielmehr trauen sich seither immer mehr Frauen, offen über sexuelle Belästigung zu sprechen und dieses Tabu zu brechen. Weil dieses ernste Thema eines konstruktiven Umgangs bedarf, gab es in Lindau anlässlich des Weltfrauentags die „WeToo? Nicht mit uns“-Diskussion. Mit einem Impulsvortrag, einer Podiumsdiskussion, leckerem Essen und einer Party.

An diesem Abend waren die Frauen eindeutig in der Überzahl. Mehr als 40 Frauen und drei Männer waren ins Pfarrzentrum St. Josef gekommen, um bei der dritten Veranstaltung des Landkreises und seiner Gleichstellungsbeauftragten Ursula Sauter-Heiler den Weltfrauentag zu feiern und sich sachlich mit dem Thema Sexismus auseinanderzusetzen. Denn, wie Moderatorin Bigsy Strauß in den Abend unter dem Titel „WeToo? Nicht mit uns“ einführte: „Sexismus bedarf Versprachlichung und konstruktiven Umgangs.“

Thema betrifft alle

Dass dies ein Thema sei, das alle betreffe, betonte die stellvertretende Landrätin Barbara Krämer-Kubas. „Sexuelle Gewalt und Sexismus sind Ausdruck einer gesellschaftlichen Struktur, wo Männer am Schalthebel der Macht sitzen“, sagte sie und sprach sich „für eine neue Kultur des Hinschauens und Hinhörens“ aus. Eine Forderung, die auch Ursula Sauter-Heiler in ihrem Appell „Reden hilft. Hinschauen hilft“ ausdrückte und deshalb die „MeToo“- Debatte als Ansatz sah, das „Gewährenlassen zu unterbrechen, die Täter zu benennen und die Dinge ans Licht zu bringen.“ Denn sexuelle Übergriffigkeit sei vor allem ein Ausdruck von Machtmissbrauch. Die „MeToo“-Aktion habe dazu geführt, dass Betroffene über ihre Erfahrungen berichten. Darüber hinaus habe sie auch ein Bewusstsein für das Thema in der Gesellschaft geschaffen. Allerdings stehe die Debatte erst am Anfang.

Das fand auch Ilse Manuela Völz, als sie sagte: „WeToo ist der Anfang des Lösungswegs vom Ich zum Wir. Wir machen uns auf den Weg, eine Lösung zu finden.“ In ihrem Impulsvortrag sprach sich die Ärztin und Therapeutin von Gewaltopfern für eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema aus. Wichtig war ihr dabei die Unterscheidung zwischen „definitiven Sexualstraftaten“, „naiven Spielchen im Machtgefüge“ und „subtilem Sexismus“. Grundsätzlich jedoch gehe es darum, das Recht auf Grenzen zu haben. Letztendlich plädierte sie für einen respektvollen Umgang zwischen Männern und Frauen. Denn, so gab Völz zu bedenken, „wenn wir uns diesem Thema nähern wollen, müssen wir uns bewusst sein, dass auch wir Macht haben.“

Klare Signale setzen

Um die Frage, wie sich mit sexuellen Übergriffen umgehen lässt, ging es in der Podiumsdiskussion. So wollte Moderatorin Claudia Gassner-Dittus wissen, ob seit der „MeToo“-Debatte mehr Übergriffe bei der Polizei angezeigt wurden als davor. Die Beauftragte der Polizei für Kriminalitätsopfer in Schwaben Süd-West, Dagmar Bethke, ist sich sicher, dass sich etwas verändert habe. Auf die Frage, wie sich Frauen sexuellen Übergriffen erwehren können, empfahl sie ein selbstbewusstes Auftreten. „Täter wollen Macht ausüben. Die wollen nicht die High-Heel-Dame, die ihnen die Handtasche um die Ohren haut. Die wollen eine Frau, bei der schon Opfer auf der Stirn steht“, sagte sie. Dass es nachts in der Bronx für eine Frau weniger gefährlich sei, als zu Hause, bestätigte Dagmar Kahlo, die selbst als Kind und in der Ehe Gewalt erfahren hat und heute als Therapeutin mit Frauen arbeitet, die durch sexuelle Gewalt traumatisiert sind. Eine Heilung, im Sinne eines „Ungeschehenmachens“, gebe es nicht, sagte sie. Auf die Frage von Inge Marga Pietrzak, wo das Flirten aufhöre und die sexuelle Belästigung anfange, riet Völz: „Wir müssen selber spüren, wo ist unsere Würde und wo ist das Ende.“ Sei das Ende erreicht, gelte es klare Signale zu setzen.

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