Offen und ausdrucksstark: Jugendliche tanzen sich frei

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Schwäbische Zeitung

Für eine Stunde stand die Zeit am Dienstagabend im Bregenzer Festspielhaus still. Was die rund 40 jungen Tänzerinnen und Tänzer, die unterschiedlicher nicht sein konnten, gemeinsam mit dem Vorarlberger Symphonieorchester auf die Bühne gebracht haben, riss die Zuschauer zu lang anhaltendem Applaus hin. Die spannende Inszenierung zu der Komposition von Alfred Schnittkes „Sketches“ zeigte junge Menschen, die ihren künstlerischen Ausdruck gefunden haben – und brachte die Zuschauer immer wieder zum Staunen.

Die Bilder wechseln schnell, mal sind alle auf der Bühne, dann wechseln sich verschiedene Formationen ab: Mit erstaunlicher Sicherheit setzen die Tänzer die 14 Bilder von „Sketches“ in Bewegung um. Sie wirken wie eine harmonische Gruppe, dabei könnten die jungen Menschen unterschiedlicher nicht sein. Sie kommen aus verschiedenen Ländern, sind gut behütet aufgewachsen oder aus ihrer Heimat geflüchtet, Schüler und Lehrlinge, erfahrene Tänzerinnen und Jugendliche, die noch nie auf der Bühne gestanden haben. Es ist das Verdienst von Brigitte Walk (Regie) und Anne Thaeter (Choreografie) daraus eine harmonische Gruppe gemacht zu haben, in der jeder seinen Platz gefunden hat. Und das, ohne Abstriche am künstlerischen Anspruch zu machen. Denn der war in diesem grenzübergreifenden Projekt hoch.

Die spannungsgeladene und abwechslungsreiche Musik des russisch-deutschen Komponisten Schnittke, vielfarbig gespielt vom Vorarlberger Symphonieorchester, unter der Leitung von Martin Kerschbaum, gibt den jungen Darstellern viel Platz. Da ist Tempo, da sind unerwartete Brüche. Mal stampfen sie über die Bühne, dann springen sie wie Pferdchen, drehen sich, wälzen sich am Boden oder verharren plötzlich in der Bewegung. Die musikalischen Themen wirken wie Charaktere, die oftmals ins Absurde verdreht und humorvoll umgedeutet werden.

Die Darsteller geben viel von sich Preis. Ob sie wie Clowns Faxen auf der Bühne machen oder sich vorsichtig annähern und sich zärtlich an die Schulter des andern schmiegen: beeindruckend, wie die jungen Menschen aus sich heraus gehen und ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Auch junge Männer, die man sonst beim Tanz eher selten findet, zeigen sich offen – und bestechen durch ihren ganz eigenen Ausdruck.

Das Zusammenspiel mit dem Symphonieorchester, das die energiegeladene Kraft von Schnittkes Musik eindrucksvoll wiedergibt, klappt hervorragend. Die jungen Tänzer achten auf die Einsätze der Musiker, aber auch die haben die Tänzer immer im Blick. Die Zuschauer erleben so ein harmonisches Miteinander, das durch die modernen Videoprojektionen von Matthias Kulow und die dezente Ausstattung (Elisabeth Pedross) stimmig abgerundet wird.

Sie sind an Seilen festgebunden, versuchen sich frei zu kämpfen und werden doch immer wieder von anderen zurückgezogen: Eine starke Szene, die zeigt, wie der Mensch gefangen ist in Konventionen und doch immer wieder versucht auszubrechen. Beeindruckend sind auch die Tänze, in denen die Jugendlichen sich mit der Frage beschäftigen, wie wichtig Äußerlichkeiten sind. Dann stolzieren sie provokant mit Kussmund-Masken über die Bühne oder lassen das Mädchen mit dem unscheinbaren Mantel alleine stehen.

Keine Frage: Das Niveau ist sehr unterschiedlich. Einige erfahrene Tänzerinnen stechen deutlich heraus. Doch die spielen sich nicht in den Vordergrund, sondern ordnen sich wie selbstverständlich in die Formation ein. Der Zuschauer spürt am Ende eines kurzweiligen Abends, dass die jungen Menschen, die vor diesem Projekt eigentlich nur wenig vereint hat, inzwischen zu einer Gruppe zusammengewachsen sind. Dafür, aber auch für ihre beeindruckende Darstellung wurden sie mit lang anhaltendem Applaus und Standing Ovations belohnt.

Das Symphonieorchester Vorarlberg und das „walktanztheater“ veranstalteten gemeinsam das zeitgenössische Tanzstück. Für die Choreografie war Anne Thaeter zuständig, die in Lindau das „Tanzhaus“ leitet. Die Probenarbeiten gingen über ein halbes Jahr. Aus Lindau waren auch zehn Schüler des Bodenseegymnasiums Lindau und acht Tänzerinnen des Tanzhaus Lindau dabei. Ein Video dazu gibt es unter www.schwaebische.de/Sketches

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