Plötzlich Sorgen um das Geld – Lindauer Schuldnerberaterin wappnet sich für intensiven Herbst

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ARCHIV - 17.02.2013, Niedersachsen, Hessisch Oldendorf: ILLUSTRATION - Ein kleines Mädchen spielt an einem Klettergerüst auf ein
Die Sorge der Schuldnerberatung Lindau wiegt schwer: In naher Zukunft könnten noch mehr alleinerziehende Mütter und damit auch die Kinder in finanzielle Nöte geraten. (Foto: Julian Stratenschulte)
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Die Schuldnerberatung der Diakonie Lindau spricht jeden an, der sich Sorgen um seine finanzielle Situation macht. Man müsse nicht schon den Gerichtsvollzieher am Hals haben, um sich Hilfe zu holen, sagt Christiane Norff. Je früher man sich beraten lasse, desto besser seien die Chancen aus der Not zu gelangen. Beratung und Terminabsprache unter 08382 5042620.

Seit 2019 gibt es die Schuldnerberatung der Diakonie in Lindau. Obwohl in den Wochen der Krise immer mehr Menschen Hilfe suchen, ist der große Ansturm bisher ausgeblieben. Im Interview mit Emanuel Hege erklärt Schuldnerberaterin Christiane Norff wieso die Nachfrage in diesem Jahr dennoch weiter steigen wird, wie wichtig ihre Arbeit mit Schülern ist und welche Gefahr im Onlineshopping steckt.

Frau Norff, inwieweit hat sich Ihre Arbeit durch die Corona-Krise verändert?

Weil wir ein systemrelevanter Beruf sind, haben wir die Beratungsstelle die ganze Zeit offen gehalten. Wir haben nur telefonisch beraten, es war anfangs durch den Shut-Down allerdings sehr ruhig. Seit vier Wochen haben wir aber wieder einen größeren, naja als Ansturm würde ich das nicht bezeichnen, aber eine größere Nachfrage. Wir beraten wieder persönlich, aber nur nach Terminvereinbarung, dass die Abstände eingehalten werden und nicht acht Personen gleichzeitig bei uns im Gang stehen. Derzeit melden sich viele für ein Erstgespräch, außerdem kommen auch viele, die auf ihrem Konto einen Pfändungsschutz einrichten wollen. Ich vermute allerdings, dass die Nachfrage spätestens im Herbst nochmal ansteigen wird. Aktuell gibt es ja noch Erleichterungen vom Gesetzgeber.

Lindauer Schuldnerberaterin wappnet sich für intensiven Herbst
Nach den Kontaktbeschränkungen will Christiane Norff mit der Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen beginnen. (Foto: Joern Lorenz)

Welche Erleichterungen sind das und wo steckt da die Gefahr, wenn diese wegfallen?

Aktuell gibt es das Sozialschutzpaket. Das sind verschiedene Erleichterungen vom Gesetzgeber, die bis zum 30. Juni gelten. Unter Umständen wird das Paket bis zum 30. September verlängert. Zum Beispiel können Mietzahlungen ausgesetzt werden, ohne dass der Vermieter bei zwei offenen Mieten kündigen kann, was hier im Landkreis ganz gerne gemacht wird – bei der Wohnungsnot. Gleiches gilt für Grundversorgungsverträge wie Strom, Gas, Wasser und Telekommunikation. Es wird jedoch immer vorausgesetzt, dass die finanziellen Schwierigkeiten direkt auf die Auswirkungen der Pandemie zurückzuführen sind. Also wenn die Person Kinder betreuen muss, durch Kurzarbeit weniger verdient oder die Arbeit verloren hat. Die Zahlungen setzt man aber nur aus, bis in zwei Jahren muss man alles wieder zurückzahlen. Da wird bei uns eine sehr große Nachfragewelle für Schuldnerberatung aufschlagen. Wem das Geld jetzt fehlt, der hat es dann ja nicht auf einmal im Herbst wieder zur Verfügung und kann rückwirkend für die letzten sechs Monate zahlen. Das ist für mich noch nicht ausgereift, wie man damit umgehen kann.

Sie meinten, dass es derzeit viele Erstgespräche gibt. Wie hat sich durch die Krise die Zusammensatzung derer verändert, die Hilfe suchen?

Es sind jetzt schon mehr Personen dabei, die eigentlich in einer Beschäftigung sind. Diese Menschen sind in Kurzarbeit geraten oder sind einfach verunsichert. Erfreulicherweise sind auch immer wieder Personen dabei, die sich einfach Sorgen machen und noch gar nicht überschuldet sind – frühe Hilfe ist oft wirksamer, da scheint sich gerade etwas zu ändern. Ansonsten haben wir Menschen die schon sehr lange überschuldet sind, bei denen man merkt, dass das keine neue Entwicklung ist.

Scheuen Personen mit Geldproblemen den Gang zur Schuldnerberatung – gerade jetzt, da viele zum ersten Mal diese Sorgen haben?

