Provozierende Wandparolen an den Wänden des Bogy

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 Schülerinnen und Schüler des Lindauer Bodensee-Gymnasiums betrachten am Samstag, 20. September 1969, eine der APO-Parolen im Pa
Schülerinnen und Schüler des Lindauer Bodensee-Gymnasiums betrachten am Samstag, 20. September 1969, eine der APO-Parolen im Pausenhof der Unterstufe. (Foto: Heide Gralla/Repro: Schweizer)
Karl Schweizer

Die Empörung war groß, wie die Lindauer Zeitung am 22. September 1969 berichtete, „dass Außenwände und Fenster des Bodenseegymnasiums mit Parolen obszönen Inhalts beschmiert wurden, die sich hauptsächlich gegen den Leiter der Schule, Oberstudiendirektor Eugen Hümmer, richten…“.

In der Nacht von Freitag auf Samstag, den 20. September, (damals war Samstagsunterricht noch die Regel), waren mit verschiedenen Farben Parolen unter anderem an die Wände der beiden Pausenhöfe und des Fahrradabstellplatzes geschrieben worden. An der Turnhalle stand „Enteignet Hümmer jetzt!“, die Wand der Fahrradständer zierte der Schriftzug „Zuchtverein für Lakaien des Kapitals“. In den Pausenhöfen stand mit einer verunglückten Faust des SDS geschmückt unter anderem „Organisiert Euch – 1000 Jahre Hümmer sind genug!“, „Heil Hümmer – Du Klerikal-Faschist!“ und „Alle Lehrer sind Papiertiger“. Offensichtlich bildeten unter anderem Zitate von Mao Tse-tung sowie aus der Psychoanalyse Wilhelm Reichs den theoretischen Hintergrund der Parolenauswahl.

Ein Großteil der Schüler grinste erst einmal. Der Hausmeister hatte noch vor Unterrichtsbeginn den Direktor darüber informiert. Der Elternbeiratsvorsitzende, Polizist und CSU-Stadtrat Paul Krautmann, erstattete Anzeige gegen unbekannt. Die Kosten für die Entfernung der Parolen wurde auf mehrere Tausend D-Mark geschätzt. Die Schülersprecher aller Klassen versammelten sich umgehend, distanzierten sich von dem Ereignis und merkten dabei an, dass es die noch Unbekannten es „nicht einmal fertig brachten, Rechtschreibfehler zu vermeiden und sozialistische Symbole richtig zu malen.“ Bezüglich der Verwendung von Sexualausdrücken merkte Direktor Hümmer gegenüber der Presse an: „Hier müsse nun die sexuelle Aufklärung einsetzen.“

Eine Woche später waren vier Verdächtigte bereits von der Polizei vernommen worden. „Die Polizeibeamten sind überzeugt, dass als Täter zwei Studenten in Freiburg, ein Soziologie-Student in München und die Freundin eines Studierenden in Freiburg infrage kommen (…) Alle drei Studenten haben vor zwei Jahren das Bodensee-Gymnasium verlassen; offenbar aber auch mit einem Zorn auf die Schule…“, so die Lokalzeitung. Diese zitierte zehn weitere Tage später auch Direktor Hümmer, wie dieser in der BoGy-Elternversammlung öffentlich die Namen der überführten drei Studenten nannte, Anselm Kreuzhage aus Nonnenhorn, Peter Ullrich und Frank Ballot aus Lindau.

Punktueller Dilettantismus

Der punktuelle Dilettantismus der Aktion hatte sich unter anderem darin gezeigt, dass die Dreiergruppe das verwendete Auto in der Nähe des Tatortes in der Achstrasse abgestellt hatte, um die Farbkübel und Pinsel nicht so weit tragen zu müssen. Spraydosen waren damals in Lindau noch nicht erhältlich. Dabei waren sie gesehen und das KfZ-Kennzeichen war notiert worden. Einen Teil der Farben hatten die Aktivisten zudem dem Farbenvorrat des Vaters des Soziologiestudenten entnommen. Spuren davon fand die Polizei später im verwendeten PKW. Die eingeweihte, nicht aber aktiv beteiligte Lindauer Junglehrerin war während des Verhörs derart unter Druck gesetzt worden, dass sie in dessen Verlauf die Tatvorbereitungen skizziert hatte.

Einer der Beteiligten, Peter Ullrich (1946 bis 2019), Lindauer Polizistensohn und Besitzer sowie Fahrer des verwendeten VWs mit dem Freiburger Kennzeichen, schilderte Jahre später seine Beweggründe für die Aktion unter anderem wie folgt. „Wir waren überzeugt von der Notwendigkeit, die ‚Revolution’ auch in die Provinz zu tragen, die immer noch den Schlaf der Ahnungslosen genoss. Damals gab es den SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) und auch die AUSS (Aktion Unabhängiger Sozialistischer Schüler). Wir wollten also eine Art Initialzündung liefern, auf dass der Aufstand losbreche in der intellektuellen Hochburg Lindaus, dem BoGy (…)

Wir wollten den (folgenden, Anm. der Redaktion) Prozess zu einem Tribunal gegen die schwarze Pädagogik an dieser Schule machen, indes, die 1970 erlassene Amnestie für die Studentenvergehen verhinderte dieses. Zivilrechtlich mussten natürlich die Kosten von 20 000 DM für die Neubemalung übernommen werden.“

Aus der erhofften „Initialzündung“ wurde vorerst nicht viel. In einem Klassenzimmer der Oberstufe fand sich an dem Morgen zu Unterrichtsbeginn an der Tafel eine schriftliche Solidarisierung. Auf oben erwähnter späteren Elternversammlung wurde von Elternseite aus gerügt, dass in den fünften Klassen „ein ziemlich scharfer Ton“ herrsche und die Religionsnoten seien „Gesinnungs- und nicht Wissensnoten“. Der BoGy-Abitursjahrgang 1969/1970 verweigerte im Sommer darauf erstmals auf eine offizielle Abiturientenverabschiedung durch die Schule und feierte selbstorganisiert teilweise seine bestandene Reifeprüfung am Degersee.

Lindaus APO-Organisation, das „Republikanische Form“, löste sich nach 32 „Forumsmonaten“ im Dezember 1970 auf. Etliche seiner bisherigen Mitglieder mischten sich nun aktiv in Parteien, Kultureinrichtungen und Gewerkschaften ein.

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