Referent: Textilbranche verursacht mehr klimaschädliches CO2 als der Flug- und Schiffsverkehr

Lesedauer: 6 Min
Rüdiger Fox, Ingenieur für Luft- und Raumfahrt und einer der Dozenten der Messe „Textil Innovativ“, begeistert mit seinem Vortra
Rüdiger Fox, Ingenieur für Luft- und Raumfahrt und einer der Dozenten der Messe „Textil Innovativ“, begeistert mit seinem Vortrag. (Foto: susi donner)
Susi Donner

Dass Trinkhalme, Plastiktüten und PET-Wasserflaschen zu einem der größten Probleme der Menschheit heranwachsen, ist im allgemeinen Bewusstsein angekommen. Aber dass Bekleidung ähnlich große Probleme verursacht, erstaunt und schockt im ersten Moment schon. „Die Textilindustrie erzeugt mehr klimaschädliches CO2, als der gesamte weltweite Flug- und Schiffsverkehr. Davor kann man nicht die Augen schließen. Dabei kann Bekleidung bereits klimaneutral hergestellt werden. Bei gleicher Qualität und Leistung“. Diese Botschaft stellt Rüdiger Fox ans Ende seines spannenden Vortrags im Rahmen der Messe „Textil Innovativ“, in der Inselhalle, veranstaltet von „Bayern Innovativ“ des bayerischen Ministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie.

Die Messe strotzt vor hochkarätigen Dozenten, wie eben Fox, der unter anderem Ingenieur der Luft- und Raumfahrt ist. Im Gegensatz zu einigen der anderen Dozenten benutzte er gern das Wort Nachhaltigkeit. „Aber wir müssen mit dem Etikettenschwindel aufhören. Die Dimension ist so groß. Es ist der Wahnsinn, was wir hier treiben.“ Auch die Textilindustrie wachse. Und mit ihr die Kollateralschäden. Seine Generation – und damit die der meisten seiner Zuhörer, in der Hauptsache Fachpublikum – sei die erste, die eine Verdoppelung der Menschheit miterlebt habe. Eine Belastung für die Erde. Diese Situation sei noch nie da gewesen, also wisse auch keiner so recht, damit umzugehen. Dabei sei es zugleich die größte Chance, die die Menschheit je habe. „Denn noch haben wir Zeit, und das ist ein absoluter Luxus, dazu das Wissen, das Können, und es gibt sogar Lösungen, denn die Technologien für einen nachhaltigen Weg, weg von Selbstbeweihräucherung, hin zur Übernahme von Verantwortung existieren bereits“, sagt Fox. In zehn Jahren dürfe keiner sagen „das habe ich nicht gewusst.“

Tatsache sei: Klimawandel und Umweltverschmutzung sind real. „Wir müssen uns klar machen: Wir haben es mit einer Monstersache zu tun. Der Plastikmüll, den wir so fleißig exportieren schwappt zurück. Nachhaltigkeit ist kein Megatrend sondern die Herausforderung der kommenden Jahre“, mahnt Fox. Heute werden rund 100 Milliarden Kleidungsstücke pro Jahr verkauft – doppelt so viele wie noch vor 15 Jahren. Es werden 23,4 Milliarden Schuhe pro Jahr produziert, aneinandergereiht 15-mal zum Mond und zurück. Diese werden zu 97 Prozent aus neuen Rohmaterialen hergestellt. „Nur wenn man alles addiert, kann man Nebeneffekte unserer Industrie sehen, die in keiner Bilanz auftauchen. Wir verursachen acht Prozent des weltweiten CO2 – ein Wert, der sich bis 2030 verdoppeln wird, und bis 2050 auf ein Viertel ansteigt, wenn wir nichts ändern.“ Baumwolle etwa, die zu etwa 90 Prozent genetisch modifiziert sei, sei für rund 20 bis 25 Prozent der weltweiten Pestizide und Insektizide verantwortlich, und verbrauche enorme Mengen an Wasser in zumeist wasserarmen Ländern. Gesammelte Altkleider werden zu großen Teilen in Drittländer exportiert und enden auf Deponien oder im offenen Feuer. „Und wir fühlen uns auch noch großartig, wenn wir Kleider in die Kleiderspende geben.“

Das Weltwirtschaftsforum sage für die kommenden zehn Jahre komplexe Umwelt- und Gesellschaftskrisen voraus. „Die Textilindustrie ist mit einer ganzen Reihe an ökologischen, sozialen und ethischen Herausforderungen konfrontiert. Sie muss sich neu erfinden. Nachhaltigkeit ist alternativlos. Das müssen wir akzeptieren.“

Die Worte des Ökonomen passen perfekt zu den Kurzvorträgen der teilnehmenden Unternehmen und der weiteren Dozenten. Es kristallisiert sich klar heraus, dass die Botschaft in der Textilindustrie bereits angekommen ist. Dass im Sinne von Nachhaltigkeit, Ökologie, Umweltschutz und Gesundheit viel geforscht und entwickelt wird. Tobias Schwarzmüller von „Bayern Innovativ“ bestätigt darin auch den Sinn der Messe: „Wir bieten keinen Zauberhut mit der fertigen Lösung. Aber wir bieten ein Netzwerk. Denn nur gemeinsam ist dieser Wandel leistbar. Keiner schafft es allein.“ Die Textilindustrie, die Verbraucher und der Gesetzgeber müssen eine bewusste Wahl treffen. „Und zwar jetzt und damit den Lauf der Welt verändern. Sich miteinander verantwortlich zeigen – aus dem Herzen heraus.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen