Nudeln, Mineralwasser, Hüte und Kaffee

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 Ein Kuriosum am Rande, das Schaufenster im ersten Stock des ehemaligen Kaufhauses Morath in der Ludwigstraße. Auf dem Weg zu Li
Ein Kuriosum am Rande, das Schaufenster im ersten Stock des ehemaligen Kaufhauses Morath in der Ludwigstraße. Auf dem Weg zu Lindaus Fabrikengeschichte zeigt Iris Möller am Tag des offenen Denkmals auch ein Stück Lindauer Kaufhausgeschichte. (Foto: isabel kubeth de placido)
Isabel Kubeth de Placido

Mit elf jungen Einzeldenkmälern hat sich Lindau in diesem Jahr beim Tag des offenen Denkmals präsentiert und dabei gezeigt, wie modern und fortschrittlich diese Bauten und Anlagen in ihren jeweiligen Zeiten gewesen sind. Mit dazu gehörten auch jene Gebäude, in denen zur Hochzeit der Industrialisierung kleine Fabriken auf der Lindauer Insel gegründet worden waren. Ein Stück Lindauer Industrialisierungsgeschichte, zu der Iris Möller vom Stadtbauamt bei ihrer Führung „Gefertigt in Lindau – Beispiele kleiner Fabriken auf der Insel“ rund 20 Denkmalenthusiasten zumindest symbolisch die Türen öffnete.

„Ludwigstrasse 7“ lautet der Treffpunkt, den Iris Möller vom Stadtbauamt als Treffpunkt für jene 20 Interessierten angegeben hat, die sich zu der Führung „Gefertigt in Lindau – Beispiele kleiner Fabriken auf der Insel“ angemeldet haben. Es ist kalt, aber wenigstens hat es aufgehört zu regnen. Doch sicherheitshalber, sollte es wieder anfangen, bittet Iris Möller einen der Teilnehmer, ihr den Schirm zu halten. Was, wie sich im Laufe der fast dreistündigen Führung zeigen wird, vorausschauend ist. Denn, wenngleich Iris Möller den Interessierten zwar die Augen geöffnet haben mag, die Türen zu den Denkmalen bleiben zumindest bis fast ganz zum Schluss geschlossen.

Friedrichshaller Bitterwasser frisch aus der Apotheke

Die Ludwigstrasse 7 ist, weil Anhaltspunkt, jedoch tatsächlich nur als Treffpunkt gedacht. Hinein geht es in jenes Gässchen direkt daneben, das kein Straßenschild hat. Trotzdem hat es einen Namen. „Sattlergängle“ heißt es und endet an der Rückseite des Gebäudes, das den Lindauern als „Engelsapotheke“ bekannt ist. Hinter dem verschlossenem Tor verstecken sich laut der Pläne, die Iris Möller zeigt, ein Hof und ein Laubengang. Ein weiteres, aber leerstehendes Gebäude mit einem hohen Satteldach und Fachwerk gehört noch heute zu dem Anwesen, auch wenn es sich außerhalb des Tores befindet. Und genau hier wurde einmal Mineralwasser hergestellt. „Die Mineralwasser-Fabrik der Engel-Apotheke in Lindau“, wie es auf der alten Anzeige heißt, die Iris Möller mitgebracht hat, wurde 1871 zum ersten Mal im Lindauer Tagblatt erwähnt. Die Anzeige informiert zudem darüber, dass hier verschiedene Wässer produziert wurden. Neben diversen Kurwässern, wie „Selterswasser“, „Friedrichshaller Bitterwasser“ und „Lithconwasser“ auch, die wahrscheinlich süße „Limonade gazzeuse“, das „Smoothie der Industrialisierung“, wie Iris Möller schmunzelnd sagt. Allerdings vermutet sie auch, dass es diese Fabrik nur kurze Zeit gegeben habe. Quasi als Zusatz zur Apotheke. Denn schon 1930 zeigen neue Pläne, dass sich in eben jenem Erdgeschoss, in dem sich die Fabrik nebst Kohlenraum, schon wieder ein Lager befand.

Ungewöhnlich: Ein Schaufenster im ersten Stock

Vorbei am ehemaligen Kaufhaus Morath in der Ludwigstrasse (heute Uhsemann), das die älteren unter den Denkmalenthusiasten noch als Kaufhaus für Bekleidung sowie für Kurz- und Haushaltswaren kennen und das als Kuriosum ein Schaufenster im ersten Stock besitzt, geht es weiter in die Fischergasse und durch das Kickengässele in die Hintere Fischergasse. Hier steht zwischen den alten, pittoresken Häusern mit den spitzen Dächern ein schlichter, grauer, dreigeschossiger „Neubau“ mit einem beinahe schon flachen Dach. „So etwas würde es heute gar nicht mehr gehen“, sagt die Expertin vom Stadtbauamt. Im Jahr 1873 jedoch, als Friedrich Egg dieses Gebäude baute, um hier seine Dampf-Filzhut-Fabrik zu etablieren, in der er immerhin 31 Mitarbeiter beschäftigte und die mit einem Dampfkessel, einer Blasmaschine, Walkerei und Färberei ausgestattet war, war es den Stadtältesten wohl egal, ob sich der „Kasten“ ins mittelalterliche Bild der Stadt einfügt oder nicht. Verkauft hat der Fabrikant seine Filz-, Stoff- und Seidenhüte bis 1927 in seinem Laden in der Fischergasse 50 (heute Memories).

Maccaroni-Nudelnaus der Cramergasse

Als weiteres Beispiel der Lindauer Fabrikgeschichte führt Iris Möller die Teilnehmer zur Cramergasse 5, jenem Gebäude, in dem Jakob Friedrich Fleck 1838 seine Fabrik gründete, die er einfach nach dem benannte, was er darin produzierte: „Maccaroni-Nudeln-Fabrik“. Ein reines Produktionsgebäude, in dem im Erdgeschoss die Eierkörbe neben der MAN-Dampfmaschine standen, im Obergeschoss die Walzen und die Mischmaschine und im Dachgeschoss die Kreissäge für die Bretterkisten. Als einziges Haus in Lindau außer den großen Hotels, besaß die Nudelfabrik übrigens einen Lift. Hier wurde bis 1951 produziert. Allerdings war die Flecksche Maccaroni-Fabrik nicht die einzige Nudelfabrik auf der Insel. Bis 1969 produzierte auch Caroline Seeberger in der Bürstergasse 10 und 12 Nudeln. Die Eier gab es übrigens vom Eierfabrikanten Overreit aus der „Glocke“ am Unteren Schrannenplatz.

Während jedoch keine dieser Fabriken mehr existiert, ist die Henslersche Kaffeerösterei am Marktplatz das letzte Überbleibsel jener kleinen Fabriken auf der Lindauer Insel, die heute wohl die treffendere Bezeichnung „Manufakturen“ erhalten würden. Hier öffnete Firmeninhaber Ernst Hensler die Türen und erzählte den Interessierten nicht nur Interessantes über das erste Joint-Venture- Unternehmen Lindaus, das Anton Hensler zusammen mit Otto Clamel 1883 als KG-Gesellschaft gründete, sondern auch einiges über die Tradition des Kaffeeröstens.

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