Rätselhafte Unterwasserhügel vor Lindau: Taucharchäologen wollen „Stonehenge“-Geheimnis lüften

 Die Taucharchäologen bei ihrer Arbeit vor Lindau.
Die Taucharchäologen bei ihrer Arbeit vor Lindau. (Foto: Tobias Pflederer)

Taucharchäologen sind wieder am Bodensee im Einsatz. Sie wollen wissen: Was hat es mit den rätselhaften Unterwasserhügeln vor Lindau auf sich?

Stundenlanges Tauchen bei einer Wassertemperatur von 13 Grad Celsius: Da muss schon viel Liebe und Engagement im Spiel sein. Die Taucharchäologen sind jetzt schon im sechsten Jahr am Bodensee. Sie haben den ältesten Einbaum Bayerns aus dem 12. Jahrhundert vor Christus sowie eine Schädelkalotte aus dem 10. bis 9. Jahrhundert vor Christus vor Wasserburg geborgen.

Jetzt haben sie sich an die Untersuchung der rätselhaften Unterwasserhügel vor Lindau gemacht – ehrenamtlich und in ihrer Freizeit. Und mit der eigenen Ausrüstung.

Wo es eher Fladen als Hügel sind

An einem Freitag tauchen ab: Gerhard Schlauch, Polizist und Sporttaucher, Gerd Knepel, Architekt, archäologischer Forschungstaucher und Tauchlehrer, Robert Angermayr, ein IT-Spezialist, Tauchlehrer und „technischer Taucher“, sowie Tobias Pflederer, Kardiologe und archäologischer Forschungstaucher, allesamt Mitglieder in der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie“ (BGfU). Die in Absprache mit dem Landesamt für Denkmalpflege gestellte Aufgabe: die fünf Unterwasserhügel vor Lindau, unter Experten Nr. 21 bis Nr. 25, untersuchen.

 Der Hügel wird von oben und von den Seiten fotogrammetrisch dokumentiert.
Der Hügel wird von oben und von den Seiten fotogrammetrisch dokumentiert. (Foto: Tobias Pflederer)

Mehr als 200 solcher Hügel wurden bei einer Untersuchung des Instituts für Seenforschung im Jahr 2015 am gesamten Bodensee dokumentiert – zuvor waren die Hügel, die sich teils wie auf einer Perlenschnur aneinanderreihen, unbekannt. Die meisten gibt es in der Schweiz zwischen Romanshorn und Altnau, deutlich weniger am bayerischen Bodensee-Ufer.

Die Hügel sind nach Angaben von Dr. Martin Wessels vom Institut für Seenforschung ein bis zwei Meter hoch, am bayerischen Seeufer wohl nur 20 Zentimeter, es handle sich „also eher um Fladen als um Hügel“.

80 000 Tonnen Steine

Rund 80 000 Tonnen Steine wurden für die Errichtung der Hügel verwendet. Es handelt sich um eines der weltweit größten Bauwerke der damaligen Zeit. C14-Analysen von Makroresten sowie von 14 geborgenen Hölzern an einem der Hügel legen eine Datierung in die neolithische Zeit (37. bis 34. Jh. v. Chr.) nahe.

Vor Lindau haben die Hügel einen Durchmesser von bis zu 15 Metern, sie sind oval bis kreisrund. Und sie sind in etwa gleich groß wie die Exemplare vor Wasserburg. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der Seespiegel im Neolithikum und in der Bronzezeit meist niedriger war. Handelt es sich um Grabhügel? „Eher nicht“, sagt Tobias Pflederer. „Dafür müsste auch in der Gegend eine Siedlung sein. Bisher wurde aber nichts gefunden.“

 Das Taucharchäologenteam vor Lindau (von links): Tobias Pflederer, Gerd Knepel, Robert Angermayr und Gerhard Schlauch.
Das Taucharchäologenteam vor Lindau (von links): Tobias Pflederer, Gerd Knepel, Robert Angermayr und Gerhard Schlauch. (Foto: Hildegard Nagler)

Der archäologische Forschungstaucher berichtet, dass es im Mittelmeer vor der Levante auch Steinhügel gibt. Die seien entstanden, weil an Bord der Kielschiffe Steine waren, damit der Kiel auch tief eintauchte. Vor der Hafeneinfahrt allerdings wurden sie ins Meer geworfen.

Für den Bodensee ist das eher unwahrscheinlich. „Hier sind Flachboote Usus.“ Tobias Pflederer kann sich vorstellen, dass die Hügel im Zusammenhang mit dem Fischfang stehen. „Aber das ist nur eine Hypothese.“

Haben die Hügel mit Begräbnissen oder Totenkult zu tun?