Ich glaube nicht, dass die Menschen abgeschreckt sind. Wir sind sehr gut vernetzt mit allen möglichen Beratungsstellen im Landkreis, die vermitteln die Leute an uns. Natürlich gibt es eine gewisse Hemmschwelle: Wer hier herkommt, der muss uns schon Auskunft geben, und zwar wahrheitsgemäß. Wie ist die Einkommenssituation? Was habe ich denn noch so an Vermögensgenständen? Und natürlich erwarten wir in Einzelfällen, dass die Person ein Haushaltsbuch über mehrere Wochen führt. Einige wissen nicht, wie viel Geld sie überhaupt zur Verfügung haben. Zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter, die nicht so strukturiert ist, bekommt Leistungen vom Jobcenter, Unterhalt, Kindergeld und Kinderzuschlag. Das ist teilweise ein riesiger Strauß an Zuwendungen, den man überblicken muss und auch in Anspruch nehmen sollte. Wir versuchen diesen Überblick zu geben, dass die Person lernt, das Geld einzuplanen. Zu jeder Zeit zu wissen, wo sie gerade steht und nicht immer nur auf Sicht fahren zu müssen.

Eigentlich war Ende Mai eine bundesweite Aktionswoche der Schuldnerberatung mit Fokus auf Kinder geplant? Warum sind die Kleinen beim diesem Thema speziell zu beachten?

Überschuldung ist ein Problem, das nicht isoliert betrachtet werden darf. Es ist eben nicht so, dass eine verschuldete Familie oder alleinerziehender Elternteil unter finanziellen Probleme leidet und das Familienleben und andere Lebensbereichen dabei gut im Griff hat. Wer Ängste hat – Ende des Monats kein Essen mehr kaufen zu können, dass die Miete nicht gezahlt werden kann und die Kündigung vor der Tür steht – der ist sehr belastet. Wir erleben oft, dass Überschuldung einhergeht mit psychischer Erkrankung, allgemeiner Gereiztheit und Verschlechterung der Stimmung in der Familie. Oder es wird versucht, die Situation zu verheimlichen. Diese Spannungen entladen sich im Umgang mit den Kindern. Für die ist es außerdem schwierig zu verstehen, warum es so harte Reaktionen der Erwachsenen auf Kleinigkeiten im Alltag gibt. Oder warum die Eltern mehr streiten.

Schuldenprävention ist ein großes Teil ihrer Arbeit. Hier werden Kinder direkt angesprochen – was steckt dahinter?

Schuldenprävention soll frühzeitig Menschen dazu befähigen, mit finanziellen Begebenheiten umzugehen und wirtschaftliche Zusammenhänge auf einfache Weise zu verstehen. Beispielsweise, dass ich nur das Geld ausgeben kann, was ich auch habe oder dass alles was wir konsumieren, irgendwie Geld kostet. In Lindau haben wir die Schuldnerberatung im Januar 2019 geöffnet, im letzten Jahr haben wir uns mit dem Aufbau der Beratungsstelle gekümmert, die Präventionsarbeit in Schulen war für dieses Jahr angedacht – was aktuell nicht zum Tragen kommt. Wir haben aber eine Maßnahme mit Christine Wörsching vom Kinderschutzbund entwickelt. Dritt- und Viertklässler sollen in diesem Projekt an ihren Werten arbeiten. Es geht dabei gar nicht um Geld, wir entwickeln mit den Kindern ein Werteverständnis anhand verschiedener Lebensläufe. Sie sollen lernen, was ihnen wichtig ist, was sie ausmacht und verstehen, dass es nicht um Dinge geht, die sie haben. Bei älteren Klassen geht es in der Prävention darum, aufzuzeigen wie lange Eltern beispielsweise für ein neues Longboard arbeiten müssen. Da haben Kinder oft kein Verständnis. In diesen Klassen versucht man bewusst zu machen, was das Leben als Familie kostet, wie viel man beispielsweise für die Wohnung zahlt oder das selbst der Strom für das Handy in der Steckdose bezahlt werden muss.

In Anbetracht von immer mehr Konsumgütern, die online einfacher zu kaufen sind – Ist die Präventionsarbeit für Sie notwendiger denn je?

Das ist das, was wir in der Beratung bei Erwachsenen festgestellt haben. Aufgrund der Verfügbarkeit der Waren und der vielen Finanzierungsmöglichkeiten, gerade im Onlinebereich, gibt es viele Probleme. Man kann alles bestellen mit verschiedenen Möglichkeiten der Bezahlung. Mittlerweile gibt es Finanzdienstleister, bei denen man noch nicht einmal mit dem Unternehmen, bei dem man einkauft, eine Ratenvereinbarung eingeht – sondern bei jemand anderem, der das dann bezahlt. Mit der schnellen Erreichbarkeit durchs Internet kann man innerhalb kurzer Zeit große Einkäufe tätigen, unabhängig davon, ob man das mit dem eigenem Geld bezahlt. Es gibt nicht mehr das klassisches Sparen, dass man auf etwas hinzuarbeiten, dass man sich auf etwas vorfreut. Alles ist jederzeit verfügbar, der Wert des Geldes nimmt für viele Menschen ab.

Die Schuldnerberatung der Diakonie Lindau spricht jeden an, der sich Sorgen um seine finanzielle Situation macht. Man müsse nicht schon den Gerichtsvollzieher am Hals haben, um sich Hilfe zu holen, sagt Christiane Norff. Je früher man sich beraten lasse, desto besser seien die Chancen aus der Not zu gelangen. Beratung und Terminabsprache unter 08382 5042620.

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