Oberliga hofft auf Hilfe vom Land: Wie die Freien Wähler die Eishockeyvereine unterstützen möchten

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EVL-Vorsitzender Bernd Wucher (von links) erklärt den Abgeordneten Bernhard Pohl und Leopold Herz seine Sorgen.
EVL-Vorsitzender Bernd Wucher (von links) erklärt den Abgeordneten Bernhard Pohl und Leopold Herz seine Sorgen. (Foto: MArtin Deck)
Martin Deck

Als Bernhard Pohl die Eissportarena im Lindauer Eichwald betritt, muss er erst einmal das Smartphone zücken. „Das ist ja einmalig“, sagt der Abgeordnete der Freien Wähler im bayerischen Landtag, während er einen Schnappschuss von der traumhaften Bodensee-Alpen-Kulisse direkt vor dem Stadion macht. Pohl kann das beurteilen, als ehemaliger Präsident des ESV Kaufbeuren hat er viele Eisstadien in Deutschland gesehen – aber noch nie eines mit so einem Ausblick.

Auch die EV Lindau Islanders wissen um die besondere Lage ihrer Heimspielstätte – auch wenn sie diese in den vergangenen Jahren immer wieder verflucht haben. Weil der Nebel vom See durch die offenen Seitenwände immer wieder in die Arena zog und die Sicht ein normales Spiel nicht erlaubte, standen schon einige Partien vor dem Abbruch. Jetzt aber, sagt der Vorsitzende des EVL, Bernd Wucher, „könnte das für uns ein Segen sein“. Die Verantwortlichen hoffen, dass durch die im halboffenen Stadion bessere Luftzirkulation wieder Zuschauer ins Stadion dürfen, wenn die neue Saison der Eishockey-Oberliga wie geplant am 16. Oktober startet.

Eben aus diesem Grund sind Pohl und sein Parteikollege Leopold Herz am Dienstag an den Bodensee gereist. Sie wollen den Islanders und den anderen Teams der Oberliga Süd ihre Unterstützung aussprechen, wenn es darum geht, die Zuschauer zurück ins Stadion zu bekommen. „Eishockey lebt von der Stimmung. Die bekommst du am Fernseher nicht mit. Ein Spiel ohne Zuschauer ist auch für die Sportler nicht einfach“, sagt Herz.

Vor allem aber träfe eine Saison ohne Zuschauer die Vereine finanziell hart. „Sollten die Oberliga Süd und die Bayernliga ihren Spielbetrieb vor leeren Rängen durchführen müssen, wird dies möglicherweise zu einer Pleitewelle führen, die auch vor Traditionsvereinen nicht Halt macht“, warnte kürzlich der Präsident des Deutschen Eishockey-Bunds (DEB), Franz Reindl, nach einem Gespräch mit Bernhard Pohl, der einen Vorstoß zur Förderung des Mannschaftssports in Bayern anführt und seine Fraktion im Landtag bereits von seinen Plänen überzeugt hat. Diese hat Anfang Juli einen Dringlichkeitsantrag auf Unterstützung des Teamsports gestellt. Jetzt gehe es aber noch darum auch den Koalitionspartner, die CSU, mit ins Boot zu holen, sagt Pohl, der bereits mehrere Gespräche mit Innen- und Sportminister Joachim Herrmann geführt hat. „Der Minister hat großes Verständnis für die Lage der Vereine gezeigt“, berichtet Pohl. „Ich bin zuversichtlich, dass wir zu einem guten Ergebnis kommen.“

Ziel der Freien Wähler ist es, dass das Land Bayern das Fördermodell des Bundes, das nur für die Topligen DEL und DEL2 greift, für die Ober- und Bayernliga übernimmt. Dieses sieht vor, bis zu 80 Prozent der Zuschauereinnahmen aus der vergangenen Saison zu übernehmen, sollten keine oder nur wenige Fans ins Stadion dürfen. Das gilt auch für die Sportarten Basketball, Volleyball und Handball. „Vor allem aber im Eishockey gibt es dringenden Handlungsbedarf“, sagt Pohl. Einerseits könne man die Saison anders als in anderen Sportarten nicht verschieben, da nur von September bis Mai Eis zur Verfügung stehe. Andererseits hätten die Vereine enorme Kosten, etwa durch die teure Ausrüstung und die Eisherstellung. Der haushaltspolitische Sprecher der FW-Fraktion rechnet damit, dass es etwa 50 Millionen Euro benötige, um die Sportvereine in Bayern zu retten. „Wir können und dürfen es uns nicht leisten, dass Traditionsvereine vor die Hunde gehen.“

Welche Einnahmen den Clubs ohne Zuschauer verloren gehen, erläutert Bernd Wucher. Beim EV Lindau machen die Zuschauereinnahmen mit rund 200 000 bis 250 000 Euro pro Jahr etwa 25 Prozent des Gesamtbudgets aus. Bei anderen Vereinen in der Oberliga wären es bis zu 60 Prozent. Hinzu kämen fehlende Gelder von Sponsoren, für die Werbung im Stadion nur wenig Sinn macht, wenn diese von niemandem gesehen wird und sie keine VIP-Pakete für ihre Kunden erhalten. Die EVL-Verantwortlichen rechnen damit, dass die Sponsoreneinnahmen um 100 000 bis 120 000 Euro im Vergleich zur Vorsaison zurückgehen könnten. Geld, das nicht nur der Oberligamannschaft, sondern auch der Nachwuchsarbeit fehlt. „Die Vereine sind die größten Sozialarbeiter der Stadt.“

Wucher hofft deshalb, dass zumindest eine beschränkte Anzahl von Zuschauern ins Stadion darf. „Mit 600 bis 650 könnten wir leben.“ Auch wenn bis zu 1250 in die Eissportarena passen, wäre das etwa der Zuschauerschnitt der vergangenen Saison. Aktuell arbeitet das Vorstandsteam an einem Konzept, wie die Abstände und die Hygienestandards eingehalten werden können. Möglichst bald wollen sie dem Gesundheitsamt einen ersten Entwurf präsentieren.

Zudem ist bereits jetzt relativ sicher, dass die Oberliga in der kommenden Saison mit SpradeTV kooperieren wird, die Spiele also gegen Bezahlung per Livestream im Internet zu sehen sind. „Aber es ist sicher nicht so, dass man mit den paar Zugriffen die fehlenden Zuschauereinnahmen kompensieren kann“, sagt Bernd Wucher, der hofft, dass die Freien Wähler die CSU möglichst bald von einer Unterstützung überzeugen können, damit die Vereine Planungssicherheit bekommen. „Wir wollen den Fans, Mitgliedern und Sportlern keine leeren Versprechungen machen. Deshalb brauchen wir die Unterstützung der Politik, um konkret planen zu können.“ Ansonsten könnten die Aussichten auch für das Eishockey in Lindau trotz traumhafter Kulisse vor dem Stadion schon recht bald recht düster werden.

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