„Schaffen Sie Klarheit“

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 Die beiden Dozenten: Erbrechtsanwalt Herrmann Konrad (links) und der Chefarzt der Inneren Medizin der Lindauer Asklepios-Klinik
Die beiden Dozenten: Erbrechtsanwalt Herrmann Konrad (links) und der Chefarzt der Inneren Medizin der Lindauer Asklepios-Klinik, Heinz Linhart (rechts). (Foto: susi donner)
Susi Donner

Im Rahmen der Vortragsreihe „Das Lebensende würdig gestalten“ hat der Besuchsdienst für Kranke und Sterbende in Kooperation mit dem Hospiz Haus Brög zum Engel zur Fortbildungsveranstaltung „Patientenverfügung aus rechtlicher und medizinischer Sicht“ eingeladen. Referenten waren der Erbrechtsanwalt Herrmann Konrad und der Chefarzt der Inneren Medizin der Lindauer Asklepios-Klinik, Heinz Linhart.

Volles Haus im Christa-Popper-Saal, in dem der Vortrag stattfindet. Das Thema interessiert viele. Obwohl die beiden Referenten unterschiedliche Perspektiven der Betrachtung – die rechtliche und die medizinische – eingenommen haben, treffen sie sehr schnell bei den wichtigsten Punkten zusammen und es wird ersichtlich: das eine geht ohne das andere nicht gut, und für das Gelingen einer Patientenverfügung ist zusätzlich eine Vorsorgevollmacht, besser noch eine Generalvollmacht nötig.

„Die Musik in der Patientenverfügung spielt ganz klar im medizinischen Bereich“, eröffnet Fachanwalt Herrmann Konrad sein Referat. „Es wird Sie vielleicht erstaunen, wie wenige gesetzliche Regelungen es dafür gibt. Nur drei Paragrafen. Und mehr braucht es auch nicht.“ Das Wichtigste daraus sei schnell gesagt: die Patientenverfügung muss schriftlich abgefasst sein, der Verfasser muss volljährig sein. Wenn sie dann auch noch eindeutig formuliert sei (die Aussage „keine lebensverlängernden Maßnahmen“ reiche nicht, dies sei zu allgemein), sei sie für Ärzte und Schwestern verpflichtend. „Schaffen Sie Klarheit. Denn gibt es keine Verfügung, wird der Arzt seinen Beruf erfüllen und alles tun, um den Patienten am Leben zu erhalten. Allerdings darf er ohne Einwilligung keine Eingriffe vornehmen – eine Operation ohne Einwilligung ist Körperverletzung. Keine Operation, obwohl sie notwendig ist, ist unterlassene Hilfeleistung. In diesem Spannungsfeld bewegt sich der Arzt“, sagt Konrad.

„Die meisten Menschen wollen in Würde sterben können. Sie haben Angst vor einer High-Tech-Medizin, die keinen natürlichen Tod mehr erlaubt“, erzählt Chefarzt Heinz Linhart. Davor sollen Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht schützen. Aber es profitieren eben auch die Ärzte davon. Denn auch sie haben Sorge vor rechtlichen Konsequenzen. Je klarer der Verfasser der Patientenverfügung also seine Wünsche ausdrücke, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch erfüllt werden. „Aber sie ist keine Garantie. Die Basis der Behandlung ist oft der Zufall. Rechtlich wird es keine Eindeutigkeit geben“, erklärt Konrad. Ein Irrtum sei, dass Eltern, Kinder und Kindeskinder ohne Vollmacht etwas entscheiden können. Wer nichts festschreibt, begebe sich im Zweifelsfall in eine gerichtliche Betreuung, was einer Entmündigung gleichkomme.

Für die Patientenverfügung gebe es keine gesetzliche Formvorgabe. Es gebe viele Formulare, die grundsätzlich alle vernünftig seien. Klug sei es, die Patientenverfügung mit dem Hausarzt zu besprechen und sie alle zwei bis drei Jahre den neuen Lebensumständen anzupassen, sie zu kontrollieren, mit neuem Datum zu versehen und die Unterschrift zu erneuern. Der Satz „wurde mit meinem Hausarzt besprochen“ sei hilfreich. Für die Einrichtung der Generalvollmacht empfiehlt Konrad rechtliche Beratung.

Linhart verdeutlicht an Beispielen das Grunddilemma: Ärztinnen und Ärzte erleben in ihrer täglichen Arbeit die Sorgen und Nöte schwerstkranker und sterbender Menschen, sie müssen in schwierigen Beratungssituationen Antworten auf existenzielle Fragen ihrer Patienten oder deren Angehörige geben und in einer Vielfalt an Situationen adäquat ihren Beruf erfüllen, Entscheidungen treffen. Hier könne die Patientenverfügung allen Seiten helfen. Weil sie ein medizinisches Dokument darstelle, das im Falle der Entscheidungsunfähigkeit einer Person im Voraus festlegt, ob und wie sie in bestimmten Zuständen behandelt werden möchten. Die Vielfalt möglicher Situationen, in die ein Mensch geraten kann, mache es zwar schwierig, in einer Patientenverfügung eine Vorausbestimmung treffend zu artikulieren. „Sie ist aber sinnvoll und eine gute Leitlinie, weil sie zumindest generelle Tendenzen vorgibt und je klarer sie formuliert ist, auch die Lage für den Bevollmächtigten, sei es das Kind oder der Enkel, deutlich erleichtert“, sagt Linhart. Das Wichtigste – sowohl bei der Patientenverfügung wie auch bei der Generalvollmacht – sei, dass es jemanden gibt, der weiß, dass diese Dokumente existieren, wo sie im Notfall schnell zu finden sind und sie überbringen kann. Das seien im besten Fall mehrere Personen des Vertrauens und der Hausarzt. „Es ist immer eine große Schwierigkeit, herauszufinden, ob es eine Patientenverfügung gibt, und diese aufzutreiben. Im Notfall reagiert der Arzt aber so, wie er es für richtig hält. Zunächst heißt das: handeln“, sagt Linhart. Und: „Ich weiß, es ist nicht angenehm, diese Hürde zu nehmen, aber es ist besser, alles zu regeln und dann zu wissen‚ ich habe meinen Willen aufgeschrieben und ich habe jemanden eingesetzt, der sich darum kümmert, dass er erfüllt wird. Wenn man es getan hat, beruhigt das ungemein.“

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