Sänger verleihen der Urgewalt des Zorns ein atemberaubendes Tempo

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Zahlreiche Bürger genißen die Aufführung des Lindauer Kammerchors von Georg Friedrich Händels Oratorium „Der Messias“. (Foto: Christian Flemming)
Lindauer Zeitung
Katharina von Glasenapp

Das Oratorium „Der Messias“ enthält mit die schönsten Chöre und Arien, die Georg Friedrich Händel komponiert hat, es gehört mit in die Vorweihnachtszeit, auch wenn Verkündigung und Geburt des Messias nur einen Teil des Werks ausmachen, und es zieht die Menschen an: Am zweiten Adventsonntag strömte das Publikum nach St. Stephan und bedachte die fast dreistündige Aufführung mit lang anhaltendem Applaus für Solisten, Chor, Orchester und den Dirigenten Lutz Nollert.

Vor 18 Jahren hatte der Kammerchor Lindau das Werk zuletzt aufgeführt, nun war die Freude an der schönen Musik, an den locker genommenen Koloraturen von „Denn es ist uns ein Kind geboren“, am kraftvollen „Ehre sei Gott“, an der dichten Chromatik des zweiten Teils und natürlich am mitreißenden „Halleluja“ nicht zu überhören. Lutz Nollert hat in den vergangenen Monaten intensiv an den Chören gearbeitet und konnte dazu in den Frauenstimmen einige junge Sängerinnen dazugewinnen. Die Sopranistinnen glänzten bei dieser Aufführung besonders, die Altistinnen stimmten zunächst verhalten, dann immer kräftiger werdend mit ein, und die eigentlich kleine Gruppe der Männerstimmen behauptete sich mit erstaunlicher Präsenz. Die Vielfalt der Chöre bis hin zur alles überhöhenden Amen-Fuge brachte der Kammerchor mit großer Konzentration, Stehvermögen und sichtbarer Lust am Singen zum Ausdruck.

Dass es manche Überraschungen in der Koordination zwischen Chor, Orchester und Dirigent gab, mag daran gelegen haben, dass Konzertmeister Michael Wieder krankheitsbedingt erst kurz vor Aufführungsbeginn zur Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben (KBO) gestoßen war. Wieder, die KBO und Nollert sind gut aufeinander eingestellt, doch eine solche Situation erhöht die Spannung besonders. Die beiden Trompeter Hermann Ulmschneider und Christan Verdi überstrahlten das Orchester, dadurch, dass Händel diese Instrumente relativ sparsam einsetzt – zur Erscheinung der Engel, in den Schlusschören und in der majestätischen Bass-Arie – verstärkt sich deren herausgehobene Wirkung nochmals. Die Lockerheit, Dynamik und Musikalität der Gestaltung von Ulmschneider gemeinsam mit Christian Feichtmair brachte sogar einen Zwischenapplaus.

Auch anderes wurde durch das Orchester geradezu plastisch dargestellt, etwa das Rauschen der Engelsflügel in den Streichern, die Urgewalt des Zorns im atemberaubenden Tempo von „Warum denn rasen und toben die Heiden im Zorne“ oder die musikalische Rhetorik in der Tenor-Arie „Du zerschlägst sie“. Doch so manches Mal hätte man sich gewünscht, Lutz Nollert hätte auf die Gestaltung der Rezitative und Arien ebensolche Sorgfalt verwendet wie auf die der Chöre.

Mit Birgit Plankel, Verena Bodem, Bernhard Hunziker und Christian Feichmair hatte er Solisten eingeladen, die dem Kammerchor zum Teil seit vielen Jahren verbunden sind und die ihre vielfältigen Aufgaben mit großer Hingabe meisterten. Bernhard Hunziker eröffnete den Reigen zunächst recht verhalten, zeigte sich in den Koloraturen seiner ersten Arie dann leicht und beweglich, doch schien er insgesamt mit der deutschen Übersetzung des Oratoriums nicht so vertraut. In feinem Piano und schönem Legato gestaltete er seine Arie „Du ließest sie im Tode nicht“ im Passionsteil des Oratoriums. Dem Bassisten sind hier eher die mächtigen Töne vorbehalten, mit denen Christian Feichtmair mit metallischem Glanz prunkte, doch ließ er auch im Mittelteil der Trompetenarie Leiseres und Geheimnisvolles anklingen.

Große Wärme und Innigkeit verströmte die Altistin Verena Bodem. In „Er ward verschmähet“ verstand sie es in den lyrischen Teilen der Arie, eine ergreifende Stille entstehen zu lassen. Und wenn Händel mit den Worten des Engels zum ersten Mal die Sopranstimme einsetzt, dann ist in der leuchtenden Stimme von Birgit Plankel die jubelnde Freude zu hören – ebenso wie die Gewissheit um Erlösung und Auferstehung in der großen Arie zu Beginn des dritten Teils bei ihr strahlend überzeugend klingt.

Nach dem groß gesteigerten Schlusschor und dem traditionellen Läuten der Glocke nahmen die Mitwirkenden den begeisterten Applaus in der voll besetzten Kirche entgegen, die Botschaft der wunderbaren Musik war angekommen.

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