„Seit 1995 gibt es berechtigte Kritik an der EU“

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Der Journalist und UN-Korrespondent Andreas Zumach spricht in den Friedensräumen über die globalisierte Welt.
Der Journalist und UN-Korrespondent Andreas Zumach spricht in den Friedensräumen über die globalisierte Welt. (Foto: isa)
Isabel Kubeth de Placido

Lindau (isa) – Als UN-Korrespondent und Journalist ist Andreas Zumach nicht nur in der Welt zu Hause, er weiß auch bestens Bescheid um deren komplexe politische und wirtschaftliche Zusammenhänge. Und weil der Träger des Göttinger Friedenspreises obendrein noch ein Freund der Friedensräume ist, war Zumach auch der ideale Referent, um die dreiteilige politische Reihe dieser Saison mit der Antwort auf die Frage „Zuhause in einer globalisierten Welt – eine Illusion?“ zu beschließen. Eine Veranstaltung, die zahlreiche Interessierte anzog und die Friedensräume bis auf den letzten Platz füllte.

Zuhause in einer globalisierten Welt fühlen sich die meisten Besucher, die an diesem Abend in die Friedensräume gekommen sind, um zu hören, was Andreas Zumach zu diesem Thema zu sagen hat. Und das, obwohl sie jene, eigentlich negativen Veränderungen spüren und, vom Referenten danach gefragt, auch benennen, die diese Entwicklung mit sich bringt. „Die Wirtschaft und die Konzerne stülpen sich über die dritte Welt und die Politik unterstützt sie dabei“, sagt ein Herr. Eine Dame meint, dass sich für Frauen durch die vielen Migranten viel verändert habe. Dass Frauen wieder Angst hätten. Ein weiterer Besucher stellte fest, dass der mit der Globalisierung aufkommende Neoliberalismus zum Abbau des Sozialstaates geführt habe, dass ein Raubtierkapitalismus entstanden sei und Regulativismen fehlten, Beispiel Finanzkrise. Wieder ein anderer Herr nennt die neuen Medien und die Digitalisierung als Exempel dafür, wie sich die Welt in den vergangenen Jahren verändert habe.

„Im Grunde nichts Neues“

Allesamt Antworten, die für Zumach die Komplexität jenes Themas andeuteten, für das er eine Definition wagte. „Der Prozess der Globalisierung ist eine Mischung aus tatsächlicher Veränderung und Wahrnehmung“, sagte er und fand: „Das ist im Grunde nichts Neues in der Menschheitsgeschichte.“ Denn, so erklärte er, die Ausweitung der geografischen Räume durch Handelsbeziehungen, Reisen und Kriege etwa, habe es ebenso schon immer gegeben, wie das dadurch zunehmende Wissen um einander. Die bewusste Wahrnehmung der fortschreitenden Globalisierung sei jedoch in den westlichen Industriestaaten entstanden, und zwar in den 1990er-Jahren. Eine Zeit, die Zumach als „Zeitenwende“ bezeichnete, weil sich hier Entwicklungen vollzogen, die die Globalisierung vorantrieben. Etwa das Ende des Ost-West-Konflikts. Die Öffnung der Ostblockstaaten habe die Einbeziehung dieser Länder bewirkt, infolge dessen sich die globalen Wirtschaftsbeziehungen ausgeweitet, intensiviert und beschleunigt haben. In dieser Zeit entstanden seien auch das internationale Zoll- und Handelsabkommen, die Liberalisierung des internationalen Handels und die Öffnung der Märkte. Damit einher ging eine Deregulierung des internationalen Finanzmarktes, bei der die nationalen Regierungen die Regeln abbauten. Zudem seien das Internet und andere Kommunikationstechnologien aufgekommen, durch die die Welt scheinbar zusammenrückt, deren Informationsflut gleichzeitig auch überfordere. Das Neue in der Menschheitsgeschichte ist für Zumach jedoch: Seit Mitte der 90er-Jahre nehmen wir erstmals globale Bedrohungen wahr.“ Den Klimawandel etwa, der selbstgemacht ist, aber auch den islamistisch gerechtfertigten Terrorismus. In die 1990er-Jahre fällt aber auch die neoliberale Wirtschafts-, Finanz- und Steuerpolitik, die bis heute etwa zum Abbau staatlicher Sozialleistungen sowie der Löhne, und zu Privatisierungen geführt habe.

Mit der Entwicklung, dass die nationale Politik durch die EU eine „Vergemeinschaftung“ erfahren habe, habe sich einerseits bei den Bürgern die Erkenntnis breit gemacht, dass die nationale Politik nichts mehr zu sagen habe. Für die politische Klasse hingegen sei die EU der Sündenbock. Und das, obwohl die Staaten es selbst gewesen seien, die ihr Zepter aus den Händen gegeben hatten. „Das heißt, seit 1995 gibt es durchaus berechtigte Kritik an der EU“, insbesondere an deren Demokratiedefiziten, meinte Zumach. Die Folgen des Neoliberalismus, sprich die Verarmung der Gesellschaften sowie die Flüchtlingskrise, sah Zumach als „Nährboden für rechtes Denken und den Aufbau von Feindbildern“.

Während rechtspopulistische Bewegungen mit ihren Forderungen nach einem Ausstieg aus der EU, der Abschottung nach außen und die Rückkehr zu ethnischen Nationalstaaten fordern und sich damit gegen die Globalisierung wenden, machte Zumach klar, dass es stattdessen solidarische, international verträgliche Lösungsvorschläge zur Überwindung der Identitätskrise und Globalisierungsängste gibt. Ausgehend davon, dass Europa seit jeher ein „ethnischer Schmelztiegel“ war, der in 720 politische Gebilde zerfallen würde, wolle man es auflösen, bezweifelte er, dass das funktioniere. Stattdessen machte er die Errungenschaften der heutigen demokratischen Nationalstaaten klar – von garantierten Menschenrechten bis zur Gewaltenteilung. Trotzdem sprach er sich dafür aus, das Bedürfnis der Menschen nach Heimat ernstzunehmen und den Heimatbegriff positiv zu füllen. Gleichzeitig müssten die Staaten selbst, aber auch die EU viele jener Regulierungen wieder einführen, die sie einst selbst abgeschafft hätten.

Was Deutschland betrifft, so riet Zumach die Steuern etwa in die Infrastruktur zu investieren und die Löhne zu erhöhen, um so die Länderwieder konkurrenzfähig zu machen. „Das ist der einzig richtige Weg.“

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