Serie 1968: „Lasst uns dem Geschehen organisiert widersprechen“

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So sah die Lindauer Zeitung nach elf Monaten Republikanisches Forum RF Lindau am 15. Februar 1969 dessen lokalen Kulturkampf um
So sah die Lindauer Zeitung nach elf Monaten Republikanisches Forum RF Lindau am 15. Februar 1969 dessen lokalen Kulturkampf um sozialkritischere Kultur im Stadttheater, Stadtmuseum, Stadtbücherei und im städtischen Volksbildungswerk, heute die Volksho (Foto: Repro: Stadtarchiv Lindau/Schweizer)
Karl Schweizer

Der Winter wich inzwischen langsam dem Frühling, eine auffällig hohe Zahl ölbedingter Gewässerverschmutzungen wurden für Lindaus Stadtgebiet gemeldet und vor Beginn der Kreistagssitzung in Simmerberg protestierten Ende Februar 1968 rund 200 Bauern gegen die Planungen zu einer kommenden Autobahn durch das Landkreisgebiet, wegen der damit verbundenen Zubetonierung von bisher landwirtschaftlich genutzten Flächen.

In der DDR wurde für April 1968 öffentlich die Volksabstimmung über eine neue Verfassung vorbereitet. Es rumorte nicht nur unter Arbeiterjugendlichen, Studierenden und Intellektuellen in Berlin, München und beispielsweise Freiburg, sondern auch im Allgäu sowie am bayerischen Bodenseeufer.

Der Wasserburger Student Dirk Zimmer formulierte dies öffentlich in einem Leserbrief Mitte März 1968 in der Lindauer Zeitung unter anderem mit folgenden Worten: „Sind wir wieder einmal so weit, dass systematisch eine Minderheit diffamiert und zum Außenseiter gestempelt wird? (...) Nach 1945 wurde uns der blinde Antikommunismus eingeimpft, und nach allem Anschein müssen jetzt die Studenten die missliebige Minorität spielen (…) Die linken Studenten (…) bestehen auf den Grundforderungen unseres Grundgesetzes und wollen den Abbau der Demokratie in der heutigen Wirklichkeit verhindern, so zum Beispiel durch die Bekämpfung der Notstandsgesetze.“

Das 1965 von engagierten jungen Lindauern gegründete Forum genügte den Anforderungen der zugespitzten gesellschaftlichen Situation von 1968 längst nicht mehr. Drei von dessen Aktivisten, Hermann Dorfmüller, Rudolf Wipperfürth und Michael Zeller hatten sich vor wenigen Tagen in den neuen Vorstand der Gesellschaft der Kunstfreunde Lindaus wählen lassen.

Stühle im „Stift“ reichten an diesem Abend nicht aus

Den lokalpolitischen Paukenschlag aber lieferte eine Anzeige in der Lokalzeitung, dass in Anlehnung an die neuen Republikanischen Clubs unter anderem in Berlin und Tübingen am Freitag, 22. März 1968, im Lindauer Gasthaus „Stift“ die Gründung eines Republikanischen Forums „RF“ geplant sei. Der kommende erste Vorsitzende des RF, der liberale Journalist Helmut Lindemann begründete dessen Notwendigkeit am Gründungstag unter anderem damit, dass es ein Irrtum sei zu glauben, „dass diese Unruhe bald wieder verschwinden werde. Sie würde nicht einmal aufhören, wenn der Krieg in Vietnam morgen beendet würde“.

Die Stühle im „Stift“ reichten an diesem Abend nicht aus. Nach stundenlangen intensiven Diskussionen wurde das Lindauer RF gegründet und seine Satzung beschlossen. Darin hieß es unter anderem dass dessen Zweck sei, „in der Bevölkerung politisches Bewusstsein zu wecken und zu vertiefen, die politische Bildung, zumal der Jugend, zu fördern, an der Meinungsbildung über politische und kulturelle Angelegenheiten mitzuwirken“.

Bis Oktober 1968 waren 72 Menschen aus Lindau und Umgebung dem RF beigetreten, Schüler, Lehrlinge, Studierende, Lehrende, nur wenige Arbeiter, aber etliche Beamte, Angestellte, einige Selbständige sowie ein Pfarrer. Zur bunt gemischten Mitgliederschar gehörten, Hermann Dorfmüller, Rudolf Wipperfürth, Michael Zeller, Anna Starke, Paul Kind, Heide Gralla, Fritz Reutemann, Rupert Bucher, Gisela, Jürgen und Dirk Zimmer aus Wasserburg sowie Dieter Domes, Emiliy und Bertold Müller-Oerlinghausen aus Kressbronn.

Das Nebenzimmer des neu eröffneten Cafés Peterhof in der Lindauer Schafgasse 10 wurde zum Vereinslokal und häufigem Ort vielfältiger Informations- und Diskussionsveranstaltungen, wie sie Lindau in dieser Radikalität schon lange nicht mehr erlebt hatte. Studienrat Hans Pfaff leitete einen Arbeitskreis zu „Schule und Demokratie“, Junglehrer Hermann Dorfmüller jenen zur „Schwäbischen Zeitung“. Für Juni 1968 wurde der Konzertsaal im Stadttheater angemietet (heute die Lindauer Marionettenoper) um mit Dieter Sauberzweig aus der Bundeshauptstadt Bonn öffentlich über „den politischen Anspruch der Studenten“ zu diskutieren. Im Dezember wurde zur Diskussion mit Helmut Lindemann in den Peterhof geladen, um über „Der tschechoslowakische Reformkommunismus, eine europäische Hoffnung“ zu diskutieren. Hermann Dorfmüller bot einen Arbeitskreis zu den „Grundlagen des Kommunismus“ an und Jürgen Zimmer jenen über die Außerparlamentarische Opposition APO.

Die Lindauer APO hatte nun ihre Organisation. Anfeindungen aus Lindaus Bürgertum blieben nicht aus, hatte der damals linksliberal eingestellte Schriftsteller Martin Walser in der Gründungsversammlung doch als mögliche Leitlinie unter anderem ausgegeben: „Alles was in einer Stadt geschieht, könnte gestört werden, dem könnte etwas organisiert widersprochen werden.“ Dies sollte recht bald soweit sein.

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