„Die schweizerischen ,Hügeli‘ des Bodensees befinden sich heutzutage 200 bis 300 Meter vom Ufer entfernt auf einem Höhenniveau der Hügelkuppen zwischen 390.8 und 392.7 Meter über Normalnull. Die Exemplare vor Wasserburg befinden sich etwas näher am Ufer (125 bis 150 Meter entfernt), weisen jedoch mit 391.5 Meter über Normalnull (Hügel 1) und 392.6 Meter über Normalnull (Hügel 2) ähnliche Höhenniveaus wie die schweizerischen Hügelkuppen auf“, sagt Tobias Pflederer.

 Gerd Knepel kommt von seinem Tauchgang zurück.
Gerd Knepel kommt von seinem Tauchgang zurück. (Foto: Hildegard Nagler)

Nehme man einen bislang minimalen Wasserpegel des Bodensees von 393 Meter über Normalnull an, so dürften sich die Steinschüttungen zu jeder Zeit unter Wasser oder (bei saisonalen Schwankungen) allenfalls knapp oberhalb der Wasserlinie befunden haben.

„Die Verwendung als weithin sichtbare kalendarische oder astronomische Anlagen erscheint daher ebenfalls schwer vorstellbar. Denkbar wären noch Plattformen in Zusammenhang mit Begräbnissen oder dem Totenkult am ,Übergang der Elemente zwischen Land und Wasser‘.“

Hügel wurden vermutlich von Menschen gemacht

Weil die Sicht nicht überall sehr gut ist, nehmen sich die Taucher an den sechs Einsatztagen Hügel Nr. 24 vor. Unter einer bis zu 30 Zentimeter dicken Steinschicht entdecken sie eine bis zu fünf Zentimeter dicke Holzschicht, die unter einer dicken Steinschicht „geologisch schwer vorstellbar ist“, so Tobias Pflederer.

„Die Steinschüttungen müssen mit hoher Wahrscheinlichkeit menschengemacht sein.“ Die Männer dringen mit einem Bohrer neun Mal bis zu zwei Meter tief ins Sediment ein, entnehmen Proben. Mit einer Unterwasserkamera dokumentieren sie den Hügel von oben und von den Seiten fotogrammetrisch. Mit Hilfe eines Computers setzen sie die bis zu 2000 Bilder später zu Fotomosaiken zusammen. Die so entstandenen 3-D-Modelle sollen, wie Tobias Pflederer erklärt, der weiteren Untersuchung dienen.

Es war die schiere Menge von Hügeln, die uns zum Handeln gebracht hat. Simone Benguerel vom Amt für Archäologie des Kantons Thurgau

In der Schweiz haben die Medien den Begriff „Stonehenge am Bodensee“ geprägt. Simone Benguerel vom Amt für Archäologie des Kantons Thurgau sagt denn auch: „Es war die schiere Menge von Hügeln, die uns zum Handeln gebracht hat.“ Nach Hügel Nr. 5 vor Uttwil sind die Experten jetzt dabei, Hügel Nr. 115 vor Kesswil zu untersuchen.

Auch im letztgenannten Hügel, der einen Durchmesser von 25 Metern hat, haben sie unter den Steinen Holz entdeckt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Hügeln in der Schweiz und denen in Lindau? „Den muss man sogar herstellen“, sagt Simone Benguerel. „Von der Konstruktionsweise her sind die Hügel sehr ähnlich. Vielleicht kann man sogar von einer Normbauweise sprechen.“

Holzproben gehen ins Labor

Vor Lindau entnehmen die Männer auch Steine, die auf der Holzschicht lagen. Ein Experte soll deren Ursprung klären – wie es auch in Kesswil vorgesehen ist. Die Holzproben aus dem Lindauer und aus dem Kesswiler Hügel werden in einem Labor einer C14-Analyse unterzogen. Mindestens zwei Monate wird es dauern, bis das Ergebnis vorliegt, sagt Tobias Pflederer.

Vier bis sechs Stunden waren die Taucher in Lindau pro Tag im Wasser. Damit war es nicht getan: Bis in die Abendstunden haben die Unterwasserarchäologen ihre Arbeit dokumentiert, zu Hause wird die Aufarbeitung noch mindestens eine Woche dauern.

Rätsel um „Stonehenge am Bodensee“ beschäftigt Forscher noch länger

In der Schweiz dauern die Taucharbeiten noch bis Ende kommender Woche. Auch Simone Benguerel sagt, man gehe davon aus, dass es sich um ein von Menschen gemachtes Kulturgut handle, „etwas ganz Spezielles“. Artefakte wie zerbrochene Gefäße, wie man sie in Pfahlbausiedlungen gefunden hat, oder beispielsweise Skelettteile würden bei der Lösung der Fragen, warum und wofür die Hügel gebaut wurden, weiterhelfen. Solche existieren aber nicht.

Bisher gibt es auch keine Antwort auf die Frage, warum die Hügel gerade in der Schweiz in einer derartigen Häufung vorkommen, warum am bayerischen Ufer im Vergleich dazu relativ wenige dokumentiert sind und warum am österreichischen Ufer keine bekannt sind. Das Rätsel um „Stonehenge am Bodensee“ wird also die Forscher weiter beschäftigen.

